Der Dichter am Ball : Die Erinnerungen an Eishockey enden bei der Uhrzeit

Autor Arne Tiedmann tritt am Hafen auf.
Autor Arne Tiedmann tritt am Hafen auf.

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02. März 2018, 16:00 Uhr

Sieh mal an! Draußen spielen die Kinder seit Tagen nicht mit ihren ferngesteuerten Spionagedrohnen, Fußball (wie altmodisch) oder exekutieren sich gegenseitig mit ihren blau-orangenen Gummigeschossen, sondern sie spielen auf der zu Eis festgefahrenen Schneedecke des Wendehammers tatsächlich Eishockey. Zwei Mülltonnen simulieren das Tor, und wenn der eine Junge die kleine, schwarze Hartgummischeibe aus kürzester Entfernung dem anderen Jungen im Tor gesundheitsgefährdend um die Ohren geballert hat, ist sein immer wiederholter Reporterkommentar „Es ist unglaublich, schon wieder Tor für Deutschland!“, so wie er es wahrscheinlich aus einem der als Eishockeywunder betitelten Spiele gegen Schweden, Kanada und, trotz der Niederlage, auch Russland im Fernsehen gehört hat.

Obwohl mich das Gekreische von unten auf der Straße im Grunde nervt und ich mir nichts sehnlicher als Tauwetter wünsche, nehme ich die Szenerie mit einem wohligen Lächeln hin. Denn ich denke ein paar Jahrzehnte zurück, als ich auf dem zugefrorenen Graben hinterm Haus meiner Eltern oder auf dem Baggersee bei Bauer Heesch in Kollmar selbst Weltmeisterschaften oder die selteneren Olympiaturniere als Spieler und Kommentator in Personalunion nachstellte. Meine Helden waren die kantigen, vierschrötigen Recken Didi Hegen, Erich Kühnhackl und natürlich die von jeglichem Körperschmerz befreiten Brüder Gerd und Bernd Truntschka. Die Zeiten im Tor verbrachte ich mit wachem Blick kauernd als Karl Friesen oder Beppo Schlickenrieder. Allesamt Männer so schroff wie Naturkatastrophen, die in Interviews ohne Schneidezähne alles, nur kein Hochdeutsch sprachen und sowieso – Eishockeymannschaften hatten damals noch keine Tiernamen.

Zugegeben stark angefixt durch die Erfolge der deutschen Mannschaft neulich bei Olympia, nahm ich mir, übermannt von melancholischen Erinnerungen an früher, vor, das Finale live im Fernsehen zu verfolgen. Doch das auch nur so lange, bis ich im Fernsehprogramm nachlesen konnte, dass die Zeit des ersten Bullys auf 5:10 Uhr morgens terminiert war, eine Zeit, zu der ich nicht einmal wochentags aufstehe.

Ich bin zwar ein sentimentaler und äußerst romantischer Mensch, aber soweit habe ich meine Emotionen dann doch unter Kontrolle, dass ich mich davon nicht beeindrucken lasse. Und außerdem weiß ich ja: Bei der Weltmeisterschaft im Mai werden die Verhältnisse wieder zurechtgerückt und unten im Wendehammer wird längst schon wieder Fußball gespielt.

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