Dichter am Ball : Dabei sein ist alles – die Bundesjugendspiele

mb235

shz.de von
03. Juli 2015, 14:00 Uhr

Meine Damen und Herren, liebe Hunde. Ich denke, ich habe in der Vergangenheit schon mehrmals anhand des Zeitgeists den sofortigen Untergang des Abendlandes prophezeit und dann ist nichts dergleichen passiert. Doch nun ist es scheinbar wirklich soweit!

Im Internet läuft nämlich aktuell eine Petition, die die Abschaffung der Bundesjugendspiele zum Ziel hat. Ich glaub es hackt! Was denn noch alles bitteschön? Eine Mutter aus Konstanz will 25.000 Stimmen sammeln und diese Liste dann der für die Bundesjugendspiele zuständigen Bundesministerin sowie den Kulturministern und -Ministerinnen (so viel Zeit muss sein) der Länder vorlegen. Der Grund ist das offenbar katastrophale Abschneiden ihres eigenen Sohnes beim traditionellen Dreikampf bestehend aus Laufen, Springen und Werfen. Er kam enttäuscht nach Hause, weil er weder Ehren- noch Siegerurkunde errungen hatte, sondern es lediglich eine Teilnehmerurkunde gab. Tja.

Wer früher zu schlecht beim Rennen, Hüpfen und Schmeißen war, bekam selbstverständlich nichts dafür. Heute wird den Flitzpiepen das sportliche Versagen jedoch mittels einer Teilnehmerurkunde sogar noch bescheinigt.

Für die einen sind die Bundesjugendspiele ein fröhliches Fest für den Sport und ein Vormittag ohne Aufpassen und an die Tafel glotzen, für die anderen eine jährlich wiederkehrende Demütigung in Turnhosen, bei denen sie beim 50 Meter-Lauf sogar von den einen Lauf später startenden Kindern noch überholt werden.

Wenn ich mich an meine eigene Schulzeit erinnere, dann haben damals selbst die größten Sportdeppen von uns die Bundesjugendspiele mit Würde ertragen und recht olympisch durchgezogen. So etwas wie ein Trauma hat keiner davongetragen und letztendlich waren die Spiele genauso Teil des Unterrichts, wie Englischarbeiten oder in Mathe an der Tafel vorgeführt zu werden. Und genau das war dann meine persönliche Demütigung. Bundesjugendspiele waren nur einmal im Jahr, Mathe und Englisch dafür so gut wie jeden Tag. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich für diese Fächer so etwas wie eine Teilnehmerurkunde verdient gehabt hätte.

Ich plädiere also hiermit vehement für einen Erhalt der Bundesjugendspiele, schließlich brauchen auch Schüler wie ich es einer war zumindest einmal im Jahr so etwas wie Anerkennung und das Gefühl den naturwissenschaftlichen Leistungsschweinen und affektierten Sprachgenies etwas voraus zu haben und sei es nur der Wisch mit der Unterschrift des Bundespräsidenten drauf.

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