Tipp Kick zur EM 2020 : Ungarische Spielkunst setzt sich gegen das DFB-Team durch

Mehr Spieler als Schlachtenbummler in der OHA-Arena: Doch Moritz Behr und Imre Sallay freuen sich über die Unterstützung, die Marko Bartels auch optisch liefert.
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Mehr Spieler als Schlachtenbummler in der OHA-Arena: Doch Moritz Behr und Imre Sallay freuen sich über die Unterstützung, die Marko Bartels auch optisch liefert.

Der Pianist und Konzertmeister Imre Sallay besiegt für Ungarn den Klasse-Volleyballer Moritz Behr.

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22. Juni 2021, 17:26 Uhr

Soviel Zeit und soviel Ordnung müssen sein: Die Werbebande „Ostholsteiner Anzeiger“ hat sich gelöst. Da greift Imre Sallay, Vorsitzender der deutsch-ungarischen Gesellschaft in Kiel kurzerhand zum Klebestift und beseitigt das kleine Problem. Die OHA-Arena steht beim Spiel Ungarn gegen Deutschland auswärts, statt in der Eutiner Redaktion wird das kleine schmucke Kästchen auf dem frisch gemähten Rasen im Garten von Imre Sallay in Altenholz aufgebaut, damit für das Spiel des Pianisten und Kapellmeisters gegen den Kapitän der Zweitliga-Volleyballer Adler Kiel, Moritz Behr, alles bereit ist.

Das ist zurzeit bei der EM 2020 los:

Ein schattiges Fleckchen sucht man vergeblich, heiß brennt die Sonne auf den Rasen hinab. Mehr als 30 Grad im Schatten bedeuten mindestens 35 Grad in der Sonne. Sallays Hemd ist schnell genauso verschwitzt wie das von Robin Gosens nach dem Portugalspiel. Beide „Mannschaften“ und auch die Fankurve sind zweimal geimpft,

Die beiden Fankurven vereinigen sich in der Person Marko Bartels, Schriftführer des Vereins, der deutsche und ungarische Kultur zusammenführen will. Diplomatisch hat er Schwarz-Rot-Gold in der rechten und Rot-Weiß-Grün in der anderen Hand. Dabei kommentiert er munter und fachkundig den nächsten Spielzug.

Wir spielen die EM-Spiele der deutschen Nationalmannschaft in der OHA-Arena vor.
Harald Klipp
Wir spielen die EM-Spiele der deutschen Nationalmannschaft in der OHA-Arena vor.
 

„Das ist bestimmt schon zehn bis 15 Jahre her“, erinnert sich der 28-jährige Moritz Behr an seine frühen Tipp-Kick-Erfahrungen. Er hat seine Sportlaufbahn in der Fußballjugend der BSG Eutin begonnen, ist dann zum Polizeisportverein Eutin gegangen, um unter den Trainern Arne Friedrichsen und Günter Krispin Volleyball zu spielen. Der PSV wurde mehrfach Jugend-Landesmeister, das junge Team stieg in der U20 in die 3. Liga der Erwachsenen auf – und fiel dann auseinander. Studium und Berufsausbildung lenkten die Wege der Sportler. Behr ging – zusammen mit Robin Hanke – zu Adler Kiel und gehört inzwischen zu den besten Spielern, die in der 2. Bundesliga aktiv sind.

Frühe Führung für Ungarn

Imre Sallay staunt über die Fußballfiguren: „Das habe ich noch nie gespielt!“ Und er macht sich schnell daran, das Betriebssystem des Spielers zu erkunden. Der Tipp auf den Knopf im Kopf des Kickers bringt erste Erfolge. Die Einspielzeit vergeht wie im Fluge. Marko Bartels nimmt die Zeit – und schon nach 45 Sekunden zischt der schwarz-weiße Ball ins Netz. 1:0 für Ungarn.

Frühstücksbrettchen für die Torräume

Die Finger des Musikers sind kräftig und arbeiten präzise. Aber ein Vorteil sei das nicht, sagt der 73-Jährige: „Wenn der Untergrund eben wäre, wäre das etwas anderes.“ Dabei hat er die Torhüter schon auf festen Boden gestellt. Mit zwei Frühstücksbrettchen hat er die Fünf-Meter-Räume stabilisiert. Moritz Behr hat in der Abwehr tatsächlich beide Hände voll zu tun, den zweiten strammen Schuss wehrt er noch ab, doch der dritte Versuch bringt das 2:0, schnörkellos, der Künstler auf der anderen Seite hat hart und flach abgezogen, der Mini-Manuel Neuer hat keine Chance. Imre Sallay reißt jubelnd die Arme hoch.

Espresso als Pausengetränk

Halbzeit, Zeit für einen Espresso – heiß hilft bei Hitze – oder ein Wasser, oder für Beides. Ein kurzer Plausch, und schon geht es weiter. Fürsorglich hat der Gastgeber Sitzkissen als dämpfende Unterlage auf den Rasen gelegt.

Sándor Kocsis, Nándor Hidegkuti, Ferenc Puskás und Gyula Grosics

Deutschland und Ungarn – da war doch etwas? 1954 gab es bei der Weltmeisterschaft in der Schweiz zwei Spiele gegeneinander. In der Vorrunde gewann Ungarn 8:3, im Endspiel in Bern hatte Bundestrainer Sepp Herberger eine stärkere Mannschaft aufgestellt – und auch mehr Glück. „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen, Rahn schießt! Tor! Tor! Tor! Tor!“ Imre Sallay kennt die Namen der ungarischen Spieler aus dem Eff-Eff. „Sándor Kocsis war ein überagender Spieler, dann Nándor Hidegkuti und der große Ferenc Puskás“, schwärmt der Künstler.

Gyula Grosics in die Provinz verbannt

Die Ungarn waren damals das bestimmende Team im Weltfußball, hatten als erste Mannschaft die Engländer im Wembleystadion besiegt. Und dann die sensationelle Niederlage im Endspiel. Die Nation war enttäuscht, die Regierung noch mehr. Torwart Gyula Grosics hatte drei Dinger reingelassen. Das war zuviel. „Grosics musste danach in der Provinz spielen“, sagt Sallay und schlägt sich die flache Hand auf die Stirn, denn er kann das auch heute noch nicht fassen.

Die Spieler in der OHA-Arena sind mit vollem Einsatz bei der Sache, sie probieren Schusstechniken aus und suchen die optimale Abwehrposition. Die Spielzeit vergeht wie im Fluge. Eine Minute vor Schluss knackt Behr den ungarischen Abwehrriegel, doch mehr als das 1:2 ist für Deutschland an diesem heißen Sonnabend um die Mittagszeit nicht drin. „Glückwunsch!“ Moritz Behr bietet die Fingerknöchel zum Abklatschen an.

Die Begeisterung beim Wiedersehen, sowohl von Orchester-, als auch von Chormitgliedern ist nicht zu beschreiben. Imre Sallay, Kontermeister in Kiel über die ersten Tage nach den Corona-Lockerungen
 

„Wir haben als Zweitligaspieler Glück, dass wir trainieren und spielen durften“, berichtet der Zuspieler. Denn die Kieler Adler fallen unter die Sportkategorie „Profis“. Die Erlebnisse von Imre Sallay sind emotionaler: „Die Begeisterung beim Wiedersehen, sowohl von Orchester-, als auch von Chormitgliedern ist nicht zu beschreiben.“ Die Nachrichten seien in den letzten Wochen immer besser geworden, man habe beginnen können, zu planen: „Die Chöre können probieren, das Orchester kann probieren, Konzerttermine werden geträumt...“ Es ist zu hören, wie nahe ihm die Entwicklung geht.

Die deutsche Mannschaft wird Europameister! Moritz Behr, Volleyballspieler bei Adler Kiel
 

Viel leichter kommt ihm der Kommentar zur EM über die Lippen: Er lobt Ungarn und Frankreich, beschreibt wortreich die Spielkunst der Italiener und räumt auch dem deutschen Team Chancen ein, wenn sie sich auf ihre Tradition als Turniermannschaft besinnt, die sich von Spiel zu Spiel steigert.

Frankreich gegen Deutschland:

Moritz Behr legt sich fest: „Die deutsche Mannschaft wird Europameister!“ Er gratuliert seinem Gegenüber neidlos zum Sieg.

Das war das Spiel gegen Portugal:

Dann werden zwar nicht die Wimpel getauscht, aber zum Zeichen der Verbundenheit gibt es ungarischen Wein für den Volleyballer und zwei Freikarten zu einem Punktspiel der Adler für den Musiker. „Ich will euch auf jeden Fall spielen sehen“, sagt Imre Sallay, den der kleine sportliche Vergleich trotz der glühenden Mittagshitze hörbar begeistert hat.

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