Vor 80.000 im Volkspark gegen Rio

 Erinnerungen: Helmut Schmuck  vor einem Foto mit einer Spielszene 'Schmuck gegen Uwe Seeler' Foto: rst
Erinnerungen: Helmut Schmuck vor einem Foto mit einer Spielszene "Schmuck gegen Uwe Seeler" Foto: rst

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27. August 2009, 11:33 Uhr

Heiligenstedten | "Ich soll da angeblich mit dem Kopf noch dran gewesen sein, dabei hatte unser Torhüter Henry Peper den Ball ins eigene Tor gefaustet", ist Helmut Schmuck noch immer überzeugt. Der Fußball-Oldie spricht von der Qualifikation zur Endrunde der deutschen Meisterschaft 1957 in Düsseldorf. Holstein Kiel hatte gegen Kickers Offenbach mit 2:0 geführt und noch 2:3 nach Verlängerung verloren. Ein Eigentor brachte Holstein auf die Verliererstraße und noch heute streiten sich die damaligen Akteure darüber, wer dafür verantwortlich war.

Der heute in Heiligenstedten lebende Helmut Schmuck war einer von ihnen. Der heute 77-Jährige war 1953 in die Landeshauptstadt gewechselt, nachdem ihn sein Vater wegen Antritt zur Lehre im eigenen Betrieb, kurzerhand beim Hamburger SV abgemeldet hatte. Die Lehre trat Schmuck zwar an, doch mit seinem Vater redete er kein Wort mehr.

Schmuck wurde 1931 in Itzehoe geboren und begann seine Fußballerkarriere in einer Straßenmannschaft. "Während des Krieges gab es keine Vereine. Mein alter Mitstreiter Hugo Ohlsen hatte mich seinerzeit in das Suder Straßenteam geholt. 1946 wurden wir ins Itzehoer Stadion beordert und dann für die Jungmannen des Itzehoer SV aussortiert", erzählt Schmuck. Ein Jahr spielte Schmuck bei den ISV-Jungmannen, wurde aber mit 16 schon in den Ligakader geholt. Kurt Baluses hieß der damalige Coach des ISV, der eine Mannschaft vorwiegend aus Königsberger Flüchtlingen trainierte. Jürgen "Spatzi" Scheffler, Gerd "Pinsel" Reich, Jockel Krause und Rudi Schönbeck waren damals Namen mit Klang. "Hugo Ohlsen und ich waren die einzigen Itzehoer in dieser Mannschaft", erzählt Helmut Schmuck, der 1949 von "Schorsch" Knöpfle zum Hamburger SV geholt wurde. Mit Rudi Schönbeck, der gleichzeitig beim FC St. Pauli angeheuert hatte, fuhr Schmuck dreimal die Woche mit dem Zug zum Training nach Hamburg. "Drei Jahre habe ich beim HSV gespielt, bis mein Vater mich dort abgemeldet hat. Trainer Knöpfle hat das sehr bedauert, war aber sicher, dass wir uns auf dem Fußballplatz bald wiedersehen. 1954 war es tatsächlich soweit, als ich mit Holstein bei Werder Bremen spielte, wo er mittlerweile Trainer war."

Helmut Schmuck trainierte nach seinem "Zwangsausstieg" beim HSV in Lägerdorf. "Spiele habe ich für den TSV allerdings nicht bestritten, denn schon bald war Hans Tauchert aus Kiel zu Besuch bei mir, der mich als Vertragsspieler zu Holstein geholt hat", erzählt Schmuck von seinem ersten Kieler Trainer, auf den er große Stücke hielt ("Das war mein bester Trainer"). Mit Nachfolger Helmut Johannsen kam Schmuck dagegen nicht so klar. "Der wollte, dass ich als rechter Außenläufer Defensivaufgaben übernehme. Das war aber nicht mein Ding, deshalb hat er Peter Ehlers mit auf meine Seite gestellt". Der SHFV-Ehrenpräsident musste Schmuck`s Fehler ausbügeln. "Das hat er zwar nicht gern gemacht, nach dem Spiel war beim Bierchen aber wieder alles in Ordnung", so Schmuck.

Bis 1959 spielte Schmuck bei Holstein. Nachdem er seine Frau Monika kennengelernt hatte, mit der er mittlerweile über 45 Jahre verheiratet ist, wollte Schmuck eigentlich die Fußballstiefel an den Nagel hängen. Es kam aber anders, denn beim Urlaub auf Sylt traf er seinen alten Mitstreiter Jockel Krause, der sich als Trainer bei Altona 93 vorstellen sollte. "Er schleppte mich mit dorthin und so war ich bis 1963 in Hamburg aktiv." Dort hatte er sein größtes Fußball-Erlebnis. "Zur Flutlichteinweihung im Volksparkstadion sind wir als Gegner des brasilianischen Meister Fluminense Rio ausgelost worden. Vor 80 000 Zuschauer hatten wir beim 0:5 zwar keine Chance, es war aber ein unvergessliches Highlight."

Schmuck war viermal zu "Repräsentativspielen" in die Nordauswahl eingeladen worden, die traditionsgemäß gegen den Süden Deutschlands stattfanden. "1957 habe ich Horst Schnoor, Jochen Meinke und Uwe Seeler zusammengespielt. Wir haben 3:1 gewonnen. Ich durfte sogar durchspielen. Uwe Seeler hat zwei Tore geschossen. Ich weiß aber nicht mehr, wer die Vorlagen gegeben hat", erinnert sich Helmut Schmuck augenzwinkernd. Bundestrainer Sepp Herberger empfing ihm nach dem Spiel mit dem Daumen nach oben. "Helmut ist ein Talent, aber davon haben wir ja so viele, sagte Herberger damals. Auf seinem Notizblock bin ich wohl nicht gelandet."

Das Kapitel Altona war 1964 beendet. So ganz ohne Fußball ging es danach aber dennoch nicht. Nach Monaten ohne Training ging Schmuck "in die Breite". "Der Arzt hat mir dringend empfohlen, wieder etwas zu tun. Ich hab dann mit einigen ehemaligen Mitspielern aus Altona noch ein paar Jahre in Uetersen gespielt."

1972 war Schmuck stolzer Besitzer eines Wohnhauses in Heiligenstedten. Wichtig dabei, dass ein Bolzplatz in der Nähe war. "Dort haben wir mit Eltern aus der Nachgarschaft nach Feierabend ein wenig mit den Kindern gekickt. Daraus hat sich dann die vierte Mannschaft des TSV Heiligenstedten entwickelt - ein Team fast ausschließlich mit Altherrenspielern, das dann in den untersten Kreisklassen kaum zu schlagen war. Zum Austrudeln habe ich dort noch einmal viel Spaß gehabt", so Schmuck.

Heute hat Helmut Schmuck sein Herz für den Jugendfußball entdeckt. Enkel Jan Martin spielt beim TSV Oldendorf, wo Opa Helmut natürlich oftmals als Zuschauer auftaucht. Klar dass der Großvater treibende Kraft in Sachen Fußball-Aktivitäten seines Enkels war. Kurzzeitig hatte er sogar den Trainerjob übernommen. "Ich schaue mir gern Jugendspiele an, doch nicht nur wenn Jan Martin spielt. Begeistert bin ich immer wieder von den ganz Kleinen in der Pampers-Liga", so Schmuck.

Aber auch beim Handball ist der 77-Jährige häufig Zuschauer, denn Enkelin Fenja ist in die Fußstapfen von Tochter Kerstin getreten und hatte beim Münsterdorfer SV in der weiblichen Jugend A sogar Oberligaluft geschnuppert.

Die Fußball-Bundesliga verfolgt Schmuck ständig mit seinem Nachbarn Claus Müller, der als ehemaliger Torwart bei Kilia Kiel ebenfalls "Experte" ist. "Wir sitzen Sonnabends bei mir im Keller und schauen uns die Spiele bei Premiere an. Jeder hat hier seinen Sessel, damit wir uns gemütlich zurücklehnen können", sagt Schmuck.

Sein eigentliches Hobby ist allerdings Radfahren. "Ich bin oft unterwegs - bei Wind und Wetter. Wenn ich ausnahmsweise spazieren gehe, werde ich schon mal gefragt, ob mein Fahrrad kaputt ist." Freitags hat Schmuck allerdings eine besondere Vorliebe. Dann trifft er ehemalige Mitstreiter wie Hans-Dieter "Butsch" Schuldt, Helmut Lipp oder Dieter Biendara, den Schmuck in den 50ern mit nach Kiel "gelotst" zum Kaffeetrinken im Hagebaumarkt vor den Toren Itzehoes. "Das haben wir zur ständigen Einrichtung gemacht" erzählt Helmut Schmuck. Der Fußball steht dort zwar nicht mehr im Mittelpunkt, allerdings bleibt es nicht aus, dass die alten Zeiten hin und wieder mal aufleben.

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