Leichtathletik : Von der Stör an den Rhein

Silber mit der Mannschaft gewann Anna Gehring (Mitte) bei der Cross-EM in der Slowakei.
1 von 2
Silber mit der Mannschaft gewann Anna Gehring (Mitte) bei der Cross-EM in der Slowakei.

Die Spitzenläuferin Anna Gehring wechselt vom SC Itzehoe zum ASV Köln. Ihr großes Saisonziel lautet: Start bei Leichtathletik-EM in Berlin.

von
04. Januar 2018, 04:59 Uhr

Auf neuen Wegen schreiten zwei hoffnungsvolle Steinburger Sportlerinnen, die den Status als Riesentalent längst hinter sich gelassen haben. Neben Triathletin Nina Eim (Bericht folgt) verlässt auch die Läuferin Anna Gehring den heimischen Itzehoer Kosmos. Sie trat bereits im Oktober ein Medizin-Studium in Köln an, startete aber bis Jahresende noch für den SC Itzehoe. Seit dem 1. Januar ist der ASV Köln der neue Verein der DLV-Kaderathletin.

Was den Studienort angeht, hätte es auch eine andere Stadt als Köln sein können. Für die Domstadt sprach allerdings, dass dort der Aufnahmetest im Verhältnis zur Abitur-Note gleichwertig ist. Ein Vorzug der dortigen „Hochschule des Spitzensports“, das dem besonderen Spannungsfeld zwischen akademischer und sportlicher Herausforderung Rechnung trägt. An anderen Hochschulen hat der Numerus Clausus in der Regel eine wesentliche höhere Bedeutung. So musste es über den Medizinertest gehen. Mit Erfolg. Allerdings gab es sehr spät Gewissheit – erst Anfang September war klar, wohin die Reise geht.

Die ersten Veranstaltungen im Wintersemester begannen schon Ende September. Erst zwei Tage zuvor hatte die angehende Medizinerin ein Pflegepraktikum am Uniklinikum in Lübeck beendet. Da war nicht wirklich viel Zeit, um sich eine passende Unterkunft zu suchen. Aber hier waren die vielfältigen Kontakte aus dem Sport eine große Hilfe. „Am Anfang hatte ich nicht einmal eine eigene Bude, aber ich konnte für die erste Zeit bei Bekannten in Leverkusen unterkommen. Das war kein Problem“, sagt die 21-Jährige.

Trainingslager mitten im Semester sind auch kein allzu großes Hindernis – jedenfalls, wenn man an der Hochschule des Spitzensports studiert. Es wird dort in Kleingruppen gearbeitet, so dass das Versäumte gut wieder aufzuholen ist. Nur so war es der Studentin möglich, im Oktober/November an einem dreiwöchigen Höhentrainingslager des DLV in Südafrika teilzunehmen.

Auch in sportlicher Hinsicht war das Jahr 2017 durchaus erfolgreich – wenn auch mit Höhen und Tiefen. Schon früh schaffte die Itzehoerin Ende April beim Läufermeeting in Berlin über 5000 Meter mit 15:52 Minuten die Qualifikation für die U23-Europameisterschaft im polnischen Bydgoszcz im Juli. Tags darauf (!) gelang ihr auf der doppelt so langen Strecke in Kaltenkirchen auf der Straße eine bisher noch nie erreichte Zeit von 33:47 Minuten. Ihren Titel als deutsche U23-Meisterin verteidigte Anna Gehring dann in Leverkusen Ende Juni auf ihrer Paradestrecke 5000 m. Nachdem sie zunächst noch ihre Hamburger Kollegin Karolin Kirtzel weit über die Hälfte des Rennens mitzog und ihr ebenfalls zur EM-Quali verhalf, lief sie die letzten fünf Runden im Alleingang und gab mächtig Gas. Am Ende verfehlte sie ihre eigene Bestleistung nur um drei Sekunden.

Das ließ noch auf einige Luft nach oben schließen – eine weitere Bestzeit schien in Sicht. „Genau das wollte ich ja auch bei der EM in Bydgoszcz zeigen, aber dazu ist es leider nicht mehr gekommen“, sagt Gehring im Rückblick mit einem Seufzen. Neben der großen Hoffnung kostete sie hier auch schon die große Bitterkeit des Spitzensports. Bereits nach Polen gereist legte eine Fußverletzung die Läuferin für lange Zeit auf Eis. Untätig war sie zwar nicht: Aqua-Jogging, Schwimmen, Radfahren – als gelernte Triathletin kein Problem. „Ich habe jeden Tag durchaus ambitioniert Sport gemacht, bin aber drei Monate lang nicht gelaufen.“

Ein Happy-End bot das Jahr 2017 aber dann doch: Die Verletzung war rechtzeitig genug ausgeheilt, um im November in Darmstadt die Qualifikation für die Cross-EM der Juniorinnen in der Slowakei zu schaffen. Dort kam Anna Gehring zwei Wochen später in der Einzelwertung auf einen angesichts der Vorgeschichte sehr guten zwölften Rang und gewann mit der Mannschaft sogar Silber – gemeinsam mit der neuen Kölner Vereinskollegin Vera Coutellier.

Anna Gehrings Verbindung zum ASV Köln bestand schon länger – zumindest über dessen Vereinscoach Henning von Papen. Denn der 65-Jährige begleitete die Itzehoer Langstrecklerin auch schon in seiner Funktion als DLV-Trainer über eine lange Zeit. Insofern ist auch der Wechsel von ihrem Itzehoer Heimtrainer André Beltz zum Kölner Coach ein fließender Übergang, zumal von Papen seit März beratend an der Trainingsplanung mitgewirkt hatte. „Für mich ist es immer sehr wichtig, dass es auch menschlich zwischen Athlet und Trainer funktioniert“, sagt Gehring. „Das ist mit Henning ähnlich, wie es in der Zusammenarbeit mit André über viele Jahre gewesen ist.“ In Köln laufe es in ihrer Trainingsgruppe ähnlich familiär wie in Itzehoe ab. Das habe es ihr leicht gemacht, sich gut einzuleben. Von manchen könne sie sich sogar noch etwas abschauen, wie zum Beispiel von Hanna Klein, der diesjährigen WM-Endlaufteilnehmerin über 1500 m in London.

Anna Gehrings großes Ziel für 2018 ist der Start bei der Europameisterschaft in Berlin im August. Sie strebt dabei sowohl die Qualifikationszeit über 5000m (15:40 min.) als auch 10 000m (32:55 min.) an. „Ich sehe mich nach wie vor als 5000-Meter-Läuferin, aber über die längere Strecke könnte es leichter sein, früh die Norm zu schaffen.“ Dafür will sie bis März mit langen Läufen erst einmal die Grundlagen aufbauen. Das dient der Ausdauer, aber auch der Vorbeugung vor Verletzungen. Es folgt ein vierwöchiges Höhen-Trainingslager im amerikanischen Flagstaff. Danach gibt es auch kürzere Läufe, um die Endgeschwindigkeit in der letzten Rennphase zu stabilisieren.

Geplante Starts sind bisher die Cross-WM der Studenten im schweizerischen St. Gallen Anfang April. Die weitere Trainings- und Wettkampfplanung will die 21-Jährige davon abhängig machen, wie zügig sie die EM-Norm schafft. „Ich würde aber auch zu gern wieder beim Itzehoer Störlauf starten. Mal schauen, ob das klappt.“

Mit etwas Wehmut, aber auch viel Stolz gibt SCI-Trainer Andre Beltz „seine“ Athletin ab. „Ich wünsche natürlich alles Gute für die Zukunft und hoffe, dass wir uns bei Wettkämpfen oder Heimatbesuchen regelmäßig wiedersehen können.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen