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Fußball : Vom Eigengewächs zur Vereinslegende

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Hans-Jürgen Karzimirow war 17 Jahre lang Stammspieler in der Liga des Itzehoer SV. In der DFB-Schülerauswahl kickte er gemeinsam mit Ulli Hoeneß und Paul Breitner.

Aus der Riege der vielen lokalen und oft als Legenden titulierten Ex-Fußballer ragt mit Hans-Jürgen Karzimirow (Foto) der langjährige Vorstopper des Itzehoer SV zweifellos heraus. Der mittlerweile 62-jährige (Jahrgang 1951) gehörte dem Ligakader des Traditionsclubs als Eigengewächs von der Serie 1968/69 bis 1984/85 sage und schreibe 17 Jahre lang (!) ununterbrochen an, noch dazu als stets unumstrittener Stammspieler. Was für Eintracht Frankfurt einst der „treue Charly” (Körbel) bedeutete, war für den Itzehoer SV jedenfalls der „treue Katze”. Während bei Körbel 602 Bundesligaspiele für Eintracht zu Buche stehen, wurden für Karzimirow in Itzehoe allein 750 Spiele im Dress der ISV-Liga-Elf hochgerechnet. Das sucht heutzutage seinesgleichen.

Mit dem Spitznamen „Katze” (eigentlich vom Namen abgeleitet „Karze”) ist das Itzehoer Urgestein durch seine langjährige Mitwirkung im Leistungsfußball auch überregional bei vielen Fußballern noch heute ein Begriff. Vor allem in und um Itzehoe genießt er nicht nur bei alten Weggefährten als außerordentlich verdienter Sportler insbesondere durch seine sprichwörtliche Bodenständigkeit und Bescheidenheit große Wertschätzung und ist bei den vielen Fans von früher populär wie eh und je. „Katze” schaut vor Ort noch heute auf den Sportplätzen auch in unteren Klassen regelmäßig und gern vorbei, immer mit einen lockeren Spruch auf den Lippen. Er gehört dort zu den bekannten Gesichtern.

Großes Aufsehen um seine Person mag er aber gar nicht. So bedurfte es bis zur Entstehung dieses Artikels auch einiger Überredungskünste. „Nee, lass man. Das ist nicht meine Welt”, pflegt der gebürtige Itzehoer bei entsprechenden Anfragen sein Licht lieber unter den Scheffel zu stellen.

Ein Beispiel für den Bekanntheitsgrad des Itzehoer Ex-Vorstoppers lieferte indes einmal kein geringerer als der amtierende Bayern-Präsident Uli Hoeneß anlässlich eines Gastspiels des Rekordmeisters in Itzehoe im Jahr 1988. Auf die Frage, welche hiesigen Fußballer ihm spontan einfallen würden, antwortete der damalige Manager ohne lange Überlegung: „Hans-Jürgen Karzimirow aus Itzehoe und Jochen Aido aus Lübeck. Mit beiden habe ich zusammen in der Schüler-Nationalmannschaft gespielt. Daran erinnere ich mich genau.” Hoeneß freute sich beim Auftritt der Bayern in Itzehoe dann auch sichtlich über das Wiedersehen mit Karzimirow.

Tatsächlich wurde der Itzehoer 1965/66 in die Schüler-Nationalelf (U 15) berufen und war in den zwischen 1956 und 1975 alljährlich allein gegen England stattfindenden Schüler-Länderspielen zweimal dabei. Man spielte in Berlin vor Kulissen von jeweils 80 000 überwiegend jugendlichen Zuschauern aus den Berliner Schulen. Auch das Fernsehen war schon damals live dabei. Nominierungen für die Auswahl erhielten die durchweg 14- und 15-jährige Talente vom dereinst in DFB-Diensten stehenden Trainer Udo Lattek. Zu den Mannschaftskollegen Karzimirows zählte neben Uli Hoeneß und anderen später bekannten Bundesligaspielern nicht zuletzt auch Paul Breitner. Unter Lattek fanden vor den Spielen in Berlin-Wannsee einwöchige Lehrgänge statt. Natürlich waren dies für den Itzehoer besondere Höhepunkte.

„Als Nordlicht hatte man es in der DFB-Auswahl allerdings nicht leicht, weil die Süd-und Westdeutschen eine Front bildeten. Aber ich war damals groß gewachsen, kopfballstark und war so gut drauf, dass Lattek nicht an mir vorbei kam. Über die Karrieren von Hoeneß und Breitner habe ich mich später übrigens nicht gewundert. Beide, besonders Hoeneß, waren schon damals in der Gruppe die von Lattek besonders bevorzugten Leithammel und Lautsprecher”, erinnert sich der Itzehoer schmunzelnd.

Er selbst verzeichnete unter der Förderung des damaligen SHFV-Verbandstrainers Klaus-Peter Kirchrath auch diverse Berufungen in die Jugend-Auswahlteams des Landes und war daher bereits als Jugendlicher zu den Lehrgängen und Spielen viel auf Achse. Sein Wegbegleiter von der Westküste war dabei unter anderem häufig Hanko Ahlhausen vom Heider SV, mit dem er viele Jahre lang auch später im Ligabereich bei den legendären Westküsten-Derbys eine sportliche Rivalität pflegte.

Wegen seines außergewöhnlichen Talents avancierte der bereits in Jugendjahren sehr athletische Karzimirow bei seinem damals in der zweitklassigen Regionalliga Nord angesiedelten Heimatclub Itzehoer SV als Jugend-Nationalspieler und amtierender A-Jugend-Landesmeister bereits mit 17 Jahren zum Vertragsfußballer, womit sich für ihn ein Traum frühzeitig erfüllte. Für weitere SHFV-Berufungen kam er als Nichtamateur dadurch freilich nicht mehr in Frage. Sein Mentor war beim ISV seinerzeit Profi-Coach Kuno Böge (Holstein Kiel, St. Pauli), der den groß gewachsenen Youngster behutsam an die raue Vertragsliga heranführte. „In der ISV-Truppe spielten damals erfahrene Halbprofis wie Seibicke, Krogh, Michael Dähne, Lempfert oder Herbst. Als Co-Trainer fungierte mit Uwe Drews außerdem ein populärer Ex-Ligaspieler. Da habe ich am meisten gelernt, und befand mich bald in Topform. Deshalb waren das für mich insgesamt die besten Jahre meiner aktiven Zeit. Außerdem machte es Spaß, vor Kulissen von 5000, 6000 Zuschauern in Stimmung zu spielen. Das war damals völlig normal. An der Bremer Brücke in Osnabrück spielte man auch schon mal vor rund 20 000 Leuten”, blickt der für seine Schnörkellosigkeit und Kopfballstärke bekannte Ex-Vorstopper, der im Seniorenbereich übrigens zunächst als Libero begann, zurück.

In der Regionalliga konnte sich Karzimirow in intensiven Spielen gegen Top-Teams wie Osnabrück, St. Pauli, Bremerhaven, Holstein Kiel, VfB Lübeck, Barmbek Uhlenhorst, Bergedorf und anderen bald profilieren. Stets hitzige Duelle lieferte er sich schon zu Beginn seiner Laufbahn Ende der 1960er Jahre unter anderem mit Willi Reimann in Bremerhaven und Klaus Fock von BU, der zuvor neben Uwe Seeler zeitweilig Stürmer beim HSV war.

„Das waren Topleute, aber ich konnte mich behaupten und beide ausschalten, so dass ihnen kein Tor gelang. Reimann hatte gerade bei Hannover 96 seinen Vertrag unterschrieben und stand unter Beobachtung. Nach dem Spiel wollten sie mir auch einen Vertrag geben”, grinst Karzimirow. Entsprechenden Verlockungen hielt er aber stets stand. Ein Abschied vom ISV war für ihn fast undenkbar. „Ich hatte dem Verein und einigen Leuten im Umfeld viel zu verdanken. Da konnte und wollte ich nicht einfach so weg. Außerdem habe ich mich immer wohl gefühlt und viel Spaß gehabt. Deshalb gehörte ich auch nie zu denen, die fragten, wieviel es zu verdienen gab”, resümiert der Ur- Itzehoer, mit dem Vertragsverlängerungen für den ISV daher stets Selbstgänger waren.

Für diese Einstellung gibt es Gründe: „Katze” wuchs durch den frühen Tod seiner Mutter als Halbwaise überwiegend in einem Kinderheim unweit des Itzehoer Lehmwohldstadions auf. Von klein auf an war für den Straßenfußballer der Verein wie eine Familie. Sowohl durch diverse Betreuer als auch durch fußballbegeisterte Arbeitgeber wurden dem gelernten Bäcker und späteren Kraftfahrer Förderungen zuteil, die er auch als Verpflichtung betrachtete. So hielt er seinem Club erst in der Regionalliga (2. Liga), dann in der Amateur-Oberliga (3. Liga) und am Ende auch in der Verbandsliga (heute SH-Liga) die Treue.

Die einzige schwere Verletzung seiner langen Laufbahn war in den 1970ern ein Beinbruch, den er sich in einem Oberliga-Spiel in Bremerhaven bei einem Zusammenprall mit dem damals bekannten tunesischen OSC-Torjäger Mohamed Amiq zuzog. „Das war Pech, aber keine Absicht von Amiq. Davor lagen wir aber nach hitzigen Zweikämpfen schon mehrfach zusammen am Boden. Einmal spürte ich dabei plötzlich einen stechenden Schmerz im Kreuz. Da hat der Kerl mich doch tatsächlich gebissen. So ein Biss in den Rücken war für mich in all den Jahren eine einmalige Zweikampf-Erfahrung”, sieht der Abwehrmann die Episode heute mit Humor.

Den wegen Hausbaus freiwilligen Abschluss seiner Karriere in der ISV-Liga bildete 1985 im Übrigen die Landesmeisterschaft. Danach spielte der Abwehrmann noch viele Jahre bei den 2. und 3. Herren des Clubs und schließlich bis vor wenigen Jahren noch bei den Altherren. Hans-Jürgen Karzimirow lieferte demnach für den ISV hochgerechnet über 1500 Spiele ab und gilt als Rekordhalter, der von Insidern mit fast vergessenen Club-Legenden wie Franz Nagel und Heinz Priebe in einem Atemzug genannt wird.

Fußball spielen kann „Katze” wegen diverser Folgeschäden heute nicht mehr und hält sich mit Fahrrad fahren fit. Er ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn.

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