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Portait : Multitalent Michael Maaß: Vom Klasse-Torhüter zum Popchor-Leiter

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Der frühere Klassetorhüter des Itzehoer SV Michael Maaß hat sich vom Sport verabschiedet und macht jetzt hauptsächlich Musik.

shz.de von
erstellt am 10.Okt.2013 | 00:34 Uhr

Wer heute die Geschäftsräume der AOK in Brunsbüttel betritt, wird von einem freundlichen und junggebliebenen Mittsechziger empfangen, der aber glatt für 50 durchgehen würde und ein Schild mit dem Namen Michael Maaß am Revers trägt. Viele AOK-Mitglieder aus der Schleusenstadt und Umgebung schätzen diesen Kundenbetreuer seit rund 25 Jahren als kompetenten Ansprechpartner, aber nur wenige wissen, dass sie ein wahres Multitalent vor sich haben, dessen erste Lebenshälfte im Zeichen einer mehr als bemerkenswerten Fußball-Karriere stand.

Speziell im benachbarten Itzehoe besitzt der Name Michael Maaß in Kickerkreisen noch einen besonders guten Klang, denn der Dithmarscher widmete als eleganter Stammtorhüter in den 1970er Jahren die längste Zeit seiner Laufbahn als Leistungsfußballer dem mittlerweile in die Geschichte eingegangenen ISV, bei dem er sich nahtlos in die mit Rudi Schönbeck, Willi Genthe, Klaus Beyer, Holger Rupprecht oder Klaus Hansen-Kohlmorgen traditionell starke Riege der Torsteher einreihte.

Maaß wurde 1948 in Marne als Drillingskind (mit zwei Schwestern) geboren und stand bereits als Achtjähriger zwischen den Pfosten des örtlichen MTV, bei dem er alle Jugendteams durchlief. Kräftig unterstützt von seinem Vater, einem selbständigen Bäckermeister, avancierte der „Sonnyboy“ zum Supertalent und erhielt unzählige Berufungen in die diversen Auswahlteams des Landes bis hinauf in die des Bundes, wo 1971 unter Jupp Derwall ein Spiel mit der U 21-Nationalelf in Wien gegen Österreich (1:0) einen der vielen Höhepunkte bildete.

Als umworbenes Torwarttalent landete der Dithmarscher 1967 folgerichtig beim Hamburger SV, wo er hinter Arkoc Öczan und Erhard Schwerin dritter Torwart war und in der U 21 des HSV, damals Fohlenelf genannt, eingesetzt wurde. Am Rothenbaum musste der Nachwuchsmann sich unter dem legendären Fußballlehrer Georg Knöpfle (1964 Deutscher Meister mit dem 1. FC Köln) beim Training im Bundesligakader behaupten, dem damals noch Fußballgrößen wie Uwe Seeler, Willi Schulz, Bernd und Charly Dörfel oder Gerd Krug angehörten.

Irritiert erlebte der eher zurückhaltende Dithmarscher nebenher einen stets entfesselten Charly Dörfel, der sich nicht zu schade war, die Selbstdarstellung vor der HSV-Trainingskulisse mit peinlichstem Klamauk als Clown auf die Spitze zu treiben. „Derart Irrwitziges habe ich nie wieder erlebt. Aber wenn Charly im Training von links seine Bananenflanken vor das Tor zirkelte, gab es für uns Keeper nichts mehr zu lachen“, erinnert sich der Marner schmunzelnd. Aus seiner HSV-Zeit resultiert übrigens ein gleichwohl verzichtbares Andenken: eine sichtbare Lädierung des kleiner Fingers der rechten Hand, die ihn ein halbes Jahr pausieren ließ.

1970 folgte der Dithmarscher schließlich dem Ruf zurück an die Westküste, wo er beim damals in der zweitklassigen Regionalliga spielenden Heider SV unterschrieb. Bereits ein Jahr später zog es ihn aus sportlichen Gründen zu dem in jenen Jahren besser platzierten und gleichfalls in der Regionalliga mitwirkenden Lokalrivalen Itzehoer SV.

1973 gelang Maaß mit dem Wechsel zum VfL Wolfsburg ein bedeutender Karrieresprung. Vom ungarischen VfL-Trainerdenkmal Imre Farkaszinski persönlich angeworben, verbrachte Maaß in der VW-Stadt drei Jahre als Vollprofi zusammen mit Spitzenspielern wie Kemmer, Borutta, Dudda, Matz oder den Suchanek-Brüdern. Der Aufstieg in die 2. Bundesliga war 1974 mit diesem Team der größte Erfolg. Entsprechend der damaligen Organisation des VfL waren die Mitglieder des Profikaders bei Sponsor VW angestellt und verbrachten ihren Trainingsalltag auf dem Werksgelände.

Seine größten sportlichen Erfolge feierte der mittlerweile zum routinierten Profi herangereifte Holsteiner nicht nur mit seinem Arbeitgeber VfL, sondern auch als Keeper der Niedersachsen-Auswahl, mit der er 1974 im Länderpokal durch ein 1:0 über Bayern Deutscher Meister wurde.

Zweiter Torsteher war damals in der Niedersachsen-Auswahl kein geringerer als der aus Wunstorf stammende Uli Stein, mit dem Maaß ein Zimmer teilte. Dem seinerzeit vor der Unterzeichnung eines Profivertrages in Bielefeld stehenden Stein trat Maaß als VfL-Stammkeeper auf ausdrückliche Bitte des Verbandstrainers aus freien Stücken einen Einsatz in der Niedersachsen-Auswahl ab, um viel später aus den Stein-Memoiren zu erfahren, dass Maaß allein wegen der „starken Wolfsburger Lobby stets den Vorzug vor dem besseren Schlussmann“ (nämlich ihm, Stein) erhalten habe. „Im Fußball gibt es viele Egomanen. Stein war definitiv so einer“, lacht Maaß über diese Episode.

1976 trieb den Dithmarscher das Heimweh seiner Frau zurück in die Heimat, wo er sich erneut dem Itzehoer SV anschloss. „Der Weggang aus Wolfsburg war ein Fehler. Man wollte mich dort gern behalten, zumal ich damals Topform besaß. Ein paar Jahre hätte ich da unter tollen Bedingungen noch gutes Geld verdienen können“, blickt der Marner zurück. Statt dessen folgten drei Jahre beim ISV in der neu eingeführten Amateuroberliga Nord. „Da haben wir immer ums Überleben gekämpft, aber es hat Spaß gemacht“, kommentiert Maaß diese Jahre. Mit 31 Jahren war für den Dithmarscher eine mit unzähligen Begegnungen, Kontakten und Erlebnissen gespickte Karriere dann vorbei. Er kümmerte sich als gelernter Konditormeister fortan im Hinblick auf eine Übernahme daheim um den elterlichen Bäckereibetrieb und setzte seine sportlichen Aktivitäten unter anderem als Spielertrainer rund zehn Jahre lang bei seinem Stammverein Marner TV mit ansehnlichen Leistungen in der Landesliga fort. Noch heute hilft er dort mitunter als Torwarttrainer aus.

Parallel kam das Fußball-Urgestein durch seine Kinder (er lebt in zweiter Ehe und ist dreifacher Vater) zum Handball, wo er „ohne jegliche Ahnung“ sogar jahrelang in die Rolle eines Trainers schlüpfte. Nicht umsonst, denn Tochter Henrike Maaß spielt heute erfolgreich beim THW Kiel.

Eine große Leidenschaft des Michael Maaß, vielleicht die größte, war von klein auf an stets die Musik. Der Dithmarscher ist musisch sehr begabt, beherrscht mehrere Instrumente und hat schon in jungen Jahren durch seine Unterhaltungskünste auch bei mancher Vereinsfeier für Stimmung gesorgt, woran sich viele Wegbegleiter gern erinnern.

„Durch meine sonstigen Hobbys habe ich zum Fußball schnell Abstand gewonnen. Die Fußballzeit war toll, ist aber lange vorbei. Manchem alten Kollegen scheint diese Einsicht zu fehlen. Einige wollen selbst im Alter noch von längst verblasstem Ruhm zehren. Mir ist das fremd“, bekennt der Ex-Torwart, der ab und zu aber noch Autogrammpost von Sammlern aus Reihen des Wolfsburger Fanclubs erhält.

Als leidenschaftlicher Musiker wirkt Maaß seit vielen Jahren in der Gruppe „Landünner“ mit, die bereits diverse Auftritte in Funk und Fernsehen verzeichnete. Seit zwei Jahren leitet er darüber hinaus den an der Westküste beliebten Popchor „Watt’n Chor“. Der Terminkalender des Marners ist somit heute mehr denn je ausgefüllt.

Nicht zuletzt war es die Musik, die ihm auch über schwerere Zeiten hinweg half. Bereits im Alter von 42 Jahren zollte Michael Maaß nämlich 1990 dem Leistungsfußball mit einem künstlichen Hüftgelenk und der damit einhergehenden Berufsunfähigkeit als Konditor Tribut. Die Umschulung zum Sozialversicherungsfachmann erwies sich jedoch als Glücksgriff, da er bei der AOK eine berufliche Bestimmung fand, die auf ihn wie zugeschnitten scheint. „Ich übe den Job jetzt fast 25 Jahre mit viel Freude aus und bin froh, dass ich gerade zwei Jahre bis 67 verlängern konnte. Das Rentnerdasein ist noch nichts für mich“, sagt Maaß. Das lässt sich unschwer nachvollziehen.

 

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