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Störlauf: Reportage : Empfang wie bei der Tour de France

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Christoph Käfer berichtet über seine Empfindungen bei seinem sechsten Platz im Halbmarathon.

Ausgerechnet heute. Ich blicke beim Warmmachen für den Halbmarathon-Lauf zum Himmel: Strahlender Sonnenschein, keine Wolke. Die Temperatur liegt knapp über 20 Grad im Schatten. Der erste Sommertag des Jahres. Perfektes Schwimmbadwetter. Ausgerechnet heute. Denn Laufen bei solchen Temperaturen passt für mich genauso wenig zusammen wie eine Fan-Freundschaft zwischen Schalke und Dortmund im Fußball.

Aber aufgeben bevor der Startschuss ertönt, kommt überhaupt nicht infrage. Dafür ist die Atmosphäre schon im Startbereich viel zu beeindruckend. Neben vielen Zuschauern hat sich eine Trommelgruppe postiert und heizt den Läufern ein. Doch bei den Temperaturen erinnern mich die Trommel-Rhythmen eher an Samba-Klänge am Strand der Copacabana. Entsprechend sehe ich auch nach dem Einlaufen aus: Der Schweiß schießt aus den Poren wie nach einem Sauna-Gang. Bei den meisten anderen Startern ist es nicht anders.

„Drei, zwei, eins!“ Eine laute Männerstimme reißt mich aus meinen Gedanken. Der Start-Countdown. Einige Läufer sprinten los als hätten sie in den letzten Wochen ein Höhentrainingslager in Kenia bei ähnlich warmen Temperaturen absolviert. Das hätte ich vielleicht auch mal machen sollen. Aber auch ohne dieses bin ich auf den ersten Kilometern erstaunlich zügig unterwegs. „Wenn du die Geschwindigkeit durchhältst, wäre es phantastisch“, denke ich. Betonung auf wäre. Denn Sport findet nun mal nicht im Konjunktiv statt. Das stelle ich ab dem neunten Kilometer auch fest. Der Mund ist so trocken, als hätte mir mein Zahnarzt den Speichel abgesaugt. Dabei habe ich keine fünf Minuten zuvor die erste Getränkestation passiert und ein paar Schlucke Wasser getrunken. Der Effekt ist längst verpufft. Der Tank ist leer. Theoretisch müsste ich anhalten und einen ganzen Eimer leeren, um den Wasserspeicher wieder aufzufüllen. Praktisch könnte ich mit so viel Wasser im Bauch jedoch nicht mehr laufen. Daher entscheide ich mich für die Zwischenlösung: Ein paar Schlucke trinken, um zumindest den Reservetank bis zur nächsten Getränkestelle aufzufüllen. Doch das geht schief: Dem Körper fehlt Flüssigkeit, was die Durchblutung hemmt. Ergebnis: Die Beine fühlen sich an, als hätte mir jemand Backsteine implantiert. Die Lauftechnik erinnert an Skilanglauf, nur nicht so elegant. Das entgeht einem Läufer nicht, der mich nach 13 Kilometern überholt. „Alles in Ordnung?“, fragt er beim Vorbeiziehen. Ich schüttele den Kopf.

Aber aufgeben? Praktisch unmöglich bei der Unterstützung durch die Zuschauer. Gefühlt ist halb Itzehoe entlang der Strecke versammelt und nicht am Baden im Schwimmbad, um uns Läufer Richtung Ziel anzufeuern. Ob im Wald mit Tröten und Rasseln, klatschend am Feldrand oder lautstark anfeuernd an der Stör – sie sind überall. Ein unbeschreibliches Gefühl. Ganz besonders in Münsterdorf. Dort steht am Ortseingang eine zweite Trommler-Gruppe. Ich laufe automatisch einen Tick schneller, obwohl ich mit meiner Kraft am Ende bin.

Mit Kreide haben Anwohner Anfeuerungs-Parolen auf die Straße gemalt. Es sieht aus wie bei der Tour de France, wenn Zuschauer auf den letzten Kilometern von Bergetappen ihre Widmungen für die Fahrer in bunter Farbe auf die Straße aufgesprüht haben. Auch für uns Läufer ist nicht mehr weit bis ins Ziel, aber anders als beim Radrennen gibt es zum Glück keine Anstiege mehr. Dafür einen Empfang auf der Zielgeraden, der dem einer Etappe bei der Tour de France ebenbürtig ist. Zahlreiche Zuschauer stehen dort hinter Absperrzäunen und feiern jeden Läufer als liefe er gerade dem Olympia-Sieg entgegen. Als Sechstplatzierter komme ich im Ziel an. Und bin hochzufrieden mit meiner Leistung angesichts des Wetters. Denn noch immer strahlt die Sonne erbarmungslos vom Himmel, Wolken sind nach wie vor Fehlanzeige. Ausgerechnet heute.

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erstellt am 19.Mai.2014 | 04:45 Uhr

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