Handball : Die Werfer zur Verzweiflung gebracht

Jahrzehntelang hielt Heike Hinrichs für die Blau-Gelben vom MTV Herzhorn den Kasten sauber.
Jahrzehntelang hielt Heike Hinrichs für die Blau-Gelben vom MTV Herzhorn den Kasten sauber.

Heike Hinrichs absolvierte als Torhüterin drei A-Länderspiele für den Deutschen Handball-Bund – dem MTV Herzhorn hielt sie stets die Treue.

shz.de von
12. Mai 2015, 05:14 Uhr

Sohn Stephan (30) ist Führungsspieler beim MTV Herzhorn, wirft fleißig Tore in der Oberliga Hamburg/Schleswig-Holstein – Tochter Christina (28) spielt ebenfalls erfolgreich Handball beim TSV Ellerbek in der Oberliga. Auf der Zuschauertribüne sitzt Mutter Heike Hinrichs und verfolgt die Spiele ihrer Kinder. Die Handball-Gene haben die Kinder von ihr und von ihrem bereits verstorbenem Mann Reimer „Wuschi“ Hinrichs. Allerdings waren die beiden keine Torjäger, sondern brachten stattdessen die gegnerischen Werfer zur Verzweiflung. Als exzellente Torhüter gelang beiden der Sprung bis in die Nationalmannschaft.

„Ich will ins Tor – das stand von Anfang an fest“, erinnert sich Heike Hinrichs – geborene Dittmer – an ihre Anfänge beim Handball. Erst mit zwölf Jahren fand sie beim ETSV Fortuna Glückstadt zunächst den Weg zu dem schnellen Ballsport, der sie aber bereits nach kurzer Zeit zum MTV Herzhorn führte, bei dem gerade unter der Regie des ehemaligen Bundesligaspielers und Olympiateilnehmers Klaus Lange der Aufstieg im Herrenbereich begann.

In Glückstadt spielen – „das kannst du auch bei uns“, hatten die MTV-Trainerinnen Hannelore Junge und Doris Grenda ihr gesagt. Der Anfang einer Erfolgsstory, denn die Jungmädchen – die fast alle gemeinsam in Glückstadt die Schulbank drückten – waren ein starkes Team. Neben Kirsten Kahlke, Maren Eckmann, Kerstin und Maren Ludwig, Angelika Bartels, Annette Obenhausen, Ellen Krams und Beate Schütt zählte dazu auch Silke Jönßon, die später für Bayer Leverkusen und den VfL Engelskirchen in der Bundesliga spielte. Kreismeister, Bezirksmeister – und unter Trainer „Willi“ Grigoleit im zweiten Jahr gleich Landesmeister. 1976 feierten die Herzhorner Mädels dann die Norddeutsche Vizemeisterschaft – sicherer Rückhalt: Torhüterin Heike Dittmer. „Damals sind wir an Werder Bremen gescheitert“, erinnert sie sich. Doch nicht nur beim MTV, sondern auch in der Bezirksauswahl – die Herzhorner stellten ein Großteil der Mannschaft – spielte Hinrichs im Tor. „Wir haben zwei Mal in der Woche trainiert, dazu kamen Auswahl und Sichtungsturniere“, so Dittmer, die immer auf die Unterstützung ihrer Eltern und ihrer Arbeitgeber bauen konnte. Beim Käthe-Küster-Turnier in Oldenburg mit Teams aus Bremen, Niedersachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein heimste Dittmer mit der Schleswig-Holstein-Auswahl sogar eine Siegprämie ein. „Das war das einzige Mal, dass wir Geld fürs Handball spielen bekommen haben“, erzählt sie.

Bei den Jungmädchen erfolgreich, spekulierten fast alle im Team auf die Meisterschaft in der A-Jugend. Doch mit ärztlicher Bescheinigung ging es 1977 direkt zu den Damen, wo Heike Dittmer mit ihrem Team gleich die Meisterschaft holte und in die Regionalliga aufstieg. Doch das war längst nicht das Ende der Reise. Unter Trainer Manfred Kuhnke erreichte die Torhüterin mit ihrem Team 1981 die höchste deutsche Spielklasse: die Bundesliga. „Technisch war es nicht immer gut, aber wir waren immer fit, und ‘Kuno‘ brachte uns immer neue Sachen bei“, erinnert sich Heike Hinrichs, die nach dem Abschluss an der Handelsschule im Büro bei der Glückstädter Wäscherei Nölke lernte und später bei der Verbandssparkasse Krempe arbeitete. Bis zum Abstieg aus der 1. Liga 1985 überzeugten die Herzhornerinnen vor allem durch ihre starke Abwehrarbeit, weniger durch überdurchschnittliche Torgefahr. „Aber Spaß haben wir immer gehabt, die Fahrten waren immer Highlights“, so Dittmer, die sogar Extra-Schichten beim Training der Männer schob.

1982 entwickelte sich dann zu einem Jahr voller Höhepunkte. Privat führte der Weg mit Reimer „Wuschi“ Hinrichs zum Traualtar. Sportlich hielten die MTV-Damen nicht nur als Sechster die 1. Bundesliga, sondern hartes Training und tolle Leistungen im Herzhorner Tor ließen die MTV-Torhüterin ins Notizbuch von Bundestrainer Tschochochei wandern. Als dann Iris Blab vor der Handball-Weltmeisterschaft in Ungarn verletzt zuhause bleiben musste, rückte die damals 23-Jährige in den WM-Kader nach. „Den Anruf bekam ich bei der Arbeit auf der Sparkasse“, erinnert sie sich. Keine erfolgreiche WM, aber drei A-Länderspiele – unter anderem ein Einsatz gegen den Kongo - standen nach dem Turnier im Lebenslauf der Herzhornerin. Nach Platz neun folgte ein Trainerwechsel, noch eine weitere Einladung zum DHB, die sie aber ausschlug. Beim MTV ging es jedoch in der Bundesliga weiter, bis die damals 23-Jährige zum ersten Mal aussetzte, als sie mit Sohn Stephan schwanger war. Dem MTV blieb sie treu, stellte sich wieder zwischen die Pfosten und stieg mit den Herzhornerinnen ab. Zu einem anderen Verein wollte sie nicht. „Die Frage, den Verein zu wechseln, hat sich mir nie gestellt“, so Hinrichs heute. Auch nach der Geburt ihrer Tochter Christina 1987 kehrte sie in den MTV-Kasten zurück – bis Mitte der 1990er Jahre endgültig Schluss war.

In der Jugend engagierte sie sich als Trainerin der weiblichen C-Jugend und jahrelang als Betreuerin der 1. Damenmannschaft – bis sie auch diesen Posten an den Nagel hing. Die Verbundenheit zur Handballfamilie des MTV ist bis heute geblieben, auch wenn die 55-Jährige sich mittlerweile beim Laufen und beim Tennis sportlich betätigt. Denn die „Jungmädchen“ der 1970er sind weiter in Kontakt. Erst war es ein Grillabend – mittlerweile organisieren die ehemaligen Teamgefährtinnen einmal im Jahr ein gemeinsames Wochenende. „Und dann werden auch die alten Geschichten herausgekramt“, freut sich Hinrichs über die intakt gebliebene Gemeinschaft.

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