Brunsbütteler Uwe Witt mit Hertha BSC 1968 in die Bundesliga aufgestiegen

Uwe Witt heute. Foto: jü
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Uwe Witt heute. Foto: jü

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25. Juli 2013, 03:59 Uhr

Brunsbüttel | Einer der wenigen Schleswig-Holsteiner, denen die Eroberung der großen Fußballbühne gelang, ist der 1939 geborene Uwe Witt aus Brunsbüttel. Populär wurde der Kanalstädter insbesondere als Stammspieler beim Bundesligisten Hertha BSC, bei dem er von 1967 bis 1972 als Abwehrchef und Mannschaftskapitän unter dem legendären Trainer Helmut "Fifi" Kronsbein (1954 Meister mit Hannover 96) in Diensten stand.

"Außer Kronsbein habe ich als Lizenzspieler keinen anderen Trainer erlebt. Er war ein Coach alter Schule und erfahrener Fachmann. Bei anderen Clubs haben mich besonders Branko Zebec und Udo Lattek als Trainer beeindruckt. Dabei bin ich gegen Lattek sogar noch selbst angetreten, als dieser für den VFL Osnabrück auflief", so Witt.

Als die "Alte Dame" Hertha den damals umworbenen Profi 1967 im fortgeschrittenen Fußballalter von 28 Jahren verpflichtete, konnte dieser nach zehn Jahren als Berufsfußballer bereits auf eine bewegte Karriere zurückblicken. Nach einem Zwangsabstieg Herthas 1965 schaffte der Brunsbütteler als routinierter Abwehrchef gleich in seinem ersten Jahr 1968 mit den Berlinern den umjubelten Wiederaufstieg in die Bundesliga. Schnell avancierte er, daheim stets von "Uwe, Uwe"-Rufen begleitet, als Stammlibero zum Bundesliga-Star, der vor Torwarttalent Volkmar Groß mit Vorstopper Tasso Wild und National-Verteidiger Bernd Patzke zu den anerkannten Abräumern der Liga zählte.

Getragen von einem besonders nach dem Aufstieg begeisterten Berliner Publikum etablierte Hertha BSC sich in den Folgejahren in der Bundesligaspitze und qualifizierte sich mehrfach für den UEFA-Cup, die dem Brunsbütteler rund 40 internationale Spiele bescherten. Begegnungen mit Juventus Turin (mit Helmut Haller), West Ham United (mit Weltmeister Bobby Moore) oder Inter und AC Mailand (mit Gianni Rivera und Karl-Heinz Schnellinger) bildeten natürlich Höhepunkte in der Bilderbuch-Karriere des zumeist verletzungsfreien Dithmarschers. Ein weiterer Höhepunkt war zuvor übrigens am 18. April 1957 mit der U 19-Nationalelf unter Helmut Schön das EM-Spiel gegen Gastgeber Spanien (0:1) im Estadio Santiago Bernabeu, Madrid vor sage und schreibe 110.000 (!) Zuschauern.

Aus einer internationalen Partie gegen West Ham United entwickelte sich eine lange Freundschaft mit Bobby Moore, der den Herthaner von Kapitän zu Kapitän zuvor darum gebeten hatte, eine Berlin-Rundfahrt zu organisieren, die dann feuchtfröhlich endete. Bobby Moore revanchierte sich nach dem Rückspiel in London adäquat bei Uwe Witt, zu dem der Kontakt fortan nie abriss.

"Wir hatten in meiner Zeit zu Hause kaum unter 50.000 Zuschauer. In einem Mittwoch-Spiel gegen FC Köln habe ich im Olympiastadion mit durchaus gemischten Gefühlen vor einer Menschenmasse gespielt wie nie zuvor", berichtet der Ex-Profi. Gemeint ist das 1:0 Herthas gegen das Overath-Team am 26. September 1969 vor offiziell 88.075 Zuschauern, einem bis heute bestehenden Rekord in der Bundesliga. Tatsächlich wurde die Publikumsmasse, die das Stadion nach dem Hertha-Treffer in ein Tollhaus verwandelte, auf 120.000 geschätzt, da aus Sicherheitsgründen wegen des Andrangs alle Stadiontore geöffnet werden mussten. Witt: "Die Ab-und Aufgänge bis hin zum Spielfeldrand waren voller Menschen. Das war mehr als grenzwertig. So strenge Sicherheitsbestimmungen wie heute gab es damals noch nicht."

Größen wie Jürgen Grabowski, Günter Netzer und den brennend ehrgeizigen Wolfgang Overath zählte Herthas Abwehrchef zu seinen stärksten Gegenspielern. "Am gefährlichsten war aber mit Abstand der unberechenbare Gerd Müller, gegen den ich einige Male gespielt habe. Der machte immer das Gegenteil von dem, was man erwartete - überragend", schwärmt Uwe Witt noch heute.

Das Kapitel Hertha BSC endete für den Kanalstädter durch seine Verwicklung in den Bundesliga-Skandal 1972 indes eher unrühmlich. Unter Führung von Jürgen Rumor, Tasso Wild und Bernd Patzke hatte das Hertha-Team am 5. Juni 1971 das Spiel an die abstiegsgefährdete Arminia Bielefeld (0:1) "verkauft". Jeder Spieler erhielt für die Manipulation 15000 DM. Die späteren DFB-Ermittlungen ergaben, dass Uwe Witt als ohnehin scheidender Kapitän von den Drahtziehern erst einen Tag vor dem Spiel eingeweiht worden war. "Ich konnte das erst gar nicht glauben und habe besonders die jungen Spieler vergeblich gewarnt. Aber es war zu spät. Das Kind war schon in den Brunnen gefallen, die Saison war für uns eh gelaufen, mein Abschied stand lange vorher fest, und so habe ich das alles laufen lassen, was natürlich ein Fehler war. Die Summe war bei unseren Einkommen übrigens ein Witz. Den Umschlag habe ich schließlich mitgenommen, das Geld aber nie angerührt und zum Abschied kurz darauf der Mannschaftskasse zur Verfügung gestellt", verrät Witt. Die vom DFB verhängte Geldstrafe von 15000 DM habe er nie gezahlt, da er seine Karriere ohnehin planmäßig abgeschlossen hatte. "Das Fußball-Umfeld sah ich damals sowieso kritisch. Deshalb war auch ein Trainerjob für mich kein Thema. Der Skandal an sich hat mich so auch nie belastet", blickt der Kooger eher emotionslos auf dieses letzte schwarze Kapitel seiner Laufbahn zurück.

Da man als Profi damals keineswegs ausgesorgt hatte, startete Uwe Witt 1972 in ein gleichfalls erfolgreiches Berufsleben. Seine Vertriebstätigkeiten für diverse Firmen führten ihn rund um den Globus ("das Fernweh hat mich immer gepackt"). Mehrere Jahre lebte er jeweils in Spanien, Hongkong, USA und auf den Bahamas. Dabei rissen die Kontakte zu vielen ehemaligen Profikollegen wie Bubi Hönig, Max Lorenz, Klaus Fischer, Horst Hrubesch, Manfred Manglitz, Heinz Flohe, Wolfgang Overath, Jürgen Grabowski, Bernd Hölzenbein - um nur einige zu nennen - nie ab. Außerhalb des Fußballs pflegt Uwe Witt bis heute beispielsweise persönliche Freundschaften mit dem Kabarettisten Dieter Hildebrand, Kinostar Mario Adorf oder früher mit dem inzwischen verstorbenen Günter Pfitzmann. Während der Zeit in Spanien entstanden Kontakte zum legendären Fernando Hierro. Bei Transaktionen wurde Uwe Witt allein wegen seiner vielen Verbindungen von diversen Clubs immer wieder eingeschaltet.

"Auf der oberen Fußballebene ergibt sich das alles zwangsläufig. Ich halte mich auch heute immer auf dem Laufenden und bin über viele Internas informiert. Mit Hertha-Manager Michael Preetz tausche ich mich ab und zu bei einem Kaffee aus, zumal Hertha Kontakte zu den Ex-Profis vorbildlich pflegt", lobt der Wahlberliner, der den Bundesliga-Aufstieg seines Clubs förmlich herbeigesehnt hatte und als durchaus kritischer Ehrengast bei jedem Heimspiel gleichwohl mitfieberte.

2009 verschlug es den inzwischen pensionierten Dithmarscher kurzfristig sogar in seine alte Heimat nach Brunsbüttel zurück. Wegen eines schweren Schicksalsschlages (2011 verstarb seine zweite Ehefrau mit 54 Jahren ganz plötzlich) zog Uwe Witt vor kurzem aber wieder in die Nähe seiner Kinder nach Berlin. Er hat aus zwei Ehen vier Kinder und ist vierfacher Großvater. In Berlin fühlt er sich im Kreise von Familie und Freunden wie Volkmar Groß, Michael Sziedat, Werner Ipta, Uwe Kliemann und anderen sehr wohl. "Nach insgesamt fast 20 Jahren in Berlin bin ich dort einfach zu Hause", bekennt der Globetrotter, der keinerlei gesundheitliche Spätfolgen beklagt und sich heute mit Tennis und Golf fit hält.

Als vielfacher Jugendnationalspieler war Uwe Witt früh gefragt und wurde 1957 durch den Wechsel vom TSV Brunsbüttelkoog zu den HSV Amateuren (der legendäre HSV-Coach Günter Mahlmann kam dafür eigens nach Brunsbüttel) einem der jüngsten Berufsfußballer. Zuvor hatte er allerdings eine Lehre zum Installateur absolviert, der sich in Hamburg eine für ihn später einmal sehr wertvolle Ausbildung zum Export-und Speditionskaufmann anschloss. In der Oberliga Nord (damals 1. Liga) folgten Engagements bei Concordia Hamburg (1959), FC St. Pauli (1961), Arminia Hannover (1963) und Holstein Kiel (1965), bevor Hertha BSC 1967 anklopfte.

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