zur Navigation springen

Leichtathletik : „Berufliche Zukunft wichtiger als Olympia“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Nach den Kontinentalmeisterschaften im Crosslauf gibt Vize-Europameisterin Anna Gehring im Interview Auskunft über sich und ihren Sport.

Die Itzehoerin Anna Gehring (SC Itzehoe) feierte mit zwei Silbermedaillen bei der Cross-Europameisterschaft in Chia/Sizilien einen grandiosen Jahresabschluss (wir berichteten). Bundesweit auf sich aufmerksam gemacht hatte sie bereits im Sommer bei den Deutschen Meisterschaften der Frauen in Kassel als Dritte des 5000-Meter-Laufes und bei den nationalen Meisterschaften (U23) in Bochum-Wattenscheid, wo sie die Goldmedaille gewann. Mit Anna Gehring sprach unser Mitarbeiter Hermann Schwichtenberg.

Sie hatten sich bei der Cross-EM von Anfang an in der Spitzengruppe aufgehalten und auf den letzten zwei Kilometern für die Tempoverschärfung im EM-Rennen gesorgt. Was hatte Sie zu dieser Renntaktik ermutigt und welchen Ausschlag gaben dabei die Erfahrungen, die Sie vorher bei den Crossrennen in Pforzheim und im niederländischen Tilburg gemacht hatten?

Anna Gehring: Das EM-Rennen war auf den ersten Kilometern sehr langsam und das Läuferfeld dementsprechend dicht beisammen. Wenn man bei so einem Rennverlauf zu langsam startet und im Feld eingeklemmt ist, ist zum einen das Sturzrisiko sehr hoch und zum anderen kann man nicht auf Tempoverschärfungen in der Spitze reagieren. Ich glaube nicht, dass ich ohne die Rennen in Pforzheim und Tilburg den Mut gehabt hätte, von Beginn an in der Spitze mitzulaufen. Besonders nach dem Wettkampf in Tilburg wusste ich aber auch, dass meine Stärken und Chancen eher in einer schnellen zweiten Rennhälfte liegen, als in einem Zielsprint.

War die Renntaktik mit Ihren Trainern vorher abgesprochen oder ergaben sich die Überlegungen während des Rennens spontan?

Die einzige vorher abgesprochene Renntaktik war eigentlich, mit Mut und nicht zu viel Respekt vor den Leistungen der anderen ins Rennen zu gehen. Der Rest hat sich spontan ergeben, als ich mich nach der Streckenhälfte noch locker fühlte und durch die Tempoverschärfung eine Vorentscheidung herbeiführen konnte.

Wie waren Ihre Gefühle, nachdem die Lücke entstanden war und nur noch die Polin Sofia Ennaoui direkt hinter Ihnen war?

Unbeschreiblich! Auf der einen Seite war da schon ein bisschen von der Freude darüber, dass ich, wenn nicht mehr allzu viel falsch laufen würde, in ein paar Augenblicken meine erste Einzelmedaille bei Europameisterschaften gewinnen würde. Zum anderen habe ich aber auch die ganze Zeit Sofia Ennaoui direkt hinter mir gehört und versucht, das Tempo noch weiter zu erhöhen und einer Entscheidung im Sprint aus dem Weg zu gehen.

Wie erlebten Sie den Zieleinlauf mit dem Medaillengewinn in der Einzelwertung?

Ich hätte im Vorfeld nie damit gerechnet, bei diesem Rennen eine Medaille gewinnen zu können. Mein Ziel war eine Platzierung unter den ersten Zehn, bei einem sehr guten Rennen vielleicht in Reichweite der Top-Fünf. Diese Zielsetzung war keine Tiefstapelei, um den Druck vor dem Rennen gering zu halten, sondern sie war absolut realistisch. Dementsprechend war der Moment des Zieleinlaufs erst einmal unfassbar und unwirklich, auch wenn die Freude riesengroß war.

Wie sehen Sie den Medaillengewinn mit der Mannschaft?

Unsere Stärke als Mannschaft war definitiv der Teamzusammenhalt, sowohl im Rennen selbst, als auch davor und danach. Das hat sich dann auch in den Einzelergebnissen (2./6./9./16./27. = Anmerkung der Redaktion) gezeigt. Jede von uns hat ein tolles Rennen gemacht und für das Team bis zum Schluss um jeden Platz gekämpft. Im Vorfeld hatten wir mit einer Medaille geliebäugelt, aber drei von fünf Läuferinnen in den Top-Ten ist schon richtig stark und die Silbermedaille ein verdienter Lohn.

Die russischen Läuferinnen waren – bedingt durch die Dopingproblematik in ihrem Land – wieder nicht mit von der Partie: Wie beurteilen Sie die Entscheidung des Verbandes, sie auch für Chia zu sperren?

Der Sport lebt von Fairness und Chancengleichheit im Wettbewerb. Doping zerstört aber diese Grundwerte und damit das Fundament, auf dem der Sport beruht. Zugleich gefährdet es die Gesundheit der Athleten. Gedopte Spitzensportler verschaffen sich unerlaubte Vorteile, und das geht immer zu Lasten der sauberen Athletinnen und Athleten. In Russland wurde ein staatlich gelenktes Dopingsystem aufgedeckt. Eine kollektive Sperre der russischen Athleten ist meiner Meinung nach eine konsequente Entscheidung und stützt die Glaubwürdigkeit der Leichtathletik. Alles andere hätte die Öffentlichkeit und die sauberen Athleten an der Ernsthaftigkeit des Anti-Doping-Kampfes zweifeln lassen.

Wie wird unter den Aktiven darüber geurteilt?

Zwar ist Russland das erste Land, in dem systematisches, vom Staat gelenktes Doping nachgewiesen wurde, aber die Problematik betrifft Sportler aller Nationen. In der Arbeit und bei dcr Einflussmöglichkeit nationaler Anti-Doping-Organisationen gibt es große regionale Unterschiede. Als B-Kader-Athletin des Deutschen Leichtathletikverbandes muss ich der Nationalen Anti-Doping-Agentur täglich Angaben über regelmäßige Tätigkeiten, Übernachtungsorte und Wettkämpfe machen. Dagegen gibt es in Ländern wie Kenia gar keine Anti-Doping-Organisation. Wenn man wirklich die Chancengleichheit im Wettkampf gewähren will, muss es von Seiten des Weltverbandes gesteuerte Kontrollen geben.

Mit welchen Erwartungen wären Sie nach Italien gereist, wenn die Russinnen – eingedenk deren möglichen persönlichen Verstrickungen in das Doping – hätten starten dürfen?

Ich glaube nicht, dass meine Erwartungen anders gewesen wären. Zum einen wird man nur durch Doping noch lange nicht zu einem überragenden Läufer und zum anderen ist Doping nicht nur in Russland ein Problem, sondern ein globales. Die Entscheidung über die Konsequenzen aus dem Dopingskandal liegt in den Händen anderer, und das ist auch gut so. Wenn man sich als Sportler zu sehr Gedanken darüber macht, verliert man nicht nur das Vertrauen in einen gerechten Wettbewerb, sondern auch den Spaß.

Wie beurteilen Sie im Rückblick Ihre Gesamtsaison 2016?

Wenn man allein nur die Erfolge und Zeiten dieser Saison betrachtet, dann ist sie besser gelaufen, als ich es mir jemals vorgestellt hätte. Allerdings habe ich in diesem Sommer neben dem Laufen auch noch mein Abitur gemacht, und die geballte schulische und sportliche Belastung war schon sehr groß. Dabei ist der Spaß am Laufen immer mehr verloren gegangen. Es brauchte eine ungewohnt lange Saisonpause, bis ich wirklich wieder ehrliche Lust auf das Training hatte. Rückblickend habe ich aber aus dieser Zeit für die Zukunft viel gelernt!

Wie sehen Ihre Planungen für 2017 aus – sportlich und hinsichtlich der Berufsausbildung?

Am wichtigsten ist es für mich im nächsten Jahr definitiv, einen Medizin-Studienplatz zu bekommen. Sportlich gesehen lasse ich das neue Jahr einfach auf mich zukommen und schaue mal, welche Möglichkeiten sich mir bieten. Im März ist ein vierwöchiges Höhentrainingslager mit dem Bundeskader in Flagstaff (USA) geplant.

Falls es mit dem Medizinstudium klappt: Versuchen Sie Sport und Ausbildung in Einklang zu bringen oder werden Sie beim Sport kürzer treten müssen?

Ich mache mir da keinen Druck. Das Fachgebiet der Medizin interessiert mich sehr, und ich würde dafür auch hinnehmen, dass es mit dem Leistungssport dafür dann zu Ende ist. Es kann aber natürlich auch sein, dass ich beides gut unter einen Hut bekomme. Dem Laufen als Ganzes werde ich auf jeden Fall treu bleiben, dafür mache ich das viel zu gerne. Es ist für mich ein perfekter Ausgleich zum Alltag.

Was soll für Sie im nächsten Jahr sportlicher Höhepunkt werden und an welchen Meisterschaften möchten Sie noch teilnehmen?

Wie gesagt, ist meine sportliche Planung stark davon abhängig, ob ich einen Studienplatz bekomme. Wenn Studium und Zeit es aber erlauben, dann wären die U23-Europameisterschaften im polnischen Bydgoszcz ein schönes Ziel. Neben der U23-EM möchte ich sicherlich wieder zu den Deutschen Meisterschaften der Frauen und Männer. Der Start dort in diesem Jahr war für mich ein absoluter Saisonhöhepunkt, nicht nur wegen des starken Feldes, sondern auch wegen der Wahnsinns-Stimmung im Stadion. Das kannte ich so von Deutschen Jugendmeisterschaften nicht. Außerdem werde ich bestimmt auch wieder im März bei den Deutschen Cross-Meisterschaften laufen.

Sind die Olympischen Spiele 2020 für Sie eine Option, und wie schwer oder leicht würde der Weg dorthin für Sie sein?

Man sagt immer, eine Teilnahme an den Olympischen Spielen sei der Höhepunkt im Leben eines Sportlers. Allerdings habe ich vor den Olympischen Spielen in Rio dieses Jahr auch bei anderen Sportlern unmittelbar mitbekommen, wie viele Opfer man dafür bringen muss und wie bitter es ist, wenn es dann doch nicht mit der Teilnahme klappt. Ich glaube nicht, dass ich bereit bin, so viele Opfer für einen Start bei Olympischen Spielen zu bringen, auch wenn es natürlich die größten sportlichen Wettkämpfe der Welt sind und eine Teilnahme bestimmt richtig cool wäre. Wenn ich im Frühjahr 2020 wider Erwarten die Olympianorm laufen sollte, würde ich mich natürlich sehr freuen und wäre eine stolze Olympionikin. Aber meine berufliche Zukunft ist mir im Moment wichtiger und greifbarer als eine mögliche Olympiateilnahme in drei Jahren, in denen so viel passieren kann.

Was müssten Sie an Ihrem Leben ändern, um teilnehmen zu können?

Ich müsste sicherlich mein Studium strecken beziehungsweise ganze Semester pausieren und alle Energie in den Sport setzen. Noch habe ich keine klare Vorstellung davon, wie sehr einen ein solcher Studiengang einnimmt, aber ich glaube nicht, dass es möglich ist, wirklich das Studium ernst zu nehmen und gleichzeitig zu 100 Prozent auf den Sport zu setzten. Und mit weniger als 100 Prozent Einsatz kommt man, so glaube ich, ganz sicher nicht zu Olympia.

Wäre Berufssportlerin für Sie eine Alternative und haben Sie sich jemals mit der Frage beschäftigt, Ihren Lebensunterhalt ausschließlich mit der Leichtathletik zu verdienen? Welche Vorteile oder Risiken stünden dahinter?

In Deutschland kann man als Läuferin vom Sport allein nicht leben, sondern ist dann entweder von Sponsoren oder Sportförderprogrammen zum Beispiel der Polizei oder Bundeswehr abhängig. Ich persönlich wäre als Berufssportlerin nicht glücklich, weil mir der Ausgleich zum Laufen fehlen würde. Sport ist die schönste Nebensache der Welt, aber ich sehe meine Zukunft nicht darin, stumpf durch die Gegend zu rennen, sondern möchte im Studium viel lernen, um später gerne in meinem Beruf arbeiten zu können. Leistungssport ist ein ganz schmaler Grat: Es kann immer passieren, dass man sich verletzt und die sportliche Karriere dann mit Mitte 20 auf einmal vorbei ist.

Sie sind dem Itzehoer Sport über Jahre hinweg treu geblieben und haben Ihr Glück als Aktiver nicht wie andere in einem Sport-Internat gesucht. Wie beurteilen Sie Ihre Entscheidung, in Itzehoe zu bleiben?

Es war rückblickend für mich persönlich auf jeden Fall die richtige Entscheidung. Zum einen werden mir hier in Itzehoe durch den SCI eigentlich perfekte Trainingsbedingungen und Fördermaßnahmen ermöglicht, und zum anderen glaube ich nicht, dass ich menschlich in einem Umfeld, in dem alles auf den Sport ausgerichtet ist, glücklich geworden wäre.

Werden Sie wieder am Lägerdorfer Holcim-Silvesterlauf teilnehmen – welche Strecke laufen Sie dann?

Ja, der Silvesterlauf gehört bei uns traditionell zum Jahresende dazu. Ich werde auch in diesem Jahr wieder mit ein paar Trainingskollegen die 14 Kilometer lange Strecke laufen. Das ist für mich quasi die letzte schnelle Trainingseinheit vor dem XCountry in Edinburgh am 7. Januar. Das ist ein internationaler Crossvergleich zwischen Teams aus Europa, den USA, Großbritannien und Schottland.

Welchen Rat geben Sie jungen Mädchen, die sich für den Leistungssport entscheiden? Worauf müssen sie achten, wenn sie Erfolg haben wollen?

Am wichtigsten ist es, nie den Spaß an dem, was man tut, zu verlieren. Der Erfolg kommt dann meistens von ganz allein.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen