zur Navigation springen

Integration von Flüchtlingen beim Training des SC Itzehoe : Anderthalb Stunden pures Glück

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Box- und Deutschkenntnisse werden immer besser

von
erstellt am 07.Apr.2016 | 05:00 Uhr

Eines Abends standen sie vor der Sporthalle der Klosterhofschule: Acht junge Flüchtlinge wollten am Boxtraining des Sport-Club Itzehoe teilnehmen. Und sie waren herzlich willkommen, schließlich hat sich der SCI die Integration durch Sport auf die Fahnen geschrieben. Es gab nur ein Problem: Die Trainingsgruppe war bereits so groß, dass sie aus allen Nähten platzte – und die zeitlichen Kapazitäten der Trainer waren auch erschöpft, schließlich wurde bereits an drei Abenden in der Woche geboxt. „Wir wollten ihnen aber auf jeden Fall ein Angebot machen“, sagt Nico Totzek. „Da habe ich gesagt: ‚Dann mache ich das!’ Und jetzt bin ich hier.“

Jeden Dienstag von 19.30 bis 21 Uhr leitet der 19-Jährige das Training. Die Gruppe ist bunt gemischt – sowohl hinsichtlich der Herkunft als auch hinsichtlich des Alters und der Box-Erfahrung. Der jüngste Teilnehmer ist 13, der älteste um die 60. Und mit Tamira (21) ist auch eine junge Frau dabei. Mitmachen kann jeder ab zwölf Jahren.

Die zehn bis zwölf jungen Flüchtlinge, die regelmäßig teilnehmen, sind fester Bestandteil der Gruppe. Viele von ihnen sind bei der Jugendhilfe-Einrichtung Via Nova untergebracht, einige kommen extra aus Wilster zum Training. „Das sind nette Jungs. Sie sind mega engagiert und haben schon eine tolle Entwicklung durchgemacht“, sagt Nico Totzek. Vor allem bei einem von ihnen sieht er großes Potenzial: „Der könnte echt was reißen.“ Und nicht nur ihre Box-, sondern auch ihre Deutsch-Kenntnisse werden von Woche zu Woche besser. „Wir wollen eine Entwicklung sehen, dass sie regelmäßig kommen und auch Deutsch lernen“, betont Nico Totzek. „Das ist eine kleine Bedingung, die ich selbst auch gestellt habe.“

Selbstverständlich gehe es nicht darum, die Teilnehmer „zu potenziellen Gewaltverbrechern auszubilden“, betont der 19-jährige Itzehoer, der gerade sein Abitur gemacht hat. Ganz im Gegenteil. „Wir setzen auf den Effekt des Sports. Disziplin, Respekt und Fairness stehen bei uns an erster Stelle.“ Und Boxen bedeute auch mitnichten, „einfach blind drauf zu hauen“. Es gehe um Koordination, man müsse einen klaren Kopf bewahren, dürfe nicht auf Rache sinnen, sondern vielmehr analysieren, was schief gelaufen ist. Das Training sei aber auch gut, um sich auszupowern, Stress zu bewältigen, Selbstdisziplin und Selbstbewusstsein zu erlangen. „Das Gesamtpaket macht es reizvoll“, sagt Nico Totzek, der selbst seit über drei Jahren boxt.

Der Spaß, den er dabei ganz offensichtlich hat, springt schnell auf die Teilnehmer über. Und dass Boxen auch viel mit Fitness zu tun hat, wird schon in den ersten Trainingsminuten sichtbar. Liegestütze und Seilspringen im Wechsel lassen den Schweiß bereits in Strömen laufen, bevor überhaupt der erste Sandsack hängt. Als es schließlich ans Boxen geht, finden sich die Zweier-Teams von ganz alleine, die Herkunft spielt keine Rolle. „Andreas – trainieren, nicht schnacken!“, ruft Nico Totzek, um gleich darauf einen jungen Afghanen auszubremsen: „Langsam! Es soll sich hier keiner verletzen!“ Geduldig läuft der 19-Jährige von Team zu Team, gibt Tipps, zeigt die richtige Grundstellung. „Distanz gewinnen!“ oder „Oberkörperspannung!“, mahnt er.

Für Farhad (17), der in Afghanistan Kung Fu gemacht hat, bedeutet das Training anderthalb Stunden pures Glück. „Ich liebe Boxen!“, sagt er. „Ich freue mich hier sein zu dürfen.“ Dafür nimmt er gerne den Weg aus Wilster in Kauf. Und auch Nik (14) aus Bahrenfleth, der an diesem Abend das erste Mal dabei ist, wird wohl in Zukunft noch öfter den Schlagabtausch mit seinem Trainingspartner Sami (17) aus Afghanistan suchen: „Es ist sehr anstrengend“, sagt er. „Aber es macht richtig Spaß.“

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen