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Fußball : Als Profi ein Globetrotter

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Der Brasilianer Emerson Luiz Firminho begann mit 19 Jahren beim Hamburger SV und stand bei 17 Klubs unter Vertrag. Schon seit längerem hat er seinen Lebensmittelpunkt in Hohenwestedt.

Seine Unabsteigbarkeit musste der Hamburger SV nicht erst in der abgelaufenen Spielzeit unter Beweis stellen. Schon mehrfach war der Bundesliga-Dino im Lauf der Jahre auf die Zähler kurz vor Saisonende angewiesen, um den Kopf im letzten Moment noch aus der Schlinge zu ziehen. So geschehen auch am 9. Mai 1992, als die Rothosen den Absturz mit einem schwachen 1:0 über FC Hansa Rostock abwendeten, der sich nach diesem entscheidenden Abstiegsduell zusammen mit Stuttgarter Kickers, MSV Duisburg und Fortuna Düsseldorf in die zweite Liga verabschiedete.

In den Annalen findet sich als Schütze jenes goldenen, per Kopf für den HSV erzielten Tores (66.) der damals 19 Jahre alte und von Coach Egon Coordes für dessen Landsmann Nando (54.) wohl eher aus Verzweiflung eingewechselte dunkelhäutige Brasilianer Emerson Luis Firminho (Foto), der sich mit dieser Ruhmestat seinen Platz in der Historie des Hamburger Nobelclubs sicherte. Übrigens fanden sich im besagten Schlussakkord jenes Jahres beim HSV so klangvolle Namen wie Golz, Beiersdorfer, Rohde, von Heesen oder der erwähnte Nando.

Die Ironie dieser Geschichte besteht darin, dass der für 1991/92 verpflichtete Emerson aus Dankbarkeit zwar noch einen Anschlussvertrag für 1992/93 beim HSV erhielt, während dieser zwei Jahre aber ganze vier Ligaeinsätze verzeichnete und nur ein Tor erzielte, nämlich das eingangs beschriebene.

Emerson Luiz (Vornamen) Firminho (Nachname) erwies sich nach seinem beim HSV realisierten Einstieg in den Profifußball hernach als schillernde Figur und mutierte zu einem wahren Globetrotter in Sachen Fußball. Bis zum Ende seiner Profikarriere 2007 stand „Emmi“ bei sage und schreibe 17 (!) Clubs auf der ganzen Welt unter Vertrag. Allein Afrika ist für ihn ein weißer Fleck auf dem Globus. Das unterscheidet ihn vom bayrischen Torsteher Lutz Pfannenstiel (aktueller WM-Co-Kommentator), der in seiner Laufbahn bei 26 Clubs (!) auf allen Kontinenten in Diensten stand und damit einen Eintrag ins Guiness-Buch der Rekorde erntete.

Für Emerson war das legendäre Tor beim HSV indes Fluch und Segen zugleich. Es begründete allenthalben seinen Ruf als Goalgetter und sicherte ihm den einen oder anderen Vertragsabschluss, bewirkte aber auch manchen Rausschmiss, wenn es mit dem Toreschießen irgendwo einmal nicht klappte. Immerhin reichte die Anzahl seiner in der ganzen Welt erzielten Tore für ein auskömmliches und aufregendes Leben als weitgereister Berufsfußballer aus.

Kaum zu glauben, dass ein „Wandervogel“ wie dieser Brasilianer seinen Lebensmittelpunkt schon vor etlichen Jahren ausgerechnet im holsteinischen Hohenwestedt fand. Grund dafür ist seine aus der Lego-Hochburg stammende Ehefrau Steffi, mit der er nun bald 20 Jahre lang verheiratet ist und die Kinder Elisa (17) und Lucas (14) hat. Seine Frau lernte die „schwarze Perle” schon in jungen Jahren durch die Freundin seines populären St.-Pauli-Kollegen Leo Manzi kennen. Seitdem besteht für ihn zur beschaulichen Mittelpunkt-Gemeinde ein wichtiger Bezug. Inzwischen hat er hier auch ein Haus gebaut und geht von dort aus zugleich seinem jetzigen Beruf als Personal-Trainer nach. Seine freie Zeit widmet er vornehmlich der Familie, um das während seiner langen Jahre als Profi Versäumte wenigstens teilweise nachzuholen. Im Hause Firminho spricht man grundsätzlich portugiesisch. Die Kinder wachsen mehrsprachig auf. „Emmi” selbst beherrscht fünf Sprachen, nämlich portugiesisch, deutsch, englisch, französisch und spanisch, kann sich aber auch auf holländisch und russisch (ukrainisch) verständigen.

Der Globetrotter (Jahrgang 1973) stammt aus der Millionenstadt Campinas, einem Industriezentrum rund 100 Kilometer nördlich von Sao Paulo. Nach der Trennung seiner Eltern wurden er und seine drei Schwestern von der Mutter, einer Krankenschwester, allein aufgezogen. Das Klischee des talentierten Fußballers aus dem klassischen Armenviertel erfüllt „Emmi” nicht. Vielmehr wuchs er in einem quasi bürgerlichen Umfeld auf. Stets massiv unterstützt von seiner Mutter, zog er als Talent mit 14 Jahren in das Fußball-Internat des FC Sao Paulo ein und erhielt dort eine umfassende Ausbildung. Parallel zum Fußball legte der Club für seine Schützlinge auch großen Wert auf einen guten Schulabschluss, der für einen Verbleib im Fußball-Internat Bedingung war.

Prägend war für Emerson die Lehrzeit bei Tele Santana, einer der brasilianischen Trainer-Legenden schlechthin und mehrfacher Titelträger mit dem FC Sao Paulo sowie Trainer der Selecao. „Tele Santana ist für mich ein Heiliger. Er war menschlich und fachlich der beste Trainer, dem ich je begegnet bin”, sagt Emerson voller Bewunderung und Ehrfurcht.

Absolut bestimmend wirkte sich für den talentierten Ballkünstler schließlich der Kontrakt aus, den er bereits als 16-Jähriger mit der dominierenden Spieleragentur von Juan Figer in Sao Paulo schloss. „Das ist weltweit eine der besten Adressen. Deshalb habe ich nicht gezögert, dort einzusteigen. Aber alles hat eben Vor- und Nachteile. Der Nachteil eines Vertrages mit Figer ist dabei die Aufgabe der Selbstbestimmtheit”, lautet ein Fazit des Ex-Profis. Für die Agentur seien wegen der Ablösesummen möglichst viele Transfers der Schützlinge am lukrativsten gewesen. So fiel auch „Emmi” dem Wechselzirkus öfter zum Opfer, als ihm lieb war. „Ich konnte kaum einmal irgendwo richtig Fuß fassen. Die Transfers wurden von der Agentur praktisch über meinen Kopf hinweg entschieden. Das Menschliche blieb dabei auf der Strecke. Deshalb ist das Koffer packen und Alleinreisen für mich auch zum Trauma geworden”, berichtet der Globetrotter.

Die längste Etappe seiner Karriere waren immerhin knapp vier Jahre bei MVV Maastricht in der holländischen Ehrendivision sowie anschließend zwei Jahre bei KFC Uerdingen (unter Jos Luhukay und Pele Wollitz). In dieser Zeit habe man durchgehend in Holland wohnen und ein normales Familienleben führen können, erzählt er.

Auf seinen vielen Stationen ist der Brasilianer praktisch allen Fußball-Größen seiner Generation irgendwann einmal begegnet, ob sie nun Robben, van Persie, van Nistelrooy, Elber, Kaka, Cafu oder Ze Roberto heißen. Elber traf er erst kürzlich zufällig auf einem Übersee-Flug und tauschte sich stundenlang mit ihm aus. Als einen der besten Fußballer, gegen den er je gespielt hat, bezeichnet „Emmi” den späteren Mailänder Andrej Schewtschenko. Auf ihn stieß er in Kiew beim Punktspiel mit seinem Team Dnjepropetrowsk. „So eine Rakete wie Schewa habe ich vorher und nachher nie wieder erlebt”, schnalzt der heute 41-Jährige mit der Zunge.

Die exotischsten Ziele seiner Odyssee hatte der Globetrotter mit Hiratsuku (Japan), Quatar SC, Tianjin (China, mit Stig Töfting), Hapoel Tel Aviv (Israel), Atletico Baranquilla (Kolumbien) und Real Tegucigalpa (Honduras). Alle Stationen waren natürlich mit unzähligen Geschichten und Anekdoten gespickt. So wurde er bei seiner Ankunft auf dem Flughafen in Tegucigalpa bei schwüler Hitze wie ein Superstar mit TV-Kameras und Blitzlichtgewitter empfangen. Genau das Gegenteil spielte sich in Dnjepropetrowsk ab, wo man die Fußballstiefel ohne Öffentlichkeit schon mal bei 20 Grad minus schnüren musste.

Das schlimmste Erlebnis war Katar. „Dort herrschten in jeder Hinsicht katastrophale Bedingungen, auch menschlich war das unterste Schublade”, erinnert sich der Brasilianer mit Grausen.

Nach Ende seiner Laufbahn 2007 kickte der Ex-Profi noch mehrere Jahre in Hohenwestedt und Itzehoe zum Spaß. Kindliche Freude über seine Tore zeigte er aber selbst da noch mit dem einen oder anderen für ihn typischen Salto. In dieser Saison läuft er noch einmal für den MTSV auf.

Durch die Tätigkeit seiner Frau als Flugbegleiterin bei der Lufthansa ist Emerson indes auch heute noch privat viel auf Reisen. Schanghai, Singapur, Sydney oder Vancouver lauten jetzt seine Ziele. Zweimal im Jahr ist er daheim bei der Familie in Brasilien, wo er auch eine Immobilie besitzt, ebenso wie in Portugal, wo es ihn mindestens einmal pro Jahr hinzieht. Die jüngste WM in seinem Heimatland sieht er kritisch: „Natürlich feiern wir die Selecao, aber trotz der sozialen Fortschritte kommt die WM 10 bis 15 Jahre zu früh für das Land, das noch immer von einer Mafia beherrscht wird.”

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