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Bundesliga : „Alles in die Waagschale werfen“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Mitglieder des HSV-Fan-Clubs Wacken glauben im Bundesligafinale am Sonnabend gegen den VfL Wolfsburg an einen Sieg ihrer Mannschaft.

von
erstellt am 19.Mai.2017 | 11:14 Uhr

Der Hamburger SV ist immer noch der einzige Verein, der in 54 Jahren Fußball-Bundesliga nie abgestiegen ist. 2014 und 2015 gelang der Klassenverbleib aber nur in der Relegation. Damit Fans und Spieler des HSV diesmal diese Zitter- und Nervenspiele erspart bleiben, brauchen die Rothosen im letzten Saisonspiel gegen den VfL Wolfsburg dringend einen Sieg. Die Fans sind vorbereitet. Unser Sportredakteur Michael Lemm traf sich mit Detlef Kaack, Norbert Steen und Ahmet Humrahn. Sie gehören dem HSV-Fan-Club Wacken an.

Was erwartet ihr für das entscheidende Spiel gegen Wolfsburg?

Ahmet Humrahn: Kurz und knapp: Drei Punkte. Wir sind selbstverständlich dabei im letzten Spiel, wo es um alles geht. Es wird eine spannende Partie.
Norbert Steen: Viele unserer Mitglieder sind im Schicht- oder Wochenenddienst, aber wir werden alles aufbieten, was geht.


Wie muss die Mannschaft in diese Partie gehen?

Detlef Kaack: Sie muss von der ersten Minute an präsent auf dem Platz sein, und zeigen, dass sie das Spiel gewinnen will. Und dann wird sich über diesen Kampf vielleicht ja auch das Spielerische entwickeln. Bei den Partien vor dem Schalke-Spiel ging nach vorne ja gar nichts – gerade in Augsburg und gegen Mainz. Das reicht uns nicht für Wolfsburg. Da müssen sie alles in die Waagschale werfen.

Norbert Steen: Und sollte das nicht klappen gegen Wolfsburg: Ich will zumindest sehen, dass die gesamte Mannschaft alles, was an Kampf, Energie und Kraft geht, in die Partie steckt. Sie dürfen sich auf keinen Fall abschlachten lassen. Ich will auch nicht sehen, dass ein Teil des Teams den Eindruck erweckt, immer noch nicht die Situation verstanden zu haben. Verlieren darf man, aber man muss anständig verlieren.


Wie groß ist die Sorge, dass die Nerven versagen und die Mannschaft verkrampft?
Norbert Steen: Es kommt drauf an, wie sie ins Spiel kommen. Wenn sie gut starten, werden sie nicht verkrampfen. Sollte Wolfsburg sich aber gleich zunehmend ein Übergewicht erkämpfen, umso mehr werden auch die Nerven flattern.

Detlef Kaack: Als wir in Augsburg und gegen Darmstadt in Rückstand gekommen sind, war ganz viel Angst zu spüren. Und Angst ist immer ein schlechter Ratgeber.


Was gibt Hoffnung auf einen positiven Ausgang?

Detlef Kaack: Wolfsburg hat zuletzt auch sehr bescheidene Leistungen gebracht. Und wir haben ja in Schalke gezeigt, dass wir nach einem Rückstand zurückkommen können.

Ahmet Humrahn: Mir persönlich gibt Hoffnung, dass der HSV Erfahrung darin hat, gegen den Abstieg zu spielen. Wolfsburg war noch nie in dieser Situation. Bei denen ist auch viel Druck, und den haben sie zum ersten Mal. Was das angeht, sind wir trainiert.

Wie beurteilt ihr die letzten Auftritte der Mannschaft?
Detlef Kaack: Nach dem Sieg gegen Hoffenheim hatte man gedacht: Nun haben sie diese ständigen Fehler endlich abgelegt. Aber sie kamen dann doch wieder. Die Truppe hätte sich von der Niederlage in Bremen auch nicht so aus dem Konzept bringen lassen dürfen.

Was empfindet man als Fan dabei?

Norbert Steen: Da ist die gesamte Palette der Gefühle, von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt, von tiefer Scham bis zum größten Hass. Es gibt kein Gefühl, das da nicht irgendwann zwischendurch auftaucht. Das ist wie eine Wäscheschleuder. Es gehört offenbar ein gewisses Maß an Masochismus dazu, diesem Verein die Treue zu halten. Darauf kann man ja auch stolz sein, wenn man das ein paar Jahre durchgehalten hat (lacht).
Detlef Kaack: Gerade das Augsburg-Spiel hat mich wütend gemacht. Das war so leblos, das kann ja gar nicht sein. Es sind genug Spieler dabei, die schon zweimal Relegation gespielt haben. Spätestens nach dem Darmstadt-Spiel hätten bei denen alle Alarmglocken schrillen müssen. Die Fehler, die in den vergangenen Spielzeiten gemacht wurden, dürften sich doch eigentlich nicht wiederholen. Es erstaunt mich, dass die Mannschaft unter jedem Trainer dann doch wieder das alte Gesicht gezeigt hat.


Wenn es gegen den VfL mit einem Sieg nicht klappt: Was droht in der Relegation?

Ahmet Humrahn: Eines droht für Braunschweig – sie werden nicht aufsteigen, denn die können auch nicht Relegation.
Detlef Kaack: Ich bin froh, dass es nicht Hannover ist. Auch wenn Braunschweig jetzt 0:6 verloren hat: Man hat es ja gegen Greuther Fürth und Karlsruhe gesehen, das diese Spiele immer enge Kisten sind. Es gibt ja genug Beispiele von Traditionsvereinen, die in der 2. Liga versauern und nicht wieder hochkommen.

Norbert Steen: Wir sind unabsteigbar. Und wenn das völlig Unmögliche dann doch eintritt: einmal HSV, immer HSV. Die 2. Liga wäre für den Hamburger SV aber schon gefährlich, der Verein könnte daran zerbrechen.

Wie war die Gemütslage nach dem zehnten Spieltag?

Ahmet Humrahn: Mit nur zwei Punkten war auf jeden Fall schon wieder Relegations-Atmosphäre. Gerade Mannschaften, die gar nicht hätten oben stehen sollen, hatten da schon reichlich gepunktet.
Norbert Steen: Man hat schon einen realistischen Blick gehabt und nicht die rosarote Brille getragen. Aber dennoch hat das bei mir eine Trotzreaktion ausgelöst. Immer wenn andere gesagt haben „Oh Gott, Oh Gott“, war ich überzeugt: Wir schaffen das. Denn urplötzlich waren dann auch wieder gute Ansätze da.

Detlef Kaack: Bis zur Winterpause merkte man ja auch, da passiert was. Bloß als die Winterpause zu Ende war, ging das ganze Elend erst mal wieder von vorne los.
Was macht der HSV in dieser Saison richtig?

Norbert Steen: Das einzig Positive an diesem ganzen Personalkarussell ist, dass wieder Ruhe im Verein ist. Sie haben es geschafft, interne Dinge auch dort zu lassen. Vorher wusste die Bildzeitung schon immer einen Tag vorher, was am nächsten Tag passieren würde. Es findet eine kontinuierliche Arbeit statt, die Fehler sind viel früher gemacht worden. Die heutigen Funktionsträger müssen den Mist ihrer Vorgänger ausbaden.

Was läuft so richtig schief?
Detlef Kaack: Da ist vorher viel schief gelaufen. Mit Bruchhagen als Vorstands-Chef und der Tatsache, dass der Aufsichtsrat nicht mehr eine so große Rolle spielt, sind wir gut aufgestellt. Früher hat oft die sportliche Kompetenz in der Führung gefehlt. Trainer Markus Guisdol macht eigentlich einen guten Job. Komisch fand ich allerdings, dass man seinen Vertrag verlängert hat, bevor wir gesichert waren. Wenn es wirklich schief geht, hat der trotzdem seinen Vertrag für zwei Jahre. Es fehlt oft, jungen Spielern eine echte Chance zu geben. Beispiele dafür sind Tah oder auch Demirbay, die woanders gut eingeschlagen haben. Es müsste eigentlich viel mehr aus der Jugend kommen.

Norbert Steen: Junge Leute müssen besser unterstützt werden. Wenn man zum Beispiel so einem Talent wie Jann-Fiete Arp aus der U17 nicht schon jetzt einen Vertrag anbietet und an den Verein bindet, ist der bald weg. Dann freut sich möglicherweise Rudi Völler in Leverkusen.

Welche Spieler sind für den HSV unverzichtbar?

Detlef Kaack: So richtige Führungsspieler wie damals Frank Rost oder David Jarolim täten der Mannschaft sicher gut. Die würden das Team auf Linie bringen. Da sind Spieler wie Adler oder Djourou, die schon länger hier sind, viel mehr gefordert. Echte Führungsspieler fehlen Hamburg derzeit aber.
Norbert Steen: Da kommt in der Winterpause ein Papadopoulos und rüttelt die Mannschaft auf. Vom kämpferischen Einsatz her gilt das auch für Lewis Holtby.

Ahmet Humrahn: Es braucht jemanden, der einfach mal auf den Tisch haut. In Hamburg ist die Luft nun mal rauher als anderswo. Frank Rost ist auf das Feld gerannt und hat jeden geschüttelt, der erkennbar nicht bei der Sache war. Das macht der Papa eben auch.

Was sollte man in der Führung des Vereins anders machen?
Norbert Steen: Wie gesagt, die Fehler geschahen früher. Oft hat man nicht realistisch genug die eigenen Möglichkeiten gesehen. Da wurden viele teure Spieler geholt, die überhaupt nicht eingeschlagen haben. Sportlich kompetente Leute wurden herausgebissen aus dem Verein, weil sie vielleicht eine andere Meinung hatten als der Präsident. Vorstand und Aufsichtsrat haben sich drei Jahre lang nur mit ihrer bescheuerten Ausgliederung befasst, der sportliche Aspekt stand hinten an. Es ging nur um deren Ego und das eigene Denkmal. Alle, die danach gekommen sind, mussten das ausbaden. Wie zum Beispiel ein Dietmar Beiersdorfer, den man auf den falschen Posten gesetzt hat.

Detlef Kaack: Übel für Hamburg war in dieser Zeit der Disput zwischen Vorstand und Aufsichtsrat. Das zeigte sich damals auch an der Berufung von Bastian Reinhardt – vom Praktikanten auf der Geschäftsstelle zum Sportchef. Und das in einem Wirtschaftsunternehmen. Ein Bundesligist, der zig Millionen umsetzt. Es war ein Trauerspiel, dass sie die jeweiligen Kandidaten über ein Jahr geblockt haben und nichts passierte. Auch nachfolgende Entscheidungen für dieses Amt waren nicht durchdacht.


HSV-Fans mussten in den letzten Jahren Spott und Häme ertragen. Was war das Schlimmste, und wie geht ihr insgesamt damit um?
Norbert Steen: Das Schlimmste ist für mich immer noch, innerhalb von vier Wochen fünf Mal gegen Werder Bremen verloren zu haben. Einmal sogar wegen einer blöden Papierkugel. Das wurmt mich immer noch. Aber man bekommt eine gewisse Routine darin, mit dieser Häme umzugehen. In der Not lernt man seine Freunde kennen.

Detlef Kaack: Das Schlimmste war da ja noch, als Bremens Torhüter Tim Wiese den Tanz vor der Kurve machte, als er drei Elfmeter hielt. Dass da die Häme von den Bremern kommt, ist klar. Da stehen wir über den Dingen. Die letzten Jahre sind einfach zu schlecht gewesen, als dass ich mich jetzt darüber noch ärgern würde.

HSV-Fanclub Wacken


Der eingetragene Fanclub des Bundesliga-Dinos entstand vor knapp 26 Jahren in Gribbohm. Ihm gehören derzeit rund 25 aktive Mitglieder an, das „dienstälteste“ von ihnen ist Detlef Kaack. Da die meisten Mitglieder allerdings mittlerweile in Itzehoe wohnen, befindet sich dort auch das Vereinslokal („Marktklause“, Salzstraße).


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