40 Jahre danach - Jürgen Bischof eine endlose Tragödie

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Meisterlich: Jürgen Bischof in seiner Glanzzeit an den Ringen.Repro: rst

München, 15. März 1969: Der Itzehoer Kunstturner Jürgen Bischof setzt bei einem Bundesligawettkampf seines neuen Vereins Neckarsulm zu einer Sprungfolge beim Bodenturnen an. Plötzlich hallt es wie ein Peitschenknall durch die Sporthalle - Bischof bleibt mit schmerzverzerrtem Gesicht liegen. Die linke Achillessehne ist gerissen - der Anfang einer der größten Tragödien der deutschen Sportgeschichte.

shz.de von
04. Juli 2009, 03:59 Uhr

Krempe | 40 Jahre nach dem tragischen Unfall lebt Jürgen Bischof heute im Kremper Ahsbahsstift. Sein Leben hat sich seitdem jäh verändert. Die Operation an der gerissenen Sehne war zwar erfolgreich, doch ein Narkosefehler sorgte dafür, dass Bischof fast drei Monate im Koma lag und mit schwersten Behinderungen wieder aufwachte. Für den auch vor einer erfolgreichen beruflichen Karriere stehenden jungen Mann begann ein neues Leben.

An den Kunstturner von damals erinnert heute nur noch ein Foto in seinem Zimmer. Jetzt sitzt Jürgen Bischof angeschnallt in seinem Rollstuhl und stammelt "Babba". Das ist seit 40 Jahren sein Lieblingswort. Diesmal stammelt er es freudig erregt, denn er hat Besuch von seinem fast 90-jährigen Vater Georg. "Schorsch" Bischof lebt mittlerweile im schweizerischen Appenzell und kann seinen Sohn aus gesundheitlichen Gründen nur noch selten besuchen. Aber wenn der "Papa" da ist, ist die Welt für Jürgen Bischof in Ordnung. Im Laufe der Jahre hat er sich offenbar daran gewöhnt, dass er seinen Vater nicht mehr so häufig sehen kann. "Früher war jedes zweite Wort Babba, heute sagt er es nicht mehr so häufig", erzählt Jürgen Bischofs jüngster Sohn Dirk, der sich zusammen mit Bruder Sven um den Vater kümmert.

Beide kennen ihn nur als Schwerbehinderten, was für die beiden Jungen eine große Belastung war. "An den gesunden Vater gibt es keine Erinnerung mehr. Ich war damals vier und Dirk ein Jahr alt. Unsere Mutter hatte plötzlich drei Kinder im Haus. Acht Jahre hat sie ihn versorgt, am Ende reichte die Kraft nicht mehr. Die Belastung war zu groß geworden. Die Ehe wurde geschieden", so Sven Bischof. Die Vaterrolle hatte Opa Georg zwar übernommen, doch die beiden Bischof-Söhne hatten immer an dem Zustand ihres leiblichen Vaters schwer zu "knabbern". "Es war nicht leicht für uns, weil er ständig gegenwärtig war, sich aber nicht artikulieren konnte," sagt Dirk Bischof über seinen persönlichen Leidensweg. "Unser Vater lebt in seiner eigenen Welt. Man merkt, dass er sich freut, wenn wir da sind. Er kann seine Wünsche aber nicht formulieren. Ich glaube schon, dass er einiges von dem versteht, worüber wir mit ihm sprechen, aber das meiste rauscht an ihm vorbei", fügt Sven hinzu. "Wir sind froh, dass er hier im Ahsbahsstift gut versorgt wird. Die Heimbewohner sind sehr nett und kümmern sich viel um ihn, was ihm offenbar sehr gut gefällt. Das war nicht immer so, denn die Zeit davor in Meldorf war wesentlich schwieriger", so Sven Bischof, der selbst gelernter Krankenpfleger ist und in diesem Beruf 20 Jahre selbstständig gearbeitet hat. Seit einem Jahr ist er nur noch als Künstler tätig. Seine Spezialität sind Skulpturen aus Gasbeton. Bruder Dirk wird als Servicetechniker der Firma Sihi-Sterling in ganz Europa für Reparaturen von Vakuumpumpen eingesetzt, ist deshalb aber nicht weniger vor Ort bei seinem Vater.

Größte Bezugsperson für Jürgen Bischof war und ist wohl auch heute noch Georg Bischof, der letzter Kunstturn-Ostpreußenmeister im Zwölfkampf war. Keine Frage: die turnerischen Fähigkeiten hat Jürgen von seinem Vater geerbt. Die Geschichte der Familie Bischof beginnt in Königsberg. Als Flüchlinge landeten Hildegard Bischof und ihre Söhnen Jürgen und Wolfgang nach dem zweiten Weltkrieg im Dithmarscher Bargenstedt nahe Meldorf. Vater Georg kam erst nach fünfjähriger Kriegsgefangenschaft in Sibirien nach. An seinen Vater hatte Jürgen Bischof beim Wiedersehen keine Erinnerung mehr. Schon bald holte der damalige Bürgervorsteher und Vorsitzende des ETSV Gut Heil Otto Eisenmann "Schorsch" Bischof nach Itzehoe, wo er eine Kunstturn-Riege aufbaute. Die Vater-Sohn-Beziehung wurde in der Steinburger Kreisstadt immer ausgeprägter, denn Georg Bischof "drillte" seinen Jürgen zu einem der besten Kunstturner der Welt und war ebenfalls dafür verantwortlich, dass der ETSV Gut Heil Itzehoe Anfang der 70er Jahre eine der ersten Adressen in Sachen Kunstturnen in Deutschland war. Die Mannschaft mit den Gebrüdern Diehl und Manfred Dethlefs an der Spitze mischte im Konzert der "Großen" in der Bundesliga kräftig mit und erreichte mehrmals den Endkampf um die deutsche Meisterschaft. Das gab es später in Schleswig-Holstein nicht mehr. Der auch beruflich sehr erfolgreiche Georg Bischof hatte inzwischen ein Entsorgungsunternehmen übernommen, das noch heute unter seinem Namen in Kremperheide existiert.

Der am 24. September 1941 geborene Jürgen war der zweite Sohn der Familie Bischof. Der ältere, Wolfgang, war für das Kunstturnen nicht zu begeistern. Er spielte lieber Fußball. Georg Bischof hatte das turnerische Talent seines Jüngsten schnell erkannt und förderte ihn dementsprechend. 1959 wurde Jürgen Bischof in Holzminden deutscher Jugendmeister. 1961 folgte der deutsche Juniorentitel und danach sammelte er gleich reihenweise Meisterschaften bei den Männern. Von seinen 18 Deutschen Meistertiteln gewann Jürgen Bischof allein sieben am Boden. Außerdem zählten Ringe, Sprung und Barren zu seinen Lieblingsgeräten.

1966 nahm Bischof an der Weltmeisterschaft in Dortmund teil, wo er bester westeuropäischer Turner war. 1967 folgte die Europameisterschaft in Tampere. Höhepunkt seiner sportlichen Karriere war die Olympiade 1968 in Mexiko. Insgesamt bestritt Bischof 21 Länderkämpfe in der Nationalmannschaft und turnte 1968 in der Europariege.

Dabei hatte er vor den olympischen Spielen fast ein Jahr ausgesetzt, um sich ganz auf sein Staatsexamen als Diplombetriebswirt im April 1968 zu konzentrieren. Nach bestandener Prüfung qualifizierte er sich in zwei Länderkämpfen gegen Norwegen und Spanien dann aber doch noch als bester Turner für die Olympiade in Mexiko. Bis dahin war Jürgen Bischof seinem Stammverein Gut-Heil Itzehoe treu geblieben. Doch nach der Olympiade wechselte er im Oktober nach Neckarsulm, wo er auch beruflich als Direktionsassistent einer Autofirma auf dem Sprung nach oben stand. Inzwischen war Bischof glücklich verheiratet - die Söhne Sven und Dirk geboren.

Am 15. März 1969 endete der erste Lebensabschnitt Jürgen Bischofs abrupt. Der Riss der Achillessehne war allein betrachtet noch kein tragischer Unfall. Die Sehne war Bischof schon einmal mit 19 Jahren bei einem Länderkampf gegen Japan gerissen und die Operation im Itzehoer Krankenhaus verlief ohne Komplikationen. Diesmal kam jedoch alles anders. Jürgen Bischof entschied sich für eine schnelle Operation in der Uni-Klinik München. Die Sehne wurde zwar repariert, doch der Patient wachte nicht wieder aus der offensichtlich zu starken Narkose auf. 90 Tage lag Bischof im Koma, ehe er endlich in sein zweites Leben zurückgeholt wurde. Nach der Operation muss es einen Herzstillstand gegeben haben, wodurch das Gehirn mehrere Minuten nicht mit Sauerstoff versorgt wurde. Die Folge waren schwerste Störungen im Sprachzentrum und sehr starke Beeinträchtigung der Motorik. Als Bischof aus dem Koma erwachte, konnte er weder sprechen noch sonstige Körperfunktionen richtig ausüben.

Es folgte ein aufsehenerregender für die Familie nervenaufreibender Rechtsstreit mit dem Freistaat Bayern als Kostenträger der Uni-Klinik wegen ärztlicher Kunstfehler. Dank der hartnäckigen Nachforschungen von Jürgen Bischofs ehemaligem Studien- und Kunstturnkollegen Herwig Matthes aus Hannover, der sein Jurastudium mittlerweile abgeschlossen hatte, endete der fast vier Jahre dauernde Prozess schließlich mit einem für die Familie Bischof erfolgreichen Vergleich. Jürgen Bischof erhielt eine Beamtenpension, etwa 2000 Euro monatlich, womit seine Zukunft zumindest finanziell gesichert war.

Der vor dem Unfall vor Kraft strotzende Athlet, war hinterher allerdings ein körperliches Wrack. Zuerst sagte er nichts anderes als "Babba" und konnte zunächst nur liegen. Erst nach drei Monaten führte er langsam Bewegungen aus und lernte wieder zu gehen. Acht Jahre wurde er von seiner Frau Bärbel in ihrem Haus in Oldendorf gepflegt. Dabei reagierte Jürgen Bischof oftmals aggressiv. Schließlich resignierte seine Frau die Ehe wurde 1975 geschieden.

Es folgten mehrere Stationen in Malente, Coppenbrügge, Bad Rehburg, Meldorf und jetzt Krempe. Alle Versuche, Jürgen Bischof nach dem Unfall 1969 zu therapieren, waren so gut wie erfolglos. Spastische Lähmungen, motorische Störungen, Artikulationsprobleme blieben. In seinem offenbaren Frust über seinen körperlichen Zustand zeigte Bischof oft ein aggressives Verhalten. Mit den Jahren wurde allerdings er ruhiger.

Von dem Ausnahmesportler ist nichts übrig geblieben. Jürgen Bischof kann sich mittlerweile nicht mehr ohne Hilfe fortbewegen und muss gefüttert werden. Die vor einigen Jahren noch vorhandene Körperspannung ist fast ganz weg. Damit er nicht aus dem Rollstuhl fallen kann, ist Bischof ständig angeschnallt. Meist lebt er in seinen Erinnerungen, obwohl er auch spontan auf seine Umwelt reagiert. Dass sein Gehirn noch etwas von den Glanzzeiten gespeichert hat, ist aber ganz offensichtlich, denn wenn Vater "Schorsch" alte Turn-Geschichten "aufwärmt", hellen sich seine Gesichtszüge auf und er beginnt erregt zu stammeln.

40 Jahre befindet sich der 67-Jährige jetzt in diesem erbärmlichen körperlichen und geistigen Zustand. Nach 27 Jahren Sonnenschein, gab es nur noch Schatten für den ehemaligen Kunstturner. Jürgen Bischof vegetiert in seiner Scheinwelt dahin - alle die ihm nahe stehen, leiden bereits eine Ewigkeit mit ihm. "Turner haben ein starkes Herz", glaubt Vater Georg eine Erklärung dafür gefunden zu haben, dass sein Sohn trotz schwerster Behinderungen so lange überlebt hat. Wenn auf Jürgen Bischofs Leidensweg wenigstens etwas geringfügig Positives zu entdecken ist, dann die Wahrnehmung, dass er sich in seiner heutigen Umgebung offenbar wohl fühlt. Ob das wirklich so ist, weiß allerdings niemand. Der letzte Akt dieser Tragödie bleibt offen.

Reiner Stöter

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