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Fussball-Regionalliga Nord : VfR-Spieler sägen ihren Trainer ab

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Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Ervin Lamce zieht in Neumünster die Reißleine, Helmut Szpadzinski fungiert vorerst als Interimscoach. In der Mannschaft wird nun ein „Maulwurf“ gesucht.

shz.de von
erstellt am 06.Feb.2014 | 06:00 Uhr

Das Jahr ist noch jung, doch in Fußball-Neumünster ist in den vergangenen Tagen bereits die eine oder andere Bombe geplatzt. Aber alles Dagewesene mutierte am späten Dienstagabend kurz vor Mitternacht zu einem albernen Tischfeuerwerk. Denn was wie ein Aprilscherz anmutet, ist die harte Fußball-Realität und eine echte Bombe zugleich: Der Traditionsclub VfR Neumünster und sein Trainer Ervin Lamce gehen ab sofort getrennte Wege. Das Aus des A-Lizenz-Inhabers nach sechseinhalb Jahren als Trainer des aktuellen Regionalliga-Tabellenneunten ist besiegelt, weil sich die Mannschaft in klarer Mehrzahl gegen ihn ausgesprochen hat.

Mit Lamce geht der dienstälteste Übungsleiter in der knapp 104-jährigen Vereinsgeschichte der Lila-Weißen. Insgesamt 218 Mal war er in Meisterschaftsspielen der Hauptverantwortliche an der Seitenlinie. Die Trainingseinheit am Dienstag leitete bereits der bisherige „Co“ Helmut Szpadzinski, der vorerst als Interimslösung auf dem Cheftrainerposten bei Rasensport gilt. An seine Seite rückt der frühere VfR-Kapitän Carsten Pukaß, zuletzt im Umfeld des Vereins mit administrativen Aufgaben beschäftigt.

Der Zeitpunkt dieser Trennung kommt völlig überraschend. Schließlich steht Rasensport derzeit im gesicherten Tabellenmittelfeld, befindet sich in der letzten Woche der Vorbereitung und soll am kommenden Sonnabend um 13 Uhr beim Hamburger SV II in die Restrunde starten. Die Mannschaft hat sich für diese Partie selbst gehörig unter Druck gesetzt, hat sich doch ein Großteil der Spieler auf einer Teamsitzung am Montagabend klar gegen Lamce positioniert. Dies wurde dem (Ex-)Coach von Vereinsboss Detlef Klusemann und dem 3. Vorsitzenden Jörg Zenker in einer dreieinhalbstündigen Sitzung tags darauf mitgeteilt. Für Lamce war das keine Überraschung mehr. Denn zuvor war bereits durchgesickert, dass es für ihn eng werden könnte. „Man wirft mir vor, ich sei im Umgang mit den Spielern zu hart gewesen“, erklärte Lamce und ergänzte: „Ja, ich war und bin unbequem. Doch war ich immer geradlinig und bin nun mal kein Kuscheltrainer. Schließlich betreiben wir Leistungssport an der Grenze zum Profitum.“ Seit 1998 war er als Spieler, Co-Trainer und Chefcoach beim VfR tätig – eine in heutigen Zeiten fast ungewöhnliche Vereinstreue. Und wenn er gewollt hätte, dann wäre er wohl noch heute in Amt und Würden. Klusemann hatte ihn am Dienstagabend gefragt, ob er weitermachen wolle. „Unmöglich. Die Basis ist doch völlig zerstört. Was soll ich mit einer Mannschaft, die nicht hinter mir steht?“, sagte Lamce. Klusemann sah das gestern ähnlich. „Wenn wir uns nicht zusammengesetzt hätten, wäre das doch grob fahrlässig gewesen. Das Vertrauensverhältnis zwischen der Mannschaft und Lamce ist schließlich am Ende“, meinte der Vorsitzende und bezeichnete die Zusammenkunft mit Lamce als „vernünftiges, seriöses Gespräch“. Des Weiteren betonte Klusemann: „Wir haben den Coach nicht entlassen. Es wäre falsch, diesen Terminus zu benutzen.“ Auch dankte der 49-Jährige seinem Ex-Trainer: „Denn Lamce hat das Maximale aus unseren Möglichkeiten herausgeholt.“


Fans beziehen Stellung


Die Mannschaft steht indes vor einer Zerreißprobe. Ihr wurde im Übrigen von Klusemann ein Maulkorb verpasst. Intern muss ein „Maulwurf“ gesucht werden, der wiederholt Interna ausgeplaudert hat. So stand bereits eine halbe Stunde vor (!) der Zusammenkunft von Lamce, Klusemann und Zenker in einem Internetportal, dass der Trainer gehen müsse. Kapitän Finn Thomas wehrte sich dagegen, als einer der Strippenzieher hinter den Kulissen zu gelten. „Ich habe in meinen Jahren beim VfR so viel Mist erlebt. Da säge ich doch jetzt nicht meinen Trainer ab. Wer das behauptet, der redet Bullshit“, sagte er. Einige Stammkräfte, deren Wort Gewicht hat, wie Christopher Kramer oder Kevin Schulz, sollen derweil stinksauer sein. Sie sollen eindeutig pro Lamce Stellung bezogen haben. Dies tun mittlerweile auch zahlreiche Rasensport-Fans im Internet. Einer schrieb von einem „Putsch“, ein anderer über Lamce: „Er hat aus Scheiße Bonbons gemacht.“

In der Tat hat die Mannschaft, die vor der Saison geradezu mit Brachialgewalt runderneuert wurde – viele Spieler unter den 13 Neuzugängen wurden ohne Lamces Zustimmung verpflichtet und ihm regelrecht aufs Auge gedrückt –, auch aktuell viel erreicht. Derzeit Rang 9 ist die beste Platzierung in dieser Serie, viele Topteams wurden geschlagen, im SHFV-Pokal war erst im Halbfinale Endstation. Auch die in Lamces Amtszeit fallenden Erfolge sind immens. So wurde er mit dem VfR 2011 (als erster Verein Schleswig-Holsteins überhaupt ungeschlagen) und 2012 Landesmeister, ferner führte der 41-Jährige den Club 2013 in den DFB-Pokal und wurde mit ihm der beste von acht Regionalligaaufsteigern (Platz 6). Lamces Problem: Langjährige Fürsprecher im Verein, wie Ex-Vorsitzender Herbert Sander oder der aufs Abstellgleis geschobene „gute Geist“ Jochen Schmahl, sind nicht mehr da. So wurde die Arbeit des Trainers zuletzt über Monate hinweg eher kritisch betrachtet, so auch von Vereinsboss Klusemann. „Ich habe mich zuletzt allein gefühlt“, bekannte Lamce im Courier-Gespräch.

Die Vorbereitung auf die im Kampf um den Klassenerhalt möglicherweise wegweisende Partie am 8. Februar beim Hamburger SV II wird durch die Trennung von Lamce empfindlich gestört. Denn nun wird es auch um Abfindungsmodalitäten gehen. Er werde nie ein böses Wort über den VfR verlieren, erklärte Lamce. „Doch ich werde auch nicht auf Geld verzichten. Schließlich habe ich mir nichts zu Schulden kommen lassen und gehe erhobenen Hauptes“, betonte er. Vereinschef Klusemann setzt auf ein faires Miteinander. „Wir werden eine Lösung finden“, versprach er. In diesem Zusammenhang: Die auf einer Pressekonferenz Anfang Juni 2013 vom VfR verkündete Nachricht, Lamce habe einen Zweijahresvertrag unterschrieben, war schlichtweg falsch. Vielmehr läuft sein Vertrag bei Lila-Weiß „nur“ noch bis zum 30. Juni dieses Jahres.

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