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Fussball-Regionalliga Nord : VfR: Ergebnis- statt Erlebnisfußball

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Der sh:z blickt zurück: Nach einem Taktikwechsel kommt es beim Neumünsteraner Traditionsclub zur Trendumkehr.

shz.de von
erstellt am 10.Jan.2014 | 23:00 Uhr

Ein ganz schwacher Start und ein ganz starkes Ende: Der VfR Neumünster ist in der laufenden Regionalligaserie zwischen Himmel und Hölle unterwegs. Der Courier beleuchtet den bisherigen Saisonverlauf und startet damit den Reigen der traditionellen Fußball-Halbzeitrückblicke.


Die Lage

Zwei Siege vor der Winterpause haben dafür gesorgt, dass der VfR mit soliden 24 Punkten und 23:31 Toren in der oberen Tabellenhälfte auf Rang 9 steht – gleichzeitig die beste Platzierung in der gesamten Saison. Der Vorsprung vor dem ersten Abstiegsrang beträgt sechs Zähler. Im DFB-Pokal gab es nach großem Fight ein programmgemäßes Aus in Runde 1 gegen den starken Erstligaaufsteiger Hertha BSC (2:3 nach Verlängerung). Im noch laufenden SHFV-Pokal-Wettbewerb schied die Elf von Trainer Ervin Lamce durch ein 1:3 gegen den Ligarivalen ETSV Weiche Flensburg im Halbfinale aus.

Die Stärken

Rasensport war unberechenbar, ließ sich auch von großen Namen nicht beeindrucken. So gewann Lila-Weiß beim Spitzenreiter VfL Wolfsburg II (3:0), beim Tabellenzweiten VfB Oldenburg (2:0) und auch beim Tabellenvierten Werder Bremen II (3:2), was ebenso eine Auswärtsstärke unterstreicht (Platz 4 in der Auswärtstabelle). Die Mannschaft ist trotz eines schlechten Starts immer ruhig geblieben, hat geduldig und diszipliniert weitergearbeitet. Sie ist in der Lage, jeden Gegner zu entnerven und das eigene Tor abzuschotten. Als Erfolgsrezept erwies sich ein Taktikwechsel nach dem Katastrophenstart: Aus Erlebnis- wurde Ergebnisfußball.

Die Schwächen

Vor eigenem Publikum taten sich die „Veilchen“ einige Male verdammt schwer, ließen zudem häufig ein klares Chancenplus und beste Gelegenheiten ungenutzt verstreichen. So gab es erst im zehnten Anlauf den ersten Sieg vor eigenem Publikum, der vorletzte Platz in der Heimtabelle kommt nicht von ungefähr. Auch schafft es der VfR nicht, endlich mal seine Angstgegner aufs Kreuz zu legen. Der ETSV Weiche Flensburg, der BV Cloppenburg und der SV Meppen sind von Rasensport einfach nicht zu schlagen. Ebenfalls negativ: Mit dem fehlenden sportlichen Erfolg – in der ersten Hälfte der Hinserie – ging eine zu harte Gangart einher. Hatte Lila-Weiß in der gesamten Vorsaison nur eine einzige Gelbsperre zu verkraften, sind es in der laufenden Serie bereits deren vier.


Die Neuen

Verteidiger Amando Aust (vormals Holstein Kiel) ist ein Volltreffer, hat den zu Viktoria Köln abgewanderten Henrik Giese eins zu eins ersetzt. Der Rest der 14 (!) Neuzugänge tat sich deutlich schwerer. Michél Harrer (1. FC Magdeburg) hat bis zu seinem Kreuzbandriss Ende Oktober in Cloppenburg in der Offensive seine Qualitäten durchaus unterstrichen, Rückkehrer Christopher Kramer (Holstein Kiel) gab lange Rätsel auf, kam am Ende aber auf Touren. Der wegen gesundheitlicher Probleme ausgemusterte Ali Moslehe (1. FC Magdeburg) spielte zwei, drei Mal überragend, kam ansonsten über Ansätze nicht hinaus. Jakob Olthoff (Hannover 96 U 19) war als solider Arbeiter ein kleiner Gewinn, der vom VfB Lübeck geholte Ermir Zekjiri blieb zu oft unter seinem Potenzial. Gleiches gilt für Kevin Ingreso (Hamburger SV II), einen eigentlich exzellenten Fußballer. Als Vertreter des verletzten Stammkeepers Marcus Hesse wusste der junge Marc Aaron Kassler (Holstein Kiel U 19) hingegen in immerhin elf Spielen zu überzeugen. Die ebenfalls noch sehr jungen Bodo Bönigk (Energie Cottbus II), Felix Schlagelambers (Holstein Kiel II), Kevin Zschimmer (Hallescher FC II) und Dario Streubier (Hamburger SV U 19) empfahlen sich allesamt bislang nicht, von Letzterem wurde sich gerade getrennt. Ein Missverständnis war die Verpflichtung des koreanischen Zweitligaspielers Jae Hyun Ju (Yongin City FC), auch der trainingsfleißige dritte Torwart Jannis Gabrielides (SV Meerssen/Niederlande) nutzte seine Chance nicht.


Die Sorgen

Der Zuschauerschwund auch auf Grund einer fehlenden Identifikation mit zahlreichen zugereisten Spielern (der Schnitt bei Heimspielen sank von über 1000 in der Vorsaison auf 540) sowie fehlende Einnahmen im Pokal (Finale auf Landesebene sowie Einzug in den DFB-Pokal 2014) haben dem VfR – wieder einmal – Daumenschrauben angelegt. Die finanzielle Lage gilt als angespannt. In sportlicher Hinsicht sorgen die Winter-Abgänge (Ali Moslehe, Hannes Schäfke sowie eventuell Patrick Christophersen) und die Verletzung von Michél Harrer (Kreuzbandriss) für Fragezeichen. Reicht das vorhandene Spielermaterial für eine Rückrunde im ruhigen Fahrwasser? Was passiert, wenn wirklich mal zwei, drei Leistungsträger gleichzeitig ausfallen? Das sind (noch) die großen Fragezeichen, viel schwerer wiegt da ein Faktum: Am Saisonende laufen die Verträge zahlreicher Stammkräfte, wie Hesse, Aust, Yannik Jakubowski, Patrick Nagel, Christian Rave, Kevin Schulz oder Finn Thomas, aus. Mehrere Spieler sind bereits von anderen Clubs heiß umworben.


Das Umfeld

Vorsitzender Detlef Klusemann gilt als Hardliner. Kein Cent verlässt ungeprüft das Vereinskonto. Der schwelende Streit mit Herbert Sander und der Prozess gegen seinen Vorgänger haben ihm nicht nur Freunde eingebracht. Überhaupt ist ein gewisser Sättigungsgrad auszumachen. Die große Euphorie auf Vorstandsebene ist verpufft, zumindest halten die Sponsoren zur Stange. Gleichwohl tut sich auch im Förderverein herzlich wenig. Was dem VfR fehlt, ist ein Sportlicher Leiter mit Manager-Qualitäten und einer guten Vernetzung im Fußballnorden. Positiv ist die Entwicklung der Jugendfußballsparte. Es ist gut möglich, dass der VfR bereits in Kürze von seiner Nachwuchsarbeit im Seniorenbereich – jedenfalls im Reserveteam – profitieren wird. Apropos: Die zweite Mannschaft wird wohl erneut auf Kreisebene hängen bleiben. Der SV Eichede (bereits mit der Reserve in der SH-Liga vertreten) und der ETSV Weiche, dessen „Zweite“ als Aufsteiger in die höchste Landesklasse bereits jetzt so gut wie feststeht, haben den VfR Neumünster diesbezüglich schon meilenweit abgehängt. Das stimmt nachdenklich.


Fazit und Prognose

Der VfR ist noch lange nicht durch. Zwar zeigte die Kurve zuletzt klar nach oben (nur drei Niederlagen in den vergangenen 15 Spielen), doch der ausgedünnte Kader birgt Probleme in sich. Für Rasensport geht es bis zum Schluss einzig um den Klassenerhalt, doch sollte Lila-Weiß stark genug sein, vier oder fünf Teams hinter sich zu lassen.

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