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Kampfsportevent Kazakh Kuresi : Unterwegs in einer anderen Welt

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

FTN-Judoka Raimund Geerdts sammelt unvergessliche Eindrücke in Kasachstan. Eine Schulterverletzung raubt ihm alle Chancen.

shz.de von
erstellt am 30.Okt.2014 | 19:30 Uhr

„Ich bin froh, dass ich das gemacht habe.“ Wie oft hat man diesen Satz in seinem Leben schon gesagt?! Raimund Geerdts hat diese Worte gerade gesprochen. Doch Raimund Geerdts hat auch etwas hinter sich, das nur wenige Menschen in ihrem Leben mitmachen werden: Der 41-jährige Judoka von der FT Neumünster vertrat jetzt die deutschen Farben bei einem mit 150 000 US-Dollar dotierten Kampfsportturnier in Kasachstan („Kazakh Kuresi“).

Geerdts hatte ein wenig gezögert, als ihn die Einladung zu diesem Event erreichte. Doch er wollte sich diesen „letzten sportlichen Höhepunkt“ nicht nehmen lassen (wir berichteten). Nach seiner Rückkehr berichtete er von unglaublichen Eindrücken und Erlebnissen – angefangen damit, dass die gemeinsam angereisten Europäer davon ausgegangen waren, in Astana zu kämpfen. „Doch nach der Vorstellung aller 38 Kämpfer in einem riesigen Warenhaus in der Hauptstadt wurden wir plötzlich in einen Zug verfrachtet. Es ging fast 500 Kilometer gen Osten nach Pawlodar. Die Vorstellung von uns in Astana war der Hammer, die Bahn erinnerte aber eher an den Wilden Westen. Ich habe dort kein Auge zugetan“, berichtete der langjährige FTN-Sportler und -Funktionär. Er habe in Kasachstan wohl vier- bis fünfhundert Autogramme geschrieben, rechnete Geerdts vor. „Ferner wurden wir stets von einer Polizei-Eskorte begleitet, auch waren sechs Fernsehteams vor Ort. Die Kameramänner haben sich gegenseitig über den Haufen gelaufen“, schmunzelte Geerdts, „und die starken kasachischen Kämpfer wurden hofiert wie Popstars“.

Am Start waren in Pawlodar einige richtig gute Athleten, amtierende Welt- und Europameister gaben sich ein Stelldichein. Aus westeuropäischer Sicht war „Kazakh Kuresi“ an Exotik kaum zu überbieten. Kämpfer aus Bangladesch, Iran, dem Irak, der Mongolei, Kamerun, Mali oder Jordanien verliehen dem Turnier eine ganz besondere Note. „Und der Zusammenhalt war top – sogar unter Kämpfern, deren Länder zu den Krisenherden der Welt zählen“, staunte Geerdts, wie gut etwa die Vertreter aus Russland und der Ukraine miteinander auskamen. „Sport verbindet“, hielt er fest. Die Eröffnungszeremonie der Veranstaltung wurde bis zum Erbrechen geübt, jeder Athlet regelrecht „eingenordet“. Geerdts machte auch dort große Augen: „Bei den letzten Proben standen plötzlich sechs, sieben riesige Hunde und ein Adler in der Halle. ,Wo bist du bloß gelandet?!’, fragte ich mich.“

Der in Hamburg sesshafte Geerdts musste in seinem einzigen Kampf (online abrufbar bei YouTube) gegen  Juan Pablo Melo Bortoli aus Uruguay ran. Der Mann aus Südamerika war mit 1,90 Meter und 112 Kilogramm zehn Zentimeter größer und fast 20 Kilo schwerer als der FTN-Athlet. Schon nach fünf Sekunden verletzte sich Geerdts an der Schulter, „doch ich stand derart unter Strom, dass ich nichts gemerkt habe“. Erst beim Studium der Videoaufzeichnung registrierte der 41-Jährige, dass er in der Folge einarmig kämpfen musste und der „Uru“ dies ausnutzte. Und dabei hatte der knapp vierminütige Fight für Geerdts gut begonnen. „Anschließend kamen andere Athleten zu mir und meinten, dass eigentlich ich als Gewinner hätte erklärt werden müssen, doch der Kampfrichter sah das anders, und am Ende musste ich meiner Verletzung Tribut zollen“, ärgerte sich der Hamburger ein wenig. Kurios: Sowohl er als auch sein Kontrahent Bortoli (mit Handbruch) mussten nach ihrem Duell ins Krankenhaus gebracht werden, konnten dies nach einer Chefarztbehandlung aber schnell wieder verlassen.

Den sportlichen Sieg trug am Ende der schwerste Kämpfer davon. Óscar René Brayson Vidal aus Kuba brachte 160 Kilogramm auf die Waage und wehrte alle Angriffe seiner Konkurrenten ab.

Sein sportliches Aus nahm Geerdts letztlich locker, zu sehr überwogen die Eindrücke beim Event „in einer anderen Welt“ (O-Ton), das ihn übrigens nicht ärmer machte. Die Veranstalter übernahmen alle Kosten. Ein Füllhorn an Anekdoten begleitete ihn auf dem Rückflug. „In Kasachstan fing es plötzlich zu schneien an. Die afrikanischen Kämpfer kannten das nicht, einer von ihnen hat sich prompt den Fuß gebrochen“, lachte Geerdts mit einer Portion Schadenfreude. Bemerkenswert ging es auch am Mattenrand zu. Die Trainer konnten bei vermeintlichen Fehlentscheidungen eine Pferdeschwanzpeitsche (!) werfen, wenn sie der Meinung waren, der Kampfrichter habe daneben gelegen. Wenn jedoch die anschließend in Augenschein genommene Videoaufzeichnung dem Richter Recht gab, bekam der Athlet des protestierenden Trainers eine Strafe aufgebrummt.

Für Raimund Geerdts war es ein „Erlebnis hoch drei“. Über die Anrufer, die meinten, er sei bescheuert, konnte er nur lachen – passend zu den vielen Schmonzetten in und um Kasachstan.

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