Fussball-Regionalliga Nord : Rekord: Lamce löst Altmeister Appel ab

Gestenreich am Spielfeldrand: Ervin Lamce, der morgen zum 214. Mal als Cheftrainer in einem Meisterschaftsspiel des VfR Neumünster mit von der Partie sein und damit einen neuen Vereinsrekord aufstellen wird.
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Gestenreich am Spielfeldrand: Ervin Lamce, der morgen zum 214. Mal als Cheftrainer in einem Meisterschaftsspiel des VfR Neumünster mit von der Partie sein und damit einen neuen Vereinsrekord aufstellen wird.

Kein anderer Trainer hat so oft auf dem VfR-Stuhl gesessen wie der frühere albanische A-Nationalspieler. Am 12. August 2007 fing alles an

shz.de von
09. November 2013, 20:00 Uhr

Tradition wird bei den Fußballern des VfR Neumünster groß geschrieben, auf seine ruhmreiche sportliche Vergangenheit ist Rasensport stolz. Umso bemerkenswerter ist es dann, wenn Lila-Weiß in der Regionalliga-Gegenwart eine neue Bestmarke aufstellt und damit einen Uralt-Rekord löscht.

Morgen wird es – wieder einmal – so weit sein. Denn Trainer Ervin Lamce wird ein Stück VfR-Geschichte schreiben. Sofern er nicht noch kurzfristig von einer Krankheit übermannt werden oder ihm nicht kurz vor dem Anstoß noch ein anderes Missgeschick gleich welcher Art passieren wird, wird der 41-Jährige einen ganz besonderen Rekord brechen: Lamce wird gegen den SV Eichede zum 214. Mal in einem Meisterschaftsspiel als Chefcoach auf der Rasensport-Bank Platz nehmen. Er wird dann alleiniger Rekordhalter sein und die Bestmarke des unvergessenen „Hänschen“ Appel tilgen. Letzterer hatte Lila-Weiß von 1951 bis 1958 trainiert und den Verein 1955 in die damals erstklassige Oberliga Nord geführt, in der es bis zur Bundesliga-Gründung 1963 in acht Jahren zu diversen längst legendären Duellen mit dem Hamburger SV, Werder Bremen, Hannover 96, dem VfL Wolfsburg, Eintracht Braunschweig oder dem FC St. Pauli kam. In seiner ersten Saison beim VfR fehlte der 1973 im Alter von 62 Jahren verstorbene Appel einmal aus gesundheitlichen Gründen, daher stehen bei ihm „nur“ 213 Spiele zu Buche.

Lamce kann auf eine ähnliche Erfolgsbilanz wie der als Aktiver fünf Mal im deutschen Nationalteam aufgebotene Berliner Appel verweisen. Der frühere albanische A-Nationalspieler wurde mit dem VfR seit 2007 zwei Mal Landesmeister (2010 sogar als erstes schleswig-holsteinisches Team überhaupt ungeschlagen) und drei Mal „Vize“ in der höchsten Landesklasse, bevor er die „Veilchen“ in der Vorsaison auf Platz 6 führte und sie so zum besten der acht Regionalligaaufsteiger werden ließ. Auch fallen in seine Amtszeit der Gewinn des SHFV-Pokals 2013 und der damit verbundene Einzug in den DFB-Pokal mit der denkwürdigen Partie gegen Hertha BSC (2:3 nach Verlängerung). Kein anderer Trainer in der gut 103-jährigen Clubhistorie des VfR saß so lange auf seinem Stuhl wie Lamce, der als Chefcoach bislang 129 Siege, 46 Remis und 38 Niederlagen verbucht. Von 2003 bis 2007 war er Co-Trainer bei Rasensport, in den fünf Jahren zuvor machte er sich als VfR-Ligaspieler einen Namen. Der Courier unterhielt sich mit ihm.

Können Sie sich noch an den 12. August 2007 erinnern?

Lamce: Was war da? Trainingsauftakt beim VfR?

Nein, an dem Tag saßen Sie zum ersten Mal als Cheftrainer beim VfR an der Linie. Es gab in der damaligen Verbandsliga Schleswig-Holstein ein 6:0 beim FC Kilia Kiel ...

Ja, stimmt. Wir führten zur Pause mit 1:0, am Ende war es eine klare Sache.

Hätte Ihnen damals jemand prophezeit, Sie würden im November 2013 zum neuen VfR-Rekordtrainer aufsteigen, was hätten Sie ihm entgegnet?

Vorab: Wenn ich etwas anfange, dann soll das nicht nach einem Jahr wieder beendet sein. Aber ich hätte wohl mit „Schauen wir mal“ geantwortet.

Im Rahmen seiner zweiten Insolvenz war der VfR im Jahr 2007 vom Oberliga-Zwangsabstieg betroffen. Sie übernahmen seinerzeit im Sommer den Trainerjob von Thomas Möller. Was hat Sie dazu angetrieben?

Ich hatte beim VfR schon damals viel erlebt und dem Verein einiges zu verdanken. Wer mich kennt, der weiß, dass ich auch in schwierigen Situationen nicht weglaufe. Ich habe 2007 nicht lange überlegt, als das Angebot kam.

Gab es in der langen Zeit als Cheftrainer Personen, denen Sie besonders viel zu verdanken hatten?

Es ist immer schwierig, in solchen Fällen Namen zu nennen, weil man dann leicht den einen oder anderen verprellt. Den langjährigen Ligaobmann Jochen Schmahl, meinen Weggefährten Jörg Zenker (VfR-Spieler und -Co-Trainer, heute 3. Vorsitzender, Anm. d. Red.) und den damaligen Vorsitzenden Herbert Sander, der mich zum Chefcoach befördert hat, möchte ich trotzdem herausheben.

Gab es Spieler, mit denen Sie besonders gerne gearbeitet haben?

Viele kamen, viele gingen. Die Mannschaft hat in den vergangenen Jahren oft ein neues Gesicht bekommen. Prägende Figuren in meiner bisherigen Amtszeit waren ganz sicher Carsten Pukaß und Marinko Ruzic, aber auch André Bock und der bereits genannte Jörg Zenker.

Was bedeutet Ihnen nun der Rekord mit 214 Einsätzen als Cheftrainer?

Ich habe erst durch Sie davon erfahren, das war mir vorher gar nicht bewusst. Es ist schön, auf diese Art und Weise Geschichte zu schreiben. Das Wichtigste für mich ist, dass mir der Job beim VfR unterm Strich stets Spaß bereitet hat.

Hätten Sie dennoch irgendwann mal am liebsten alles hingeschmissen?

Solche Momente hat man doch im Leben immer mal wieder – natürlich auch im Sport. Das sind Momente, in denen man sich selbst hinterfragt. Aber ich schaue nicht nur geradeaus, sondern ebenso nach links und rechts. Und so ging es dann halt doch immer weiter.

Welche Entscheidung als Trainer würden Sie als Ihre beste bewerten?

Puuuh, schwierig. Ich muss jede Woche viele Entscheidungen treffen. Da sind mal gute, mal schlechte dabei. Ich will mich nicht festlegen, welche bislang die beste war. Ohnehin möchte ich mich nicht jede Woche feiern lassen. Das entspräche nicht meinem Naturell.

Würden Sie mit dem heutigen Erfahrungsschatz irgendetwas in den vergangenen sechseinhalb Jahren anders machen, wenn Sie es könnten?

Das eine oder andere vielleicht, im Großen und Ganzen kann ich mit all dem leben, was ich getan habe.

Nervt es Sie, dass Sie als Speditionskaufmann, im Gegensatz zu fast allen anderen Regionalligatrainern, einem „normalen“ Beruf nachgehen?

Es hat seine Vor- und Nachteile. Vorteil ist: Ich kann mich gut in meine Spieler hineinversetzen, da ein Großteil von ihnen auch einer geregelten Arbeit nachgeht. Nachteil ist, dass eine noch intensivere Gestaltung des Trainings, wie etwa Einheiten am Vormittag, nicht möglich ist.

Haben Sie jemals um Ihren Trainerjob beim VfR gebangt? Stichwort „schlechter Saisonstart 2013/14“ ...

Nein, nicht wirklich. Ich spürte zu jeder Zeit die nötige Rückendeckung durch den Vorstand und unsere Fans. Auch hatte ich nie Selbstzweifel. Schließlich bin ich jemand, der nie aufgeben würde.

Wie charakterisieren Sie sich selbst?

Ich weiß, was ich will. Und ich verstelle mich dabei nicht. Jeder, der bei mir mitzieht, hat einen Stein im Brett.

Welche Ambitionen hat ein Ervin Lamce?

Ich habe mir stets Ziele gesetzt und werde das auch zukünftig tun. Der VfR ist, auch und vor allem mit seiner Jugendfußballsparte, auf einem guten Weg. Es lässt sich noch einiges im Verein verwirklichen. Nur geht im Leben vieles sehr, sehr schnell. Ich würde mich nie an irgendetwas festbeißen. Das wäre nicht gut.

Welchen Wunsch haben Sie im Laufe ihrer zukünftigen Trainertätigkeit?

Einen kurzfristigen: Ich möchte mein morgiges Rekordspiel mit dem ersten Heimsieg der laufenden Saison krönen.

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