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Fussball : Die große Gaudi ist ein Auslaufmodell

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Hallenfußball soll ab 2016 nur noch nach Futsal-Regeln gespielt werden dürfen. Mehrere traditionsreiche Events stehen somit vor dem Aus

shz.de von
erstellt am 20.Dez.2013 | 14:00 Uhr

Zweiter Weihnachtstag, Tatort Holstenhalle: Zum 35. Mal werden sich dort Neumünsters beste Fußballteams ein Stelldichein geben. Der Kampf um die Kickerkrone in der Schwalestadt ruft. Wieder einmal dürften rund 2000 Besucher an die Justus-von-Liebig-Straße strömen. Wer darauf steht, der sollte das Turnier am 26. Dezember noch einmal genießen. Denn es wird das drittletzte in seiner jetzigen Form sein. Ab 2016, so wollen es der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und auch der ihm untergeordnete Schleswig-Holsteinische Fußballverband (SHFV), darf unterm Dach nur noch Futsal gespielt werden. Dies gilt dann für sämtliche Turniere in allen Altersklassen, an denen Vereinsteams teilnehmen. Auf einige Veranstalter kommen gravierende Veränderungen zu, einige müssen dann komplett die Tore schließen. Im wahrsten Sinne des Wortes und wohl auch für immer. Der Courier hörte sich bei den wichtigsten hiesigen Turnierorganisatoren um und fing ein interessantes Echo ein.

Vollbande, große Tore, teilweise sogar Fußball-Action auf Kunstrasen – alles das soll ab 2016 vorbei sein. Denn beim Futsal gibt es keine Banden, keinen Kunstrasen, keine Grätschen und auch keine Fünf-Meter-, sondern Handballtore. Der Ball hat andere Eigenschaften und weniger Druck als der normale Fußball, die begangenen Fouls werden pro Team kumuliert und ab einer gewissen Anzahl (siehe Anhang „Die wichtigsten Regeln“) mit Freistößen ohne gegnerische Mauer sanktioniert. Selbst die heilige Kuh, das SHFV-Hallenmasters in Kiel (in dieser Saison am 11. Januar), wird nach Futsal-Regeln gespielt werden.

„Endlich ist Schluss mit dem Gebolze. Die Vollbande ist out. Die Leute wollen technisch-gepflegten Sport sehen.“ Das sagt der oberste Boss der Kicker im Norden, SHFV-Präsident Hans-Ludwig Meyer. Er sei ein bekennender Futsal-Fan, gibt der frühere Trainer der SG Padenstedt frank und frei zu. Meyer verweist darauf, dass bereits heute offizielle Hallenmeisterschaften im Frauen- und Juniorenbereich, so auch in Neumünster, nach Futsal-Regeln ausgespielt werden. „Und damit haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht“, verrät der Funktionär.

Doch wie verhalten sich nun – beim Blick über den Tellerrand hinaus – die Veranstalter? „Ich wehre mich nicht gegen Neuerungen, auch wäre auf Grund der Maße in der Holstenhalle Futsal dort durchführbar. Nur macht meines Erachtens doch gerade die Vollbande die Attraktivität des Hallenfußballs aus“, sagt Volker Bernaschek, Fußballobmann des SH-Ligisten Polizei-SV Union und langjähriger Cheforganisator der Stadt- und Kreismeisterschaft (TyreXpert-Cup) am zweiten Weihnachtstag. Er habe, verrät Bernaschek, noch nie ein Futsal-Turnier live gesehen. „Doch bin ich der festen Überzeugung, dass einer, der auch mit 28 Jahren noch nicht in der Lage ist, den Ball richtig zu stoppen, dies auch dann nicht kann, nur weil wir plötzlich nach Futsal-Regeln spielen“, meint der PSV-Funktionär und ergänzt: „Nur bei den Jugendlichen macht Futsal Sinn.“ SHFV-Boss Meyer hält dagegen: „Wenn wir heute die jungen Spieler im Futsal ausbilden, dann werden wir morgen davon profitieren. Schließlich kommt jeder mal im Seniorenbereich an.“ Für Bernaschek ist es nicht nachvollziehbar, dass der Druck von oben so stark ist. „Meinetwegen können offizielle Meisterschaften nach Futsal-Regeln gespielt werden. Doch letztlich soll gerade der Hallenfußball eine Gaudi sein. Und dann sollte bitteschön jeder Verein bei seinem Turnier selbst entscheiden dürfen, wer welche Gaudi, sprich Regeln am besten findet.“

Eine Gaudi ist definitiv 2016 beendet: das seit Jahren hochkarätig besetzte A-Jugendturnier des VfR um den Energie & Bau Service-Cup. Am 4. Januar wird es in der Stefan Schnoor Arena wieder rund gehen: auf Kunstrasen, mit Vollbande und einem Fangnetzkäfig über das gesamte Feld. Dort bleibt der Ball permanent im Spiel – Spötter könnten von „Anti-Futsal“ sprechen. „Für uns ist die DFB-Entscheidung eine sportliche Katastrophe“, erklärt Mitorganisator Emmanuel Amoako. „Es wäre ein Jammer, wenn wir unser Turnier in der jetzigen Form einstampfen müssten“, verweist der 25-Jährige auf das aktuelle Teilnehmerfeld: In Wittorf starten Anfang 2014 unter anderem drei Regionalligisten sowie acht der neun zurzeit besten A-Jugend-Schleswig-Holstein-Ligisten. „Und die kommen zu uns, weil sie einfach totalen Bock darauf haben, in den Soccercourts der Schnoor Arena zu spielen“, weiß Amoako, der im Übrigen selbst ein begeisterter Futsal-Spieler (!) ist. Bei einer Freizeitmannschaft der Universität Kiel hütet er das Tor, wenn es am 12. Januar darum gehen wird, sich für das Finale des SHFV-Futsal-Cups zu qualifizieren. Verbandsboss Meyer hat den „Härtefall VfR“ erkannt und für den 4. Januar seinen Besuch an der Fehmarnstraße angekündigt. Große Hoffnung auf eine Ausnahmegenehmigung macht er Amoako und Co. aktuell aber nicht. „Wo fängst du mit den Ausnahmen an, wo hörst du auf?“, zuckt Meyer mit den Schultern.

Total erbost ist man in Bornhöved, wo vom 27. bis zum 29. Dezember zum 18. Mal der Honda-Cup ansteht. „In unserer Halle kann kein Futsal gespielt werden. Das Feld würde dann ja noch schmaler werden. Bei uns ist deswegen Ende 2015 mit dem 20. Honda-Cup Feierabend. Schlimm ist das, ganz schlimm“, sagt Helmut Steffen vom Ausrichter TSV Quellenhaupt, der einen Teil seines Fußball-Saisonetats allein durch die Ausrichtung des Hallenturniers bestreitet. Sein Verein werde sich auf jeden Fall vehement gegen den Futsal-Zwang wehren, „zumal wir mit dem Hallenproblem nicht alleine dastehen – ganz im Gegenteil“. Steffen behauptet: „Futsal will doch keiner sehen.“

Klaus Tietz, Organisator des Provinzial-Cups in Aukrug, der in diesem Winter vom 17. bis zum 19. Januar stattfinden wird, ist skeptisch: „Ich sehe beim Futsal keinen Vorteil, bin eher dagegen.“ Sollte es tatsächlich zu einer Umstellung kommen, so wäre dies für ihn „wie ein Schlag ins Gesicht, schließlich haben wir in den Vorjahren viel investiert – zum Beispiel in die Banden“. Ob das eigene Turnier den Veränderungen möglicherweise zum Opfer fallen könnte, vermag der 28-Jährige nicht zu sagen. Erst müsse er sich genauer mit den Regeln vertraut machen.

Ähnlich geht es Lars Kröger, der zum Organisationsteam des vom SV Boostedt initiierten Tackmann-Cups (findet diesmal am 4. und 5. Januar statt) gehört: „Ich weiß nicht, ob wir die technischen Änderungen hinbekommen könnten. Es ist vorstellbar, dass der Wechsel vom Fußball zu Futsal für unser Turnier das Ende bedeutet.“ Grundsätzlich ist er der FIFA-Variante des Hallenfußballs nicht abgeneigt: „Futsal ist ganz anders und interessant. Es erfordert viel Genauigkeit und technische Fertigkeiten und ist zudem fairer. Es wäre eine Riesenrevolution, an die sich viele gewöhnen müssten. Ob alle damit klar kommen, ist eine andere Sache.“ Für Kröger stellt sich auch die Frage, wie das bei den Zuschauern ankommen würde. Schließlich müssten auch die neuen Regeln erst einmal verstanden werden.

Immerhin: Ein Fünkchen Resthoffnung bleibt den Betroffenen. Im Januar setzen sich Meyer und Co. zusammen. „Um eine Lösung für die kleinen Hallen zu finden“, wie Meyer sagt.

Futsal: Die wichtigsten Regeln

Futsal fand seinen Ursprung bereits 1930 in Uruguay (Südamerika). Es ist eine in Hallen gespielte Variante des Fußballs. Der Name ist abgeleitet vom portugiesischen „futebol de salão“ oder dem spanischen „fútbol sala“ (Hallenfußball/Salonfußball). Futsal ist die offizielle Form des Hallenfußballs nach FIFA-Statuten. Gespielt wird ohne Bandenbegrenzungen, wobei auf Handballtore mit einem sprungreduzierten Ball, der ein schnelles Flachpassspiel erfordert, gekickt wird. Der Einwurf ist durch den Einkick ersetzt. Das Grätschen am Mann wird grundsätzlich als Foul gewertet. Die Mannschaftsfouls werden gezählt, wobei es ab dem fünften Mannschaftsfoul (je Halbzeit) für jedes weitere Foul einen Zehn-Meter-Freistoß für die gegnerische Mannschaft gibt (ohne Abwehrmauer). Bei ruhenden Bällen hat der ausführende Spieler nach Freigabe des Balles nur vier Sekunden Zeit, um den Ball wieder ins Spiel zu bringen. Zudem gilt eine verschärfte Rückpassregel.

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