Von Dover nach Calais : Elmshornerin will den Ärmelkanal durchschwimmen

Badeanzug, Kappe und Brille: Viel mehr braucht die Elmshornerin nicht für ihre Kanaldurchquerung.
Badeanzug, Kappe und Brille: Viel mehr braucht die Elmshornerin nicht für ihre Kanaldurchquerung.

34 Kilometer, mindestens zwöf Stunden im Wasser: Die Schwimmerin Anke Tinnefeld will den Ärmelkanal durchqueren.

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18. Juli 2018, 14:45 Uhr

Elmshorn | Mit der Durchquerung des Fehmarnbelts im Jahr 2015 hat sich Anke Tinnefeld bereits einen Traum erfüllt, wie sie selbst sagt. Als fünfte Frau überhaupt legte die Elmshorner Extrem-Sportlerin damals den 21 Kilometer langen Weg zwischen der deutschen Ostseeinsel und dem dänischen Rødby in knapp acht Stunden schwimmend zurück.

Das Durchschwimmen des Ärmelkanals zwischen Dover und Calais ist trotz seiner zahlreichen Gefahren bei Extrem-Sportlern äußerst beliebt. Bislang haben mehr als 1800 Schwimmer knapp 2400 Solo-Starts geschafft. 63 Prozent aller Starter sind männlich. Die durchschnittliche Zeit für die Überquerung beträgt 13:32:27 Stunden.

Drei Jahre später will die 44-Jährige nun erneut eine Meerenge kraulend überwinden: den Ärmelkanal zwischen Großbritannien und Frankreich. Am Mittwoch, 18. Juli, machte sie sich mit dem Flieger auf den Weg an die britische Küste.

Start ist noch nicht sicher

Wann und ob Tinnefeld letztlich überhaupt ins Wasser gehen kann, war kurz vor ihrer Abreise allerdings noch ungewiss. Es gibt wetterbedingt nur wenige Zeitfenster im Jahr, in denen ein Start überhaupt möglich ist. Eines davon öffnet sich am Freitag, 20. Juli – für rund eine Woche.

Freund Christopher, lebt in London, informiert Tinnefeld regelmäßig über den aktuellen Wetterbericht in der Kanalregion. „Bislang war es ganz gut, aber das kann schnell wieder umschlagen“, betont die Elmshornerin.

Sie gehe allerdings relativ gelassen mit dieser Ungewissheit um. Auch dank ihrer gesammelten Erfahrungen im Fehmarnbelt. „Ich weiß einfach, was auf mich zukommt“, gibt sich Tinnefeld selbstbewusst.

Unterstützt wird Anke Tinnefeld (rechts) von ihrer Betreuerin Fiona sowie von Freund Christopher.
EN/Privat
Unterstützt wird Anke Tinnefeld (rechts) von ihrer Betreuerin Fiona sowie von Freund Christopher.
 

Zwölf Stunden im Wasser – mindestens

Das muss sie auch, denn der Kanal ist selbst an seiner schmalsten Stelle immer noch rund zwölf Kilometer breiter als der Fehmarnbelt. Entsprechend länger wird Tinnefeld im je nach Tiefe zwischen 15 und 18 Grad warmen Wasser unterwegs sein. Zwölf Stunden, schätzt sie. „Vielleicht aber auch länger, je nach Tide.“

Die Entfernung zwischen ihrem Startpunkt am Shakespeare Beach im englischen Dover und dem Zielpunkt nahe der französischen Hafenstadt Calais beträgt 34 Kilometer – Luftlinie wohlgemerkt.

Der Ärmelkanal ist ein Ausläufer des Atlantiks und verbindet diesen über die Straße von Dover mit der Nordsee. An der schmalsten Stelle zwischen Dover und Calais misst er 33 Kilometer und ist zwischen 45 und 120 Meter tief.

Der Kanal entstand nach der letzten Eiszeit vor etwa 8000 Jahren, als schmelzendes Gletscherwasser die einstige Landverbindung zwischen den britischen Inseln und dem Festland überspülte.

Starke Strömungen erschweren das Vorankommen

Tinnefeld stellt sich darauf ein, dass die teils starken Strömungen im Kanal sie immer wieder leicht von ihrem Kurs abbringen werden, die tatsächlich geschwommene Strecke daher wesentlich länger ausfallen dürfte.

„Das wird hart“, weiß Tinnefeld, die selbst zugibt, wohl über ihre Grenzen hinaus schwimmen zu müssen. Und dennoch wird sie auf ihrem Flug nach London, von wo aus es weiter Richtung Dover geht, nicht nur von Anspannung ob des ungewissen Starts, sondern auch von enormer Vorfreude begleitet.

„Für mich ist das eine unglaubliche Herausforderung“, stellt die Elmshornerin klar und macht sich selbst Mut: „Ich weiß aber, dass ich es kann.“

Tinnefeld liebt die Extreme

Entsprechende Beweise finden sich bereits einige in ihrer Vita: 2012 nahm Tinnefeld erstmals an einem Ironman-Triathlon teil. Ein Jahr später durchschwamm sie den Züricher See, ehe 2015 der Fehmarnbelt bezwungen wurde.

Im vergangenen Juli folgte schließlich ihr bisheriges Meisterstück: die Umrundung der Kanalinsel Jersey. 72 Kilometer entlang der Küste. „Ich habe Delfine gehört“, erinnert sich die 44-Jährige an die schönen Momente zurück.

Mehrere Stunden lang allein im Wasser: Anke Tinnefeld kennt das Szenario bestens. Auf die Kanalquerung vorbereitet hat sie sich unter anderem vor der Küste Mallorcas.
EN/Privat

Mehrere Stunden lang allein im Wasser: Anke Tinnefeld kennt das Szenario bestens. Auf die Kanalquerung vorbereitet hat sie sich unter anderem vor der Küste Mallorcas.

 

Vorbereitungen sind lang und intensiv

Dabei sind derart extreme Vorhaben vor allem eines: kraftraubend und zeitintensiv. Die Planungen für die Durchquerung des Ärmelkanals etwa begannen schon 2016 mit der Bewerbung auf einen Startplatz.

Das Kanalschwimmen wird von einer Organisation strikt geplant. Wer starten will, muss unter anderem eine Qualifikation bestreiten: mehrere Stunden am Stück in 15 bis 16 Grad warmem Wasser aushalten.

Tinnefeld hat diese auf Mallorca gemeistert. Hier hat sie sich in einem Trainingscamp für Langstreckenschwimmer auch vorrangig auf die Kanalquerung vorbereitet.

Jersey-Umrundung gibt Kraft

Ursprünglich sei diese allerdings erst für 2019 vorgesehen gewesen. Betreuerin Fiona Southwell riet Tinnefeld jedoch zu einem Start schon in diesem Jahr. „Sie meinte, ich sei nach der Jersey-Umrundung noch voll im Training. Da wäre ein Jahr Pause schade“, erklärt die 44-Jährige ihr Umdenken.

In den nächsten Tagen soll es dann soweit sein. Sofern die äußeren Bedingungen stimmen und zudem der Kapitän des Begleitbootes, welches stets an der Seite der Schwimmerin bleibt, grünes Licht gibt. Mit an Bord werden dann auch Betreuerin Fiona und Freund Christopher sein, Tinnefeld mit den nötigen Getränken versorgen. Berühren oder gar Mitziehen ist allerdings verboten. Die Elmshornerin wird im Wasser abermals auf sich allein gestellt sein.

„Schwimmen ist für mich wie Meditation”

Eine Situation, die sie jedoch mittlerweile bestens kennt und auch ein Stück weit liebt. „Schwimmen ist für mich wie Meditation. Ich bin gezwungen, mich mit mir selbst zu beschäftigen“, verhilft die stundenlange Einsamkeit inmitten der Wellen der Elmshornerin zu einer gewissen Ausgeglichenheit. „Dennoch ist es natürlich beruhigend zu wissen, dass mein Freund und meine Betreuerin da sind“, erklärt Tinnefeld grinsend.

Vorsicht vor Quallen

Ganz allein ist sie allerdings auch im Wasser nicht. Fische und Delfine kreuzen mit Sicherheit auch im Kanal ihren Weg. Möglicherweise jedoch auch weniger liebsame Feuerquallen. Mit den Weichtieren hat Tinnefeld bereits im Fehmarnbelt schmerzhafte Erfahrungen gemacht. „Die Stiche tun schon weh“, erinnert sie sich nur ungern zurück.

Auf schützende Kleidung verzichtet sie. Ins Wasser steigt sie mit einem gewöhnlichen Badeanzug. Körperstellen, die scheuern könnten, wie etwa Arme und Hals, reibt sie mit Vaseline ein. Gegen die Sonnenstrahlung kommt Spray zum Einsatz.

 

Straße von Dover eine der meist befahrenen Schiffahrtsrouten der Welt

Sollte während der Überquerung die Dunkelheit einbrechen, hilft ihr eine Lampe an der Badekappe. Auch das Boot ist zur Orientierung beleuchtet. Volle Konzentration ist jedoch nicht nur von Tinnefeld gefordert. Der Bootskapitän muss sich zudem einen Weg durch die Schifffahrtsrouten bahnen. Speziell die Straße von Dover zählt zu den meist befahrenen Strecken der Welt.

Der Wille siegt

Aber weder stechende Quallen noch riesige Containerschiffe lassen die Elmshornerin zurückschrecken. „Das, was ich mir vornehme, will ich auch umsetzen“, skizziert Tinnefeld ihr Lebensmotto. Und mit der Durchquerung des Ärmelkanals will sie sich den nächsten Traum erfüllen.

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