Zwischen Feuerquallen und Autofähren : Elmshornerin durchschwimmt den Ärmelkanal

Immer wieder hatte Anke Tinnefeld mit starkem Wellengang zu kämpfen.
Immer wieder hatte Anke Tinnefeld mit starkem Wellengang zu kämpfen.

Anke Tinnefeld hat den Ärmelkanal bezwungen. Es war ein stundenlanger Kampf gegen Wind, Wellen und den eigenen Kopf.

shz.de von
06. August 2018, 12:35 Uhr

Elmshorn | Mehrere Stunden am Stück im Wasser, begleitet von riesigen Autofähren und stechenden Feuerquallen. Dazu unnachgiebige Strömungen und phasenweise anderthalb Meter hohe Wellen.

Wenn Anke Tinnefeld erzählt, wie sie erfolgreich den Ärmelkanal durchschwommen hat, wirkt sie selbst ein wenig ungläubig. „Nein, gerafft habe ich es immer noch nicht“, gesteht die Elmshorner Extrem-Sportlerin.

Gut gelaunt zeigte sich Anke Tinnefeld auf der Fahrt zum Startpunkt nahe Dover.
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Gut gelaunt zeigte sich Anke Tinnefeld auf der Fahrt zum Startpunkt nahe Dover.

 

15 Stunden und 13 Minuten voller Strapazen

Am frühen Morgen des 22. Juli nahm Tinnefeld vor der englischen Küste nahe Dover und der berühmten Kreidefelsen ihre bislang größte Herausforderung an. Exakt 15 Stunden und 13 Minuten voller Strapazen später quälte sich die 44-Jährige wieder aus dem Wasser.

Total entkräftet, aber überglücklich, denn sie hatte ihr Ziel erreicht: Ein kleiner Strandabschnitt westlich der französischen Hafenstadt Calais. Knapp 34 Kilometer Luftlinie vom Startpunkt entfernt.

 

Herausforderungen im Wasser und an Land

Sehr ergriffen sei Tinnefeld gewesen, als sie endlich wieder Sand an den Füßen spürte. Ein gebührendes Empfangskomitee fand die Schwimmerin allerdings nicht vor. „Am Ziel war niemand“, sagt sie.

Stattdessen waren noch einmal Konzentration und vor allem Kletterkünste gefragt. Der weiche Sand im Flachwasserteil wich recht schnell rutschigen Felsen. Um den Zielpunkt zu erreichen, musste Tinnefeld diese noch überwinden, ehe die Zeit gestoppt wurde.

„Gar nicht so einfach nach so vielen Stunden im Wasser und vor allem in der Horizontalen“, räumt die 44-Jährige ein.

Der Smiley auf ihrer Badekappe trügt: Zum Lachen wird Anke Tinnefeld im Kampf gegen die Wellen nicht zumute gewesen sein.
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Der Smiley auf ihrer Badekappe trügt: Zum Lachen wird Anke Tinnefeld im Kampf gegen die Wellen nicht zumute gewesen sein.

 

Nach dem Zieleinlauf muss es schnell gehen

Gerne hätte sie an Land noch einen kleinen Moment für sich gehabt. „Das hat ein wenig gefehlt“, sagt sie rückblickend. Doch dafür blieb letztlich keine Zeit.

Auch aus gesundheitlichen Gründen: Mehr als 15 Stunden schwamm Tinnefeld in etwa 18 Grad kaltem Salzwasser. Um zu verhindern, dass der Körper anschließend unterkühlt und Kreislaufprobleme auftreten, wurde die Elmshornerin schnell aufs Begleitboot gebracht.

Rückfahrt verschlafen

Betreuerin Fiona und Freund Christopher hatten für ihren erschöpften und übermüdeten Schützling an Bord einen großen Berg aus Kissen und Decken vorbereitet. Dann ging es zurück ins Hotel nach England. Zweieinhalb Stunden hat die Fahrt gedauert.

Von dieser habe Tinnefeld allerdings nicht mehr viel mitbekommen. Zu groß waren die Anstrengungen der vergangenen Stunden. Nicht nur körperlich, sondern auch mental.

Betreuerin Fiona (links) und Freund Christopher waren stets an der Seite von der Elmshorner Schwimmerin.
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Betreuerin Fiona (links) und Freund Christopher waren stets an der Seite von der Elmshorner Schwimmerin.
 

Die fliegende Elmshornerin

Zunächst lief jedoch alles nach Plan. Tinnefeld legte ein gutes Tempo vor. „She’s flying“, (dt.: „Sie fliegt“) staunte Betreuerin Fiona – selbst erfahrene Langstrecken-Schwimmerin – über die Leistung ihrer Athletin. Eine Kanalschwimmerin, die rund 50 Minuten vor Tinnefeld ins Wasser gestiegen war, wurde sogar überholt.

Nach etwa sechs bis sieben Stunden musste die 44-Jährige jedoch zunehmend kämpfen. Starker Wind hatte das Wasser aufgepeitscht. Bis zu anderthalb Meter hohe Wellen schlugen der Elmshornerin nun immer wieder ins Gesicht.

Zwischenzeitlich droht das Aus

Dazu hatten die gefürchteten Strömungen sie vom Kurs abgebracht. Zeitweise gefährlich nah an die viel befahrenen Schiffahrtsrouten in der Straße von Dover.

„Der Kapitän des Begleitbootes hat mich dann aufgefordert, ich solle zuschwimmen. Sonst müsse er mich rausnehmen“, beschreibt Tinnefeld die wohl kritischste Phase ihrer Tour.

Zeitweise kam die Elmshornerin den Schifffahrtsrouten gefährlich nah. Im Hintergrund ist eine große Fähre zu sehen.
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Zeitweise kam die Elmshornerin den Schifffahrtsrouten gefährlich nah. Im Hintergrund ist eine große Fähre zu sehen.
 

Vier Stunden kämpft Tinnefeld gegen die Strömung

Vier Stunden dauerte Tinnefelds anschließender Kampf gegen Wind, Wellen und Strömung – und letztlich auch gegen das vorzeitige Ende ihres Traums von der Kanaldurchquerung. Vier Stunden voller Ungewissheit, ob es reicht, um wieder auf Kurs zu schwimmen.

„Schwimmen ist für mich wie meditieren“, hatte Tinnefeld noch vor ihrem Start betont. Doch jene quälenden Stunden haben selbst in ihr für eine „innere Unruhe“ gesorgt. Bis zum Moment, als der Kapitän grünes Licht für die weitere Strecke gab.

Hochdosiertes Energie-Gel statt fangfrischer Makrele

Ein riesiger Motivationsschub. Weder schmerzhafte Feuerquallen noch die von Christopher frisch geangelten und anschließend für die Crew zubereiteten Makrelen ließen Tinnefeld aus dem Wasser rauf ins Boot flüchten. „Ich habe ihnen aber verboten, vor meinen Augen zu essen“, sagt sie und grinst.

Tinnefelds Freund Christopher nutzte die Zeit an Bord des Begleitbootes auch zum Angeln.
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Tinnefelds Freund Christopher nutzte die Zeit an Bord des Begleitbootes auch zum Angeln.

 

Frische Makrele wäre sicherlich deutlich schmackhafter gewesen als das kohlenhydrathaltige Gel, mit dem Tinnefeld an diesem Tag Vorlieb nehmen musste.

Alle 30 Minuten legte die Schwimmerin eine kurze Trinkpause ein. Ihre Betreuerin seilte dann eine Flasche mit dem hochdosierten Energiekonzentrat die Bootswand zu Tinnefeld hinab. Eine unter diesen Bedingungen lebensnotwendige Maßnahme.

Alle 30 Minuten wurde eine kurze Trinkpause eingelegt. In der Flasche befand sich ein kohlenhydrathaltiges Gel.
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Alle 30 Minuten wurde eine kurze Trinkpause eingelegt. In der Flasche befand sich ein kohlenhydrathaltiges Gel.
 

„Man verbrennt so pro Stunde im Wasser knapp 1000 Kalorien“, erklärt die Elmshornerin.

Zusätzliche Kraft erhielt Tinnefeld, als sie gegen Abend endlich die französische Küste im Blick hatte. „Das war schon toll. Vorher habe ich ja immer nur Wasser und die blaue Bootswand gesehen“, erinnert sie sich an jenen Moment.

Bis sie jedoch wieder festen Boden unter den Füßen hatte, sollten noch einige teils frustrierende Stunden vergehen. „Irgendwann denkt man, die Küste kommt gar nicht näher. Da muss man sich dann schnell wieder auf sich konzentrieren“, mahnt die Elmshornerin.

Die letzten Kilometer für Anke Tinnefeld. Im Hintergrund ist bereits die französische Küste zu sehen.
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Die letzten Kilometer für Anke Tinnefeld. Im Hintergrund ist bereits die französische Küste zu sehen.

 

Schwimmzüge-Zählen gegen den Frust

So habe sie die Zeit beispielsweise damit verbracht, ihre Schwimmzüge zu zählen. Einen nach dem anderen. Minute für Minute. Stunde für Stunde. Bis der Kapitän des Begleitschiffes irgendwann den Anker setzte.

Das war der Moment. Das Ziel war nun nur noch wenige Hundert Meter entfernt. Tinnefeld sammelte ihre letzten Kräfte und erreichte schließlich gegen 22.15 Uhr den Strand.

Glückwunsche kommen aus der ganzen Welt

Bereits kurz danach erreichten sie etliche Glückwunsch-Mails von Freunden und Bekannten aus aller Welt. „Das war eine Wochenaufgabe, die alle zu beantworten“, zeigte sich die 44-Jährige von Stolz und Dankbarkeit erfüllt.

Erholt hat Tinnefeld sich bei ihrem Freund Christopher in London. Mittlerweile ist sie wieder in Elmshorn. Der Alltag als Steuerberaterin wartet. Bis dieser die 44-Jährige jedoch gänzlich vereinnahmt hat, werden wohl noch einige Tage vergehen.

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