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Motorsport : 7,9 Sekunden sind das Ziel

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Elektromeister Stefan Schmidt aus Holtsee hat sich den Drag-Rennen verschrieben. Mit seinem über 500 PS starken „Viech“ geht es über die Viertelmeile.

shz.de von
erstellt am 01.Okt.2015 | 06:00 Uhr

Holtsee | „Manche Leute halten mich für einen Freak, doch ich liebe mein Hobby“, sagt Stefan Schmidt. Der 47-Jährige aus Holtsee ist fasziniert von der Geschwindigkeit. Auf seinem selbst zusammengebastelten Super Street Bike (SSB) nimmt er an sogenannten Dragster-Rennen teil. In diesen holen die Teilnehmer auf einer Geraden mit einer Länge von einer Viertel- oder Achtel-Meile, also rund 400 oder 200 Meter das Maximum aus ihren Maschinen heraus. An diesem Wochenende gibt es den Saisonabschluss in Drachten bei den Offenen Niederländischen Meisterschaften. Schmidts Ziel ist klar: „Ich möchte endlich einmal auf der Viertelmeile unter der Acht-Sekunden-Marke bleiben. Das ist auch durchaus realistisch.“

Seine Garage gleicht einer professionellen Kfz-Werkstatt, doch eine berufliche Vergangenheit als Kfz-Mechaniker hat der Holtseer überraschenderweise nicht. „Ich wollte es als Jugendlicher eigentlich schon. Aber irgendwie hat es nicht gereicht.“ Der Elektromeister bei Elektro Schröder in Eckernförde hat sich die einzelnen Handgriffe alle selber beigebracht. Von dem gekauften Serienmodell GSX 1300 hat er – mit Ausnahme der Felgen – alles nach seinen Vorstellungen modifiziert, schließlich geht es bei den Dragster-Rennen um jede hundertstel Sekunde. „Häufig weiß ich im Ziel gar nicht, ob ich nun gewonnen oder verloren habe.“ Weil der Zieleinlauf auch mit bloßem Auge nicht zu bewerten ist, übernimmt die genaue Erfassung eine Lichtschranke. „Die Zuschauer bekommen die Zeiten gleich auf der Ergebnistafel angezeigt. Wir Fahrer erfahren sie bei engen Rennen oft erst, während unsere Maschinen zurückgezogen werden“, berichtet Schmidt, der bei den Renn-Wochenenden stets von Frau Sabrina begleitet wird. Auch die Kinder unterstützen ihren Vater. Tochter Malina (16) ist für die Rennanzüge verantwortlich, während Sohn Connor (12) mit leichteren mechanischen Tätigkeiten aushilft.

Die Super Street Bikes sind zwar nicht für den Straßenverkehr zugelassen, müssen aber bestimmte Regeln erfüllen. So müssen sie eine seriennahe Silhouette haben und über straßenzugelassene Reifen (Slicks sind untersagt) sowie ein Original-Motorengehäuse verfügen. Der Radabstand ist in Europa auf 1,68 Meter und in Deutschland auf 1,76 Meter festgelegt. Während normale Motorräder eine Bodenfreiheit von etwa 25 Zentimeter besitzen, rasen die SSBs mit nur fünf Zentimeter Abstand zum Boden über den Untergrund, der übrigens kein üblicher Asphalt ist. Um den nötigen Grip zu erzeugen, wird die Strecke zunächst mit Gummiabrieb und darauf ein spezieller Golden Dust Kleber präpariert. „Der Untergrund ist dann so, dass Flip-Flops kleben bleiben, wenn man länger als zwei Sekunden an einer Stelle stehen bleibt“, verdeutlicht Schmidt. Die Reifen haben den optimalen Grip bei etwa 60 bis 70 Grad.

Für jedes einzelne Rennen gibt es ein auf die jeweilige Strecke genau abgestimmtes Setup. Das Tuning findet dabei weniger mit dem Schraubenschlüssel, sondern vielmehr am Laptop statt. In seinen Fünf-Liter umfassenden Tank füllt er ein mit zwei bis vier Prozent Sauerstoff angereichertes MaxNos-Gemisch mit 119 Oktan. „Das ist super sauber, entzündet sich langsamer und ist deshalb besser zu kontrollieren“, erklärt Schmidt. Pro 400 Meter werden etwa 1,1 Liter verbrannt. Im nächsten Jahr wird mit einem bleifreien E85-Gemisch gefahren. „Um die gleiche Leistung abzurufen wird dann der Verbrauch um 40 Prozent ansteigen“, erklärt Schmidt.

Die Schaltung erfolgt über Pressluft mit einem Druck bis etwa 12 bar. Während des Rennens schmiegt sich der Fahrer ganz flach auf seine Maschine, um dem Wind möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. „Ich schaue dann nur nach vorne auf die Ziellinie und versuche möglichst optimal in den nächsten Gang zu schalten“, sagt Schmidt. Den richtigen Zeitpunkt gibt ihm ein Zündblitz-Signal im Cockpit vor.

Momentan verfügt sein „Viech“, wie Schmidt seine Maschine nennt, über 530 PS mit 400 Nm (Newtonmeter). Es gibt auch einige reiche Engländer, die bis zu 800 PS unter der Haube haben. Die Spitzengeschwindigkeit beträgt etwa 330 km/h. „Diese Leute fahren aber nur und schrauben nicht. Wenn ihre Maschine nicht optimal läuft, wissen sie meist nicht mehr weiter.“ Schmidt meint, dass die Erfahrung in seinem Sport eine große Rolle spielt. „Ich bin wesentlich gelassener geworden, weil ich inzwischen weiß, welche Auswirkungen eine Änderung an einer bestimmten Stelle hat. Ich denke, auf der gleichen Maschine ist ein erfahrener Fahrer rund eine Sekunde schneller.“ Einen Führerschein braucht er dabei übrigens nicht zu haben – nur eine entsprechende Lizenz.

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