Fussball-WM : Das bedeutet die WM für Russland

WM in seiner Heimat: Serge Haag (li.), hier im Einsatz für Landesligist Union Tornesch gegen den VfL Pinneberg II, lebte knapp achteinhalb Jahre lang in Russland.
WM in seiner Heimat: Serge Haag (li.), hier im Einsatz für Landesligist Union Tornesch gegen den VfL Pinneberg II, lebte knapp achteinhalb Jahre lang in Russland.

Serge Haag spielt für Union Tornesch und ist gebürtiger Russe. Er hebt die Bedeutung der WM-Ausrichtung für sein Heimatland hervor. Die DFB-Elf ist für ihn der Topfavorit.

shz.de von
14. Juni 2018, 13:30 Uhr

Tornesch | Die meisten Spieler der deutschen Nationalmannschaft betreten Neuland, wenn sie im Rahmen der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland zu Gast sind − bestenfalls kennen sie von Europapokal-Auswärtsspielen einige Stadien des Landes.

Dagegen ist das WM-Gastgeberland für Serge Haag gleichzeitig auch seine Heimat: „Obwohl meine Freunde sagen, ich sei der deutscheste Deutsche, den sie kennen, wird mein Herz immer russisch und für Russland schlagen“, betonte Haag.

Geboren in Sibirien

Der Offensivspieler, der für die Fußballer des FC Union Tornesch in der Landesliga Hammonia kickt, erblickte am 13. Juni 1987, also fast auf den Tag genau vor 31 Jahren, in Myljdshino das Licht der Welt.

Der 600-Einwohner-Ort liegt in Sibirien rund 500 Kilometer westlich von Tomsk. „Eine näher liegende Großstadt gibt es dort nicht“, erklärte Haag.

Die Großeltern des Fußballspielers, der heute in Moorrege lebt, waren Wolgadeutsche und wurden während des Zweiten Weltkriegs nach Sibirien deportiert. „Mein Vater ist Deutscher und meine Mutter Russin“, berichtete Haag, dessen Großeltern zusammen mit weiteren Verwandten bereits in den 80er-Jahren in die Bundesrepublik zurückkehrten.

„Ich konnte damals kein Wort deutsch”

Am 20. Dezember 1995, als Haag die zweite Klasse besuchte, zogen auch seine Eltern mit ihm nach Deutschland. „Ich konnte damals kein Wort deutsch“, erinnert sich Haag, der hierzulande aber schnell heimisch wurde.

Im Sommer 2000 war er zum letzten Mal in Myljdshino zu Besuch. „Meine Eltern haben noch Freunde dort, die uns regelmäßig besuchen“, sagte der Noch-30-Jährige.

Gut möglich, dass Haag im Rahmen der Weltmeisterschaft nach 18 Jahren Abstinenz in sein Heimatland zurückkehrt: „Spontan ist eventuell ein Trip nach St. Petersburg drin“, sagt der Moorreger, der hofft, „in diesem Fall vor dem Stadion noch eine Eintrittskarte zu ergattern“.

Ein Trip nach Russland lohnt sich

Auch allen anderen Fußballanhängern empfiehlt der gebürtige Russe einen Besuch in seinem Heimatland: „Alle Menschen, die dort hinfahren, werden sehen, wie europäisch und westlich die Russen, die in den Großstädten leben, denken“, sagte Haag auch mit Blick auf die politischen Probleme und Spannungen, die es zwischen der westlichen Welt sowie Russland in den letzten Jahren gab und aktuell immer noch gibt.

Eishockey Nummer eins, aber Fußball holt auf

Darin, dass die WM-Endrunde in Russland stattfindet, sieht Haag „eine große Chance dafür, dass sich die Beziehungen wieder normalisieren.“

Und der Offensivspieler hob auch die Bedeutung des Turniers für die Russen hervor: „Eishockey ist zwar noch immer die Sportart Nummer eins, aber der Fußball hat enorm aufgeholt. In den letzten Wochen ist die Euphorie immer größer geworden − die Vorfreude ist riesig.“

Deutschland Top-Favorit, aber das Herz schlägt russisch

Was die Chancen der russischen Nationalelf angeht, ist Haag verhalten: „2008 war unsere Mannschaft richtig gut, aber zuletzt befand sie sich in einem Leistungsloch. Wenn sie die Gruppenphase übersteht, würde ich das schon als Erfolg werten.“

Deutlich mehr traut Haag der DFB-Auswahl zu: „Noch vor den Brasilianern, die nach ihrer misslungenen Heim-WM eine große Portion Wut im Bauch haben dürften, und Frankreich ist Deutschland mein Top-Favorit.“ Sollte es zum Duell Russland gegen Deutschland kommen, würde Haag „ganz klar Russland die Daumen drücken“ − sein Herz schlägt eben russisch.

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