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Flensburgs grosses Rhönrad-Wochenende : Ein letztes Mal das große Rad drehen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Zum 25. Jubiläum der Rhönradsparte des TSB Flensburg finden die 42. deutschen Mannschafts-Meisterschaften (Sbd. 18-21 Uhr) und der 18. Deutschland-Cup (Sbd./So. 10-16 Uhr) in der Fördehalle statt.

shz.de von
erstellt am 12.Nov.2015 | 07:30 Uhr

Klassische Musik, gefolgt von modernen Mainstream-Klängen. Sanftes Rollen, abgelöst von schnellen akrobatischen Einlagen. Die Rhönräder ziehen ihre Bahnen durch die Halle. Mit jeder Bewegung der Turner, die die Räder mit ihrem Gewicht steuern, verändern diese ihre Richtung. Die beiden Rhönradturner Christoph Clausen und Tim Seidel trainieren in der Fördehalle für ihren letzten Wettkampf am Sonnabend.

„Rhönradturnen und Turnen sind sich sehr ähnlich“, sagt Tim Seidel, der ebenso wie Christoph Clausen seine aktive Laufbahn eigentlich schon beendet hat. Beide sind jetzt als Trainer in der Exoten-Sportart tätig, stellen sich am Wochenende aber noch einmal zum Wettkampf ins Rad. Der 29-Jährige wurde mit neun Jahren zum ersten Mal mit einem Rhönrad vertraut gemacht. „Eine Freundin hat mich damals mitgeschleppt. Sie meinte: Das ist die beste Sportart überhaupt“, erzählt Seidel. „Sie hat nach zwei Mal aufgehört. Ich bin seit 20 Jahren dabei.“

Christoph Clausen, mehrfacher Weltmeister, war gerade elf Jahre alt, als er mit dem Rhönradturnen anfing. Das ist spät, er galt bereits als Quereinsteiger. „Aber Christoph war ein Talent“, sagt Seidel. Mit Ende 20 zähle man bereits zu den Senioren im Rhönradturnen. „Fast alle hören im Berufsleben auf“, erklärt der Flensburger. Die Grundzüge lerne man schnell. Es sei wie beim Fußball. „Nach kurzer Zeit kann jeder einen Ball ins Tor schießen, aber Tricks lernen und den Ball hochhalten – das dauert“, vergleicht Seidel.

Wenn man in die Geschichte des Rhönradturnens in Flensburg blickt, stößt man immer wieder auf einen Namen: Jo Russer. Der heute 66-jährige Bayer kam 1987 aus beruflichen Gründen nach Schleswig-Holstein. Er wurde in Flensburg ansässig und bemerkte bald, wie sehr ihm der Rhönradsport fehlte. Russer trat der Familien-Sportgemeinschaft Mürwik bei, um seiner Leidenschaft weiter nachzugehen. Nachdem sich die Sportgemeinschaft aufgelöst hatte, begann Russer, der als Physiotherapeut für die erste TSB-Handballmannschaft tätig war, während deren Trainingseinheiten am Seitenrand mit seinem Rhönrad zu trainieren.

„1990 hat der TSB mir vorgeschlagen, eine eigene Sparte im Verein zu gründen“, erzählt Russer. Innerhalb kurzer Zeit breitete sich der Randsport in Schleswig-Holstein aus. Russer unterstützte zehn weitere Vereinsgründungen im Land.

Mit Achus Emeis und Tim Schmelcher entwickelten sich zwei Rhönradturner von Weltklasse im TSB und auch der Nachwuchs aus der Clausen-Seidel-Generation erreichte höchstes Niveau. Zeitweisen stellte der TSB drei von sechs Turnern im deutschen Kader, berichtet Russer stolz und ergänzt: „Flensburg ist die Rhönrad-Hochburg für Männer.“ Oder ist es zumindest gewesen.

Aber wer kam auf die verrückte Idee, sich akrobatisch in einem Rad zu verrenken? Otto Feick meldete vor 90 Jahren, am 8. November 1925, das Rhönrad-Patent an. Als Kind war er bereits mit zwei Fassreifen aus der Dorfschmiede seines Großvaters die Hänge hinuntergerollt. Als Feick nach dem 1. Weltkrieg wegen Sabotagevorwürfen im Gefängnis saß, kam ihm die Idee des „Radsports“ erneut in den Sinn. 1923 aus der Haft entlassen, nahm Feick die Produktion des Rhönrads aus zwei Reifen und sechs Sprossen auf. Den Namen erhielt das Sportgerät nach seiner damaligen Heimat: der Rhön.

Heute hält der TSB für 65 Turner etwa 50 Rhönräder in den unterschiedlichsten Größen bereit – von 1,35 bis 2,40 Meter Durchmesser. Ein Rad wiegt je nach Größe um die 50 bis 60 Kilogramm und kostet heute 1800 bis 2000 Euro. Es gibt drei Disziplinen des Rhönradturnens: Geradeturnen, Spiraleturnen und Sprung. Momentan entwickelt sich mit dem Cyr, einem Einrad, eine vierte.

„Wenn man mit diesem Sport Geld verdienen will, muss man ins Show-Geschäft gehen“, berichtet Russer aus Erfahrung. Die Rhönradturner vom TSB eroberten mit ihrem Können die Welt. Unter anderem zog es sie nach Dubai, Israel und Amerika.

Aber wie transportiert man ein Rhönrad? „Man baut sie auseinander“, antwortet Clausen. Es gebe zwei- und vierteilige Räder, die man innerhalb von etwa zehn Minuten in ihre Einzelteile zerlegen könne. „Zusammengebaut sind sie sehr stabil“, sagt Seidel. Aber auseinander genommen seien sie leicht verbiegbar. Die beiden Flensburger berichten von einer Reise nach Salzburg: „Am Münchener Flughafen haben wir beobachtet, wie sie erst das Rhönrad ins Flugzeug und alle anderen Koffer oben drauf geworfen haben.“ Den Hinflug habe das Rad noch ausgehalten, als die Turner wieder zuhause ankamen, war es nicht mehr zu gebrauchen.

Seit 1997 organisiert der TSB etwa alle zwei Jahre ein internationales Trainingscamp für Rhönradturner aus zwölf Nationen in Flensburg. In den Sommerferien nutzen die Turner eine Woche lang die guten Voraussetzungen und qualifizierten Trainer an der Förde. „Was Jo mit den wenigen Mitteln für große Veranstaltungen organisiert hat“, schwärmt Seidel von Events in der Campushalle vor bis zu 4000 Zuschauern.

Als die Rhönradturner vom TSB noch auf Bundesebene turnten, hatten sie wöchentlich weite Anfahrten innerhalb ganz Deutschland. „Bis nach Leverkusen oder Würzburg“, berichtet Clausen. „Das war schön. Freitag Nachmittag im Berufsverkehr.“

Heute sind die Anforderungen im Rhönradsport höher. „Man müsste mehr trainieren, aber hat durch den Beruf weniger Zeit“, erzählt Seidel. Auch Russer tritt heute kürzer. Mitgliederschwund und organisatorische Probleme drücken auf die Stimmung. „Da macht es auch keinen Spaß mehr, sich da rein zu hängen.“

Sechs Mannschaften aus Nord- und Süddeutschland haben sich für die DVMM und den Deutschland-Cup in Flensburg qualifiziert. „Wir haben als Veranstalter eine Wild-Card“, sagt Seidel und lacht. „Mehr als einen Wettkampf im Jahr hätten wir auch nicht mehr geschafft.“ Zum TSB-Team gehören Clausen, Seidel, Emeis sowie Jenny Hoffmann und Fiona Lange. Als Trainer wird sie am Wochenende das „Urgestein des Flensburger Rhönradturnens“, Tim Schmelcher betreuen. „Wir wollen Spaß haben. Und noch einmal alle zusammen an einem Wettkampf teilnehmen “, sagt Seidel. So wie früher.

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