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SelbSTbewusstsein und eigenständigkeit erlernen : Ein ganzes Jahr im Dienste des Sports

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Mehr als 100 junge Frauen und Männer beginnen jedes Jahr ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) oder einen Bundesfreiwilligendienst (BFD) im Sport in Schleswig-Holstein. Wir waren beim Einführungsseminar auf dem Scheersberg dabei.

shz.de von
erstellt am 25.Sep.2015 | 12:30 Uhr

Es ist ein lautes Durcheinander, es wird gepfiffen und geklatscht. „Lalalala“-Gesang tönt aus der einen Richtung, „Hier“-Rufe aus der anderen. „Noch ein bisschen weiter links, jetzt zwei Schritte geradeaus. Der Ball liegt vor deinem rechten Fuß“, ruft Jonas (19) seinem Partner Noah (18) zu. Weil dieser ein schwarzes Band vor den Augen trägt, sieht er nichts. „Jetzt schießen“, schreit Jonas. Noah holt aus. Knapp daneben, der Ball kullert nur Zentimeter am rechten Pfosten vorbei.

Auf dem Sportplatz der internationalen Bildungsstätte Jugendhof Scheersberg laufen 14 Spieler einem Ball hinterher. Sieben von ihnen tragen Augenbinden. Die anderen sieben geben ihrem Partner Anweisungen, in welche Richtung er zu laufen hat und wo der Ball liegt: „Blindenfußball“ heißt der Workshop. Hier sind Vertrauen, Teamwork und Kommunikation gefragt, jeder entwickelt eine eigene Art zu kommunizieren.

Die 14 jungen Frauen und Männer sind nur ein kleiner Teil der 100 Freiwilligen, die in dieser Woche den Scheersberg eingenommen haben. Sie haben sich dazu entschlossen, ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) oder einen Bundesfreiwilligendienst (BFD) in Schleswig-Holstein zu absolvieren. Wahlweise seit dem 1. Juli, August oder September verrichten die Freiwilligen ihren Dienst in Einsatzstellen wie etwa Sportvereinen oder dem Landessportverband.

Pfiff! Übungsleiter Hannes unterbricht das wilde Geschrei und versammelt alle Spieler um sich herum, um die ersten Eindrücke zu besprechen. „Reflexion – immer wieder reflektieren“, erklärt Carsten Matthews von der Sportjugend Schleswig-Holstein. In den fünf Tagen des Einführungsseminars gelte es, Praxis und Theorie zu vereinen. Neben dem Blindenfußball werden Akrobatik, Fitness, Lacrosse, Ringen und Raufen, Slackline sowie „Völkerball mal anders“ angeboten. „Die Workshops dienen dazu, den Freiwilligen Ideen für ihre Arbeit in den Vereinen zu geben“, sagt Matthews. Auch theoretische Einheiten wie Recht und Kindeswohlförderung stehen auf dem Programm.


Mehr Sicherheit im Auftreten


Zurück auf dem Platz: Katharina erklärt ihr Empfinden beim Blindenfußball. „Ich habe mich ganz auf Lisa, meine Partnerin, verlassen, da war es für mich leicht, loszulaufen.“ Katharina absolviert seit dem 1. September ihr FSJ beim TSV Altenholz in der Nähe von Kiel. Sie leitet und betreut unter der Woche Kinder- und Eltern-Kind-Turnen sowie Handball- und Fußballgruppen. „Ich erhoffe mir durch das kommende Jahr mehr Sicherheit in meinem Auftreten, mehr Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit zu gewinnen“, sagt die 18-Jährige. Im nächsten Sommer will sie eine Ausbildung als Bankkauffrau beginnen.

Die Voraussetzungen für ein FSJ im Sport sind einfach: die Erfüllung der Vollzeitschulpflicht sowie die Einhaltung der Altersbeschränkung (16 bis 26 Jahre). Von Vorteil sind eine gewisse Sportaffinität und ein Interesse an der Betreuung von Kindern und Jugendlichen. „Eigentlich haben alle Freiwilligen eine Muttersportart“, berichtet Matthews. Die Freiwillige Katharina spielt Badminton und die FSJlerin Lisa rudert. „Bisher hat bei uns jeder, der sich für eine FSJ-Stelle beworben hat, auch eine bekommen“, sagt Matthews.

Seit März 2002 ist die Sportjugend Schleswig-Holstein Trägerorganisation des FSJ im Sport, seit 2011 ist sie auch für den BFD im Sport zuständig. Der Unterschied der beiden Programme liegt allein in der Altersbeschränkung und zeitlichen Flexibilität. Während das FSJ auf das Alter von 16 bis 26 Jahren beschränkt ist, können Interessierte ab einem Alter von 16 Jahren ein BFD absolvieren. Das FSJ sieht außerdem einen Einsatz von einem Jahr und 38,5 Stunden pro Woche vor, die Dauer beim BFD beträgt sechs bis 18 Monate mit einer Arbeitszeit von mindestens 20,5 Stunden pro Woche.

Die 19-jährige Lisa ist seit Anfang August im Ersten Kieler Ruderverein als FSJlerin tätig. Sie arbeitet unter der Woche bis 20 Uhr, und auch am Wochenende fährt die Sportabiturientin mit auf Jugendtreffen. Die Ruderin betreut das Training von Kindern und Erwachsenen. „Ich habe Spaß daran, anderen Menschen meinen Sport näher zu bringen“, erklärt sie. Während ihres FSJ will Lisa ihre Kompetenzen als Trainerin ausbauen und danach Sport studieren.


Jahresprojekt organisieren


Jeder Freiwillige hat an seinem Einsatzort eine betreuende und fachlich anleitende Ansprechperson. Wenn es doch mal Probleme zwischen Arbeitgeber (Verein) und Arbeitnehmer (Freiwilliger) gebe, sei die Sportjugend eine Anlaufstelle für beide Seiten, erklärt Matthews. Während der 25 Seminartage im Jahr gebe es außerdem die Möglichkeit, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Durch die Freiwilligen bilde sich eine Art „Vereinsnetz“, das die einzelnen Einsatzstellen miteinander verbinde. „Dadurch bietet sich natürlich auch die Gelegenheit, vereinsübergreifende Projekte zu starten“, sagt Matthews. Jeder FSJler und BFDler soll ein Jahresprojekt verfolgen. So organisiert Katharina ein Sommerfest für den TSV Altenholz, während Lisa eine Wanderfahrt mit dem Ruderverein nach Schweden plant.

In diesem Jahr sind es genau 102 Freiwillige in Schleswig-Holstein, 32 BFDler und 70 FSJler. Die Zahl ist seit drei Jahren konstant. Im nächsten Jahr erwartet die Organisatoren allerdings der Doppel-Abiturjahrgang in Schleswig-Holstein. Die Bewerbungsphase an den Einsatzstellen läuft bereits. Aber Matthews weiß aus Erfahrung: „Am Anfang läuft es schleppend an, erst in den Sommermonaten geht es richtig los und plötzlich sind wieder alle Plätze voll.“

Auf dem Scheersberg verbringen die Freiwilligen gemeinsam mit elf Übungsleitern ein paar Tage voller Aktionen und Projekte. Neben dem Motto „Olympia“ verwandeln die FSJler und BFDler den Jugendhof in die Zauberschule Hogwarts. Danach sind die Freiwilligen dann wieder in den Vereinen und Verbänden auf sich alleinegestellt.

Pfiff! „Rollenwechsel“, kündigt Hannes an. Die Augenbinden werden getauscht, das wilde Geschrei geht weiter. „Direkt vor dir“, ruft Noah Jonas zu. Dieser holt aus – und Schuss. Tor!

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