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Was macht eigentlich? : Die Bundesligisten standen Schlange

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Selbst Uwe Seeler schwärmte vom Flensburger Stürmer Ulrich „Ole“ Kallius. In der U18-Nationalmannschaft hat er mit Franz Beckenbauer zusammen gespielt

Schon als zehnjähriger Steppke erzielte Ulrich „Ole“ Kallius für die Jugend von Flensburg 08 Tore am Fließband. Der Sohn eines Deutschen und einer Schwedin schoss in einem Fußballspiel 13 Tore und notierte in seinen persönlichen Aufzeichnungen: „Das war Rekord.“

Der am 4. Oktober 1945 auf Rügen geborene Ulrich Kallius verhalf auch der Unterstufe der Goetheschule Flensburg zu vielen Erfolgen. Handball-Nationalspieler und Weltmeister Bernd Kuchenbecker, damals sein Lehrer an der Schule, würdigte das technische Können und hohe Spielverständnis seines Schützlings: „Ulrich Kallius gehörte während meiner Schulzeit zu den begabtesten Spielern, sowohl im Handball als auch im Fußball. Seine Liebe galt – zu meinem persönlichen Bedauern – dem Fußball.“

Sein Torinstinkt ließ „Ole“ Kallius später in der Regionalliga zu einem der gefährlichsten Angreifer des norddeutschen Fußballs werden. Auf der Torjägerliste der Regionalliga Nord 1964/65 erreichte er als Stürmer von Altona 93 in der ersten Saison mit 22 Treffern den dritten Platz. Bemerkenswert: Der Flensburger war gerade 18 Jahre alt und kam direkt aus der A-Jugend des FTB Flensburg, wo er zusammen mit Rainer Matzen, „Teddy“ Hopp und Rainer Iwersen Vize-Landesmeister geworden war.

Während dieser Zeit wurde „Ole“ Kallius in die Landesauswahl, die norddeutsche Auswahl und in die DFB-Jugendauswahl berufen. Unter Helmut Schön und Detmar Cramer wurde er wiederholt zu Lehrgängen eingeladen, trug als Jugendspieler mit Franz Beckenbauer und Berti Vogts dreimal das Trikot in der U18-Nationalmannschaft – einmal gegen die Schweiz und zweimal beim Uefa-Turnier in Holland. In Enschede erzielten Franz Beckenbauer und „Ole“ Kallius die Tore zum 2:1-Sieg gegen Schweden.

„Wir hatten ja alle noch keinen Namen, jeder war ein Unbekannter“, erzählt Kallius und ergänzt: „Aber merkwürdig – dieser Franz Beckenbauer aus München war etwas Besonderes. Er war still, zurückhaltend, mit selbstsicherer Gelassenheit.“ Was aber den jungen Flensburger Stürmer am meisten beeindruckte: Franz Beckenbauers Offensivdrang und der Blick für das Kommende. „Schon bei der Ballannahme sah er die Gasse, und – husch – wanderte der Ball weiter. Was für ein Fußballspieler!“

Uwe Seeler war auch vom Flensburger beeindruckt. „Ulrich Kallius ist ein talentierter und begabter Fußballspieler. Ich bedaure, dass er nicht früher den Weg in die Bundesliga gemacht hat. Er war beim HSV lange im Gespräch. Wenn der Weg zum HSV geklappt hätte, wäre er heute ein noch größerer Fußballspieler“, so Seeler damals.

Vereine mit großem Namen buhlten um den 18-jährigen Goalgetter. Schon im Fifa-Trainingslager in Barsinghausen wollte ihn ein Spielervermittler zu Eintracht Frankfurt locken. Nach Holstein Kiel, Pirmasens und Eintracht Braunschweig klopften der HSV und Fortuna Düsseldorf an. Die Gerüchteküche sah den Jugendnationalspieler vom FTB schon beim HSV. „Ole“ Kallius gibt ehrlich zu: „Ich hatte beim HSV schon so gut wie fest zugesagt. So ganz wohl war mir nicht zumute. Aber wer kann es einem Jungen, der soeben den ersten Schritt in die Welt des großen Fußballs setzt, verdenken, dass er einen sicheren Platz in einer Regionalligamannschaft dem Warten bei den HSV-Amateuren vorzieht.“ So wechselte er 1964 mit 18 Jahren zum ambitionierten Regionalligisten Altona 93. 1966 wurde er vom FC St. Pauli abgeworben. Kallius: „Noch nie hatte ich mich so ausschließlich auf den Fußball konzentriert. Für uns gab es nur eines: Wir wollten Meister werden.“

Er erreichte mit den Hamburgern einmal die Aufstiegsrunde zur Bundesliga. Unter Trainer „Ata“ Türk entwickelte er sich zu einem der kopfballstärksten Stürmer des Nordens. Rund ein Drittel seiner Tore erzielte er auf diese Weise. „Ole“ Kallius freute sich in der letzten Spielzeit beim FC St. Pauli aber am meisten über den herrlichen Fallrückzieher beim 3:2-Sieg gegen den VfB Lübeck: „Mein elfter Treffer in der Saison war zugleich das schönste Tor meiner gesamten Fußball-Laufbahn. Über Kopf geht’s eben am besten.“ Insgesamt traf er beim FC St. Pauli 51-mal, legte an Kraft und Härte zu und war für den Verein eigentlich unentbehrlich. Nur ungern ließ man den „Torwart-Schreck“ am Saisonende 1969 gehen.

„Ole“ Kallius wechselte zum VfL Osnabrück. Er wurde zweimal mit den Niedersachsen Nordmeister und erlebte zwei Aufstiegsrunden zur Bundesliga. Dabei erzielte er in 58 Punktspielen 32 Tore und sorgte mit einem „Vierer-Pack“ beim 5:0 gegen den SV Meppen für Schlagzeilen. „18 Meter vor dem Tor des Gegners beginnt mein Reich – hat mir Trainer Radoslav Momirski gesagt. Ich halte mich daran,“ erklärte der Osnabrücker Publikumsliebling damals.

Zur Saison 1971/72 nahm der Flensburger das Angebot vom Bundesligisten RW Oberhausen an. Aber bei der „Kleeblattelf“ unter Trainer Günter Brocker fühlte er sich als Norddeutscher im Kohlenpott nicht wohl. Auch private Veränderungen ließen den Stürmer nicht zu gewohnter Form auflaufen. So verließ er den in den Bundesliga-Skandal verwickelten Klub nach einer Saison. Zwölf Bundesligaspiele absolvierte er und erzielte einen Treffer. In Belgien, seiner nächsten Station, wurde er beim Zweitligisten AS Eupen auf Anhieb Torschützenkönig (21 Treffer). Mit Olympic Charleroi stieg er in der Saison 1975/76 in die 1. Belgische Division auf und steuerte 20 Treffer bei. Nach mehreren Knieoperationen musste er seine Karriere als Profifußballer 1976 beenden, kehrte nach Hamburg zurück und konzentrierte sich auf seinen Beruf als Bankkaufmann, den er während seiner Fußballer-Laufbahn erlernt und ausgeübt hatte.

„Ole“ Kallius spielte nach dieser Zeit noch 14 Jahre in der professionell gemanagten HSV-Altliga, einer Auswahl hochkarätiger Altstars (Uwe Seeler, Manfred Kaltz, Felix Magath), mit der er die ganze Welt bereiste und weit über 500 Tore beisteuerte. Heute lebt der 68-Jährige bei Hamburg, arbeitete noch bei der Deutschen Bank und war zuletzt Leiter der etwa 3000 Mitglieder umfassenden Sportgemeinschaft dieses Unternehmens.

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erstellt am 15.Okt.2013 | 08:01 Uhr

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