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Handball : Albtraum statt Wintermärchen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Dänisches Quartett der SG Flensburg-Handewitt steigt am Mittwoch wieder ins Mannschaftstraining ein.

shz.de von
erstellt am 28.Jan.2014 | 08:00 Uhr

Viele der 14.000 Zuschauer hatten sich schon davongeschlichen, andere harrten noch aus, als die französische Nationalhymne, die „Marseillaise“, in der „Jske Bank Boxen“ zu Herning ertönte. Das dänische Wintermärchen blieb unvollendet, das letzte Kapitel schrieben sagenhafte Franzosen. Sie feierten mit einer eindrucksvollen Leistung und einem 41:32 (23:16)-Sieg ihren dritten Europameister-Titel 2006 und 2010 und durchkreuzten die Träume der auf Gold programmierten Gastgeber. „Am Montag wollten wir eigentlich alle nach Kopenhagen und mit den Fans auf dem Rathausplatz feiern“, sagte ein konsternierter Michael Knudsen am Sonntagabend. „Jetzt möchte ich nur noch bei meiner Familie sein.“

Der 35-jährige Kreisläufer der SG Flensburg-Handewitt wirkte noch eine Stufe geschockter als die meisten seiner Teamkollegen. Während diese mit einem bei der Siegerehrung erhaltenen Geschenk den Zuschauern zuwinkten, blieb Knudsen wie versteinert stehen. Während das Gros der Spieler sich in der „Mixed Zone“ den Journalisten-Fragen stellte, suchte Knudsen die Nähe seiner Angehörigen. „Die Abwehr war unglaublich schlecht, 41 Gegentore sagen alles“, meinte er eine Stunde nach der Siegerehrung. „Mehr möchte ich gar nicht sagen, da ich so frustriert bin.“ Spürbar war, dass sich sein Niederlagen-Ärger durch die geringe persönliche Spielzeit verstärkt hatte. Nationaltrainer Ulrik Wilbek gönnte der so erfahrenen Defensiv-Kraft einen Einsatz von gerade einmal 3:30 Minuten. Erstaunlich in einer Partie, in der die dänische Deckung gegen furiose Franzosen schwamm.

Noch schlimmer erwischte es Lasse Svan. Wie gewohnt fing der Hamburger Hans Lindberg auf der rechten Außenbahn an. Dort avancierte er zu einer der wenigen Konstanten im dänischen Spiel. Wahrscheinlich deshalb verzichtete Ulrik Wilbek auf den im Turnierverlauf obligatorischen Wechsel zur Halbzeit – und der SG-Rechtsaußen blieb komplett auf der Bank. Als einziger im 16-er Kader. „Traurig, es ist alles nur traurig“, stöhnte ein bitter enttäuschter Lasse Svan.

Auch Thomas Mogensen stand nicht in der Startaufstellung. Nach knapp acht Minuten – da hieß es bereits 2:7 – tauchte er ins Geschehen ein und schloss wenige Sekunden später zielstrebig ab. Der Treffer erwies sich für eine verunsicherte Mannschaft nicht als Signal. Ein Final-Blackout – ähnlich wie vor Jahresfrist im WM-Finale gegen Spanien – lähmte die Dänen. „Ich spürte um mich herum die Probleme“, erzählte der SG-Spielmacher später. „Mit dieser Leistung hatten wir keine Chance. Allerdings waren die Franzosen so stark, dass es selbst in Bestform für uns sehr schwer geworden wäre. Irgendwie hatte der Gegner mehr Routine.“ Routine, die unter anderem Thierry Omeyer verkörperte. Der Keeper ließ sich zwar einmal von Linksaußen Anders Eggert düpieren, stibitzte ihm dann aber einen Heber und einen Gegenstoß. In der zweiten Hälfte holte Ulrik Wilbek den Flügelflitzer auf die Bank und operierte ohne klassischen Linksaußen.

Das erhoffte dänische Wintermärchen hatte sich für das dänische SG-Quartett in einen Albtraum verwandelt. Es wird wohl einige Zeit dauern, bis sie ihre Silber-Medaillen als nette Erinnerung an besondere Handball-Wochen bewerten werden. Die EM in Dänemark setzte Maßstäbe. Noch nie in der EM-Ära besuchten so viele Zuschauer (316 000) die Arenen. In nicht weniger als 75 Nationen flimmerten bewegte Bilder, und allein bis zu 2,5 Millionen Dänen schalteten die dänischen Partien im Fernsehen ein. Am Sonntagabend war Thomas Mogensen das alles völlig egal. „Ich will nur noch nach Hause und meine Ruhe haben“, sagte er. Doch die wird ihm kaum vergönnt sein. Nach Stand der Dinge sollen die vier SG-Dänen schon am Mittwoch wieder in das SG-Training einsteigen. Zudem sollen Michael Knudsen, Anders Eggert und Lasse Svan bereits am Sonnabend beim All Star Game in Leipzig auflaufen.

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