"Frauen sind empfindlicher"

<strong>In sechs Jahren </strong>führte Rettig (hintere Reihe, 3. von links) die Volleyballer des EMTV von der Landes- bis in die Regionalliga. Das Foto ist 21 Jahre alt.  Foto: eln
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In sechs Jahren führte Rettig (hintere Reihe, 3. von links) die Volleyballer des EMTV von der Landes- bis in die Regionalliga. Das Foto ist 21 Jahre alt. Foto: eln

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10. April 2010, 10:54 Uhr

Elmshorn/Hamburg | Das Haus in Hamburg-Schnelsen steht in einer ruhigen Seitenstraße, es ist 64 Jahre alt und macht einen maroden Eindruck. Die Haustür klemmt, der Rahmen hat sich verzogen, nur mit einem kräftigen Stoß lässt sie sich schließen. Knut Rettig (48) wohnt hier mit seiner Frau Andrea Marunde (46) und ihrem gemeinsamen Töchterchen, mit Louisa, die neun Jahre alt ist. Rettig, mit blauem T- Shirt und bequemer Laufhose bekleidet, ist noch immer dunkelhaarig, athletisch, aber füllig an den Hüften. Er entschuldigt zunächst den Zustand seiner Immobilie: "Das Haus soll abgerissen werden. Investitionen lohnen sich nicht. Es soll ein neues gebaut werden."

Der Lehrer ist gerade vom Heidberg-Gymnasium in Langenhorn nach Hause gekommen. Er unterrichtet Gemeinschaftskunde und Sport, er sollte eigentlich schlanker und ein Vorbild sein. "Ich war schon immer zu schwer. Ich esse gern und trinke gern Wein und mag Süßes."

Er ist 1,81 Meter groß und wiegt 95 Kilo, er hat mal 115 Kilo gewogen. "Aber da hatte ich Schiss vor Diabetes und Herzinfarkt. Ich musste was unternehmen!" Er stellte seine Essgewohnheiten um. Trennkost ist jetzt angesagt. Seine Abnahmeempfehlung: morgens Kohlehydrate wie Müsli und Vollkornbrot ohne Fettaufstrich, abends dann Steak und Salate oder Rührei und Fisch, zum Beispiel.

Rettigs Leben, sein Alltag, war schon immer durchgeplant. Er wuchs in Baden-Baden auf und spielte Fußball. Auf dem Gymnasium verehrte er einen Sportlehrer, der für ihn wie ein Ersatzvater war, der ihm das Volleyballspielen beibrachte und ihn früh ermunterte, Jugendmannschaften zu trainieren. Da war Rettig 13 Jahre alt.

"Ich war viel zu jung und hatte keine Erfahrung. Aber ich traute mir das zu, und der Lehrer, mein Vorbild, hatte mir ja gut zugesprochen." So begann seine Karriere als Volleyballtrainer. Als er sich im Urlaub an der französischen Atlantikküste bei Bordeaux in eine Hamburgerin verliebte, stand sein Entschluss fest, vom Sonne verwöhnten Baden in den kühlen Norden zu ziehen.

Ein Student aus Elmshorn, Andreas Weber, sprach ihn auf dem Campus in Hamburg an: "Sieh dir mal unsere Mannschaft vom EMTV an." Aus der lasse sich was machen, dachte Rettig nach einem Besuch in Elmshorn und ließ sich als Spielertrainer engagieren. Er stieg mit dem EMTV von der 5. Klasse bis in die Regionalliga auf (3. Liga).

Sechs Jahre in Elmshorn, das habe auch was mit Treue zu tun. "Ich wollte etwas aufbauen und so viel wie möglich erreichen", erklärt er seine Trainingsphilosophie, die viel mit Ehrgeiz und Willenskraft zu tun hatte. Zeitgleich trainierte er die Bundesliga- Frauen der VG Alstertal- Harksheide. Er war mit 26 Jahren der jüngste Trainer in der Bundesliga. Als beim EMTV die finanzielle Unterstützung nicht mehr seinen Wünschen entsprach und er das Gefühl hatte: "Hier erreiche ich nichts mehr", wechselte er zum SV Lurup, wo er sogar eine Saison in der 2. Bundesliga spielte und nebenbei die Bundesligafrauen des TV Fischbek fit machte.

Mit Frauen kenne er sich aus: "Sie waren anfälliger für Kritik, empfindlicher und hatten oft weniger Selbstvertrauen als die Männer." Mit denen sei das Trainieren einfacher gewesen, sie ließen sich härter behandeln.

Nein, er sei kein autoritärer Trainer gewesen. Den eigenen Trainingsstil und seine Ideen, die habe er eher bei den Spielen der Frauen wieder gefunden.

Niemand kennt ihn so gut wie seine Ehepartnerin Andrea Marunde, eine ehemalige Junioren-Nationalspielerin, die rund 20 Jahre Bundesligaerfahrung vorweisen kann. Er war viele Jahre ihr Trainer: "Seine Übungen waren abwechslungsreich", erinnert sie sich. "Es kam nie Langeweile auf. Die Trainingsatmosphäre war locker, und es herrschte ein freundschaftlicher Umgangston. Aber wir kannten unsere Grenzen."

In seinem Arbeitszimmer steht ein Bett, auf dem flächendeckend Volleybälle liegen. Eine Fotocollage erinnert zudem an seinen Lieblingssport. Aus dem Lichtbildreigen ragt eine etwas größere Fotografie heraus, die einen bekannten und populären Trainer der Volleyballszene zeigt: Olaf Kort mann.

Rettig war Kortmanns Assistent, als dieser mal Nationaltrainer war, ein Intellektueller, der sich intensiv mit Sport- und Trainingswissenschaften beschäftigt hatte. "Er hatte anderen viel voraus", meint Rettig, "von ihm habe ich eine Menge gelernt."

Was er nun als Lehrer und Leistungssport-Koordinator am Heidberg-Gymnasium umsetzen kann, die eine Eliteschule des Fußballs ist, in Partnerschaft mit dem DFB. In Langenhorn gehen nämlich auch Fußballtalente zur Schule, die im HSV-Jugendinternat wohnen. Zwei aktuelle Beispiele: Torwartprofi Wolfgang Hesl und Sören Bertram.

Rettig lässt es jetzt ruhiger angehen. Er trainiert nur noch die weibliche Hamburger Jugendauswahl. Große Ziele hat er nicht mehr nach 17 Jahren als Chefcoach in der Bundesliga. Sein Ego sei befriedigt. Aber ist das Feuer seiner Leidenschaft wirklich erloschen? Knut Rettig hat jetzt mit dem Trainieren seiner kleinen Tochter begonnen.

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