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Lokaler Sport

22. Oktober 2017 | 05:11 Uhr

Der Wahnsinn geht weiter

vom

shz.de von
erstellt am 24.Mai.2013 | 01:14 Uhr

Pinneberg | High Noon. Die Waffen sind im Halfter, die Pfeile im Köcher. Das letzte Duell der Saison steht an.

Die Wildwest-Terminologie ist unverkennbar, wenn Michael Fischer, Trainer der abstiegsbedrohten Oberliga-Fußballer des VfL Pinneberg, über den heutigen Showdown beim Meister FC Elmshorn redet (19 Uhr), bei dem es um den Ligaverbleib der Pinneberger geht.

"Ich habe alle Winnetou-Filme gesehen, wir werden bis zum Ende kämpfen, also bis der letzte Pfeil im Köcher verschossen ist - und das wird erst nach 90 Minuten in Elmshorn der Fall sein", so der VfL-Coach kämpferisch wie ein tapferer Indianer. Da wird die Wilhelmstraße schnell zum "Little Bighorn", also dem berühmten Ort, an dem der Sioux-Häuptling "Sitting Bull" einem von General Custer angeführten übermächtigen US-Heer die Stirn bot. "Ähnlich ist es bei uns", sagt VfL-Oberhäuptling Fischer trotzig, "wir spielen auch gegen eine Übermacht und müssen punkten."

Nach dem 1:0-Last-Minute-Sieg über den USC Paloma am vergangenen Mittwoch dürfte den Pinnebergern eigentlich sogar eine knappe Niederlage für den Erhalt der Klasse genügen (vorausgesetzt Konkurrent Bramfeld siegt gleichzeitig nicht haushoch in Curslack, auch Paloma bleibt sieglos und Niendorf punktet nicht).

Doch: Nur einen Tag nach dem großen Befreiungsschlag an der Brucknerstraße ist die Freude im VfL-Lager darüber bereits wieder verflogen. Der Grund: Nachrichten aus Bramfeld sorgen für Unruhe. Der BSV hat nämlich beim Hamburger Fußball-Verband (HFV) Protest gegen die Wertung des Ligaspiels bei Eintracht Norderstedt (32. Spieltag, 0:4) eingelegt. Der Vorwurf: Die Eintracht habe mit Juri Marxen einen A-Jugendlichen eingesetzt, der nicht spielberechtigt gewesen sein soll. Käme der Protest durch, würde das Spiel in ein 3:0 umgewertet werden - die Bramfelder hätten dann drei Punkte mehr, zudem ein besseres Torverhältnis als der VfL. Dann dürfte Pinneberg in Elmshorn zumindest nicht verlieren, um dem sportlichen Abstieg sicher zu entgehen. Wobei: Auch Niendorf (38 Punkte, - 21 Tore) und Paloma sind noch dick in der Abstiegs-Verlosung.

Der Wahnsinn geht weiter. "Wie bitter wäre das denn?", schüttelt Fischer mit dem Kopf, "wir wollen mit der Mannschaft am Sonntag nach Mallorca, um dort den Klassenerhalt zu feiern. Ein Hammer, wenn wir dort am Strand sitzen und plötzlich erfahren, dass wir nachträglich am grünen Tisch abgestiegen sind."

Abstieg auf Malle? Nur, wenn der VfL hoch verliert, die Konkurrenz hoch siegt und Bramfeld mit seinem Anliegen durchkäme. Verbandssprecher Carsten Byernetzki bestätigt zumindest: "Ein Einspruch ist bei uns fristgerecht eingereicht worden und wird am Mittwoch verhandelt. Das ist ein ganz normaler Vorgang, es könnte ja auch noch etwas vom letzten Spieltag nachverhandelt werden."

Ausgerechnet beim großen FC Elmshorn punkten müssen? Dem VfL könnte zugute kommen, dass der FCE ein Kräfte zehrendes Pokalfinale gegen den SC Victoria (1:2 n.V.) in den Beinen hat und deshalb auf einige seiner Leistungsträger verzichten könnte. Auf Leistungsträger wie Thorben Reibe etwa. Der war noch in der vergangenen Spielzeit Torschützenkönig der Oberliga in Diensten des VfL Pinneberg. Ballert "Scharfschütze" Reibe seinen Ex-Klub in Wildwest-Manier in die Landesliga? "Wenn es nach mir geht, möchte ich am liebsten darauf verzichten, heute zu spielen", sagt Reibe ehrlich.

Und wie ist es bei Jan Lüneburg? Der bullige FCE-Angreifer hätte ebenfalls ein Problem, wenn er den Pinneberger Abstieg besiegeln würde - und zwar ein familiäres: Sein Bruder Flemming läuft nämlich für den VfL auf.

"Es gibt kein Entgegenkommen, für uns ist jedes Spiel wichtig", sagt FCE-Coach Achim Hollerieth. Gegen den VfL könnte auch sprechen, dass viele Elmshorner Akteure noch freundschaftlich mit ihrem ehemaligen Co-Trainer Hardy Brüning verbunden sind, der nun ausgerechnet den ärgsten VfL-Konkurrenten Bramfeld coacht.

"Mehr Dramatik geht nicht", weiß auch Fischer und ergänzt: "Das ist tatsächlich wie in einem spannenden Western, aber ich hätte auch gut darauf verzichten können."

Hoffen darf Fischer zumindest auf Schützenhilfe vom Kreisnachbarn, der SV Halstenbek-Rellingen, die heute zeitgleich den Konkurrenten Paloma empfängt (19 Uhr).

Aber: Will HR-Coach Thomas Bliemeister überhaupt zu Fischers "Hilfssherriff" avancieren? Der 57-Jährige sagt dazu: "Wir spielen mit der besten Mannschaft und werden es Paloma schwer machen. Schließlich sind wir es unseren Fans schuldig, zum Saisonende ein gutes Spiel abzuliefern. Und wenn das dann den Nebeneffekt hat, dass der VfL in der Liga bleibt - umso schöner."

Besonders motiviert auf Seiten HRs dürfte Linksaußen Sascha Richert sein, der wechselt nämlich im Sommer zum VfL und will mit seinen Toren verhindern, dass sein zukünftiger Klub absteigen muss. Bliemeister bestätigt: "Sascha wird von Beginn an spielen und er wird seine Teamkollegen vermutlich besonders motivieren." Ein Abschiedsspiel bekommt auch Keeper Claus Reitmaier, der plant, in seine sportliche Heimat Mönchengladbach zurückzukehren. "Solange er aber noch hier ist, gehört er auch zu uns und wird uns als Torwarttrainer unterstützen, wir freuen uns über jeden Tag, den er uns noch unterstützt, er hat bisher Großartiges geleistet", lobt Bliemeister den Ex-Profi.

Der SV Rugenbergen muss heute zum Meiendorfer SV reisen (19 Uhr) und will Platz acht gegen Germania Schnelsen zurückerobern. Aufgrund des 11:0 gegen Lurup vor einer Woche sind die Voraussetzungen dafür gut, denn der SVR hat das bessere Torverhältnis als die Konkurrenten.

"Ich bin mit der Saison absolut zufrieden, egal, ob wir Achter oder Neunter werden", sagt SVR-Coach Palapies, der aus der Ferne mit "Blutsbruder" und Freund Fischer mitfiebert und auf ein glückliches Ende für den VfL hofft.

Ein solches war übrigens weder Sitting Bull, noch Winnetou vergönnt.

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