Lästig wie eine Mücke : Kolumbiens Yerry Mina: Prellbock, Torschütze und Spekulationsobjekt

Hat als Abwehrspieler schon zwei Tore bei dieser WM gemacht: Kolumbiens Yerry Mina.
Hat als Abwehrspieler schon zwei Tore bei dieser WM gemacht: Kolumbiens Yerry Mina.

Vor dem Achtelfinale gegen England nimmt einer der auffälligsten WM-Abwehrspieler, Yerry Mina, eine besondere Rolle ein.

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02. Juli 2018, 15:43 Uhr

Kasan/Moskau | Die Mücken gehören wohl unweigerlich dazu, wenn man sich ein Quartier fast in den Sümpfen nahe der Wolga aussucht. Dort wo die kolumbianische Nationalmannschaft untergebracht ist, im Swjaschskogo-Naturschutzreservat an einem 30 Kilometer von Kasan entfernten Fleckchen Erde, schwirren die Stechinsekten gerne scharenweise in den schwülen Sommernächten aus. Lästige Sauger, die sich schon vor Einbruch der Dämmerung kaum loswerden lassen. Erstaunlicherweise haben die "Cafeteros" darüber – im Gegensatz zur begleitenden Journalistenschar – kaum Klage geführt. Vielleicht, weil das Blut von Radamel Falcao und Kollegen nicht schmeckt? Oder weil die Südamerikaner zum Achtelfinale gegen England (Dienstag, 20 Uhr MESZ/ARD) selbst einen solchen Quälgeist nach Moskau mitbringen? Yerry Fernando Mina González, kurz Yerry Mina.

Körperbetontes Spiel

Der junge Mann ist mit seinen 1,94 Metern zwar unverdächtig, sich im Spartak-Stadion als Mücke tarnen zu können, aber ist er nicht ebenso lästig? Mit seinen langen Beinen piesackt er Gegenspieler gerne mit allen Gliedmaßen. Seinen breitschultrigen Körper setzt er unter Zuhilfenahme aller Mittel auch in der Luft sehr körperbetont ein. Und wenn ihm sein Trainer José Pekerman die Anweisung erteilt, einen Gegner in Manndeckung zu nehmen – wie zeitweise Bayern-Torjäger Robert Lewandowski – dann befolgt der 23-Jährige auch diese. Und damit noch nicht genug: Mit seinen 94 Kilo Lebendgewicht sticht er vorne mindestens genauso effektiv zu.

Als es in Kasan gegen die Polen nämlich einen Durchbruch brauchte, war es der aufgerückte Mina, der das 1:0 besorgte und die Weichen zum 3:0 stellte. Und als zuletzt in Samara gegen Senegal das Weiterkommen am seidenen Faden hing, war es wieder die nach vorne gelaufene Nummer 13, die nach einer Ecke das 1:0 köpfte. Siegtreffer. Matchwinner. Ernennung zum "Man of the Match" inklusive Statement vor der Weltpresse. Wo er sich als höflicher junger Mann vorstellte, der mit einnehmenden Grinsen beteuerte, den Stolz der ganzen Nation zu spüren. Und sagte: "Ich danke meinem Team und meiner Familie. Und ich danke meinem Coach, der mich immer unterstützt hatte."

Enge Verbindung zu Trainer Pekerman

Die Bande zwischen dem argentinischen Altmeister Pekerman und dem kolumbianischen Abwehrtalent soll eine sehr enge sein. Erst seit dem zweiten Gruppenspiel – das erste gegen Japan (1:2) hatte Carlos Sanchez mit seinem Handspiel verhagelt – bilden Mina und der auch erst 22-jährige Davinson Sanchez die Innenverteidigung. Der eine hat erst 14, der andere sogar nur zwölf Länderspiele auf dem Buckel. Und doch ist es keine Bubi-Abwehr, die sich Harry Kane in den Weg stellt, sondern beide gehören zu den vielversprechendsten Verteidigern auf dem südamerikanischen Kontinent. Mina wechselte erst im Januar vom brasilianischen Spitzenklub Palmeiras für knapp zwölf Millionen Euro Ablöse zum FC Barcelona, für den Nebenmann zahlte Tottenham Hotspur vergangenen Sommer sogar 40 Millionen an Ajax Amsterdam.

Im Januar wechselte Mine für rund 40 Millionen Euro Ablöse von Ajax Amsterdam zum FC Barcelona.
dpa
Im Januar wechselte Mine für rund 40 Millionen Euro Ablöse von Ajax Amsterdam zum FC Barcelona.

Mina gibt seit seiner Luftveränderung im Verein jedoch nur das fünfte Rad am Wagen, die Konkurrenz bei den Katalanen in der Innenverteidigung ist (noch) zu groß. Und so mutiert Mina unweigerlich zum nächsten Spekulationsobjekt des sicher bald hitzigen Transfersommers. Dabei kann sein Weg möglicherweise auch in der Bundesliga weitergehen. Erst hieß es, Borussia Dortmund habe Interesse. Zuletzt verlautete bei "Mundo Deportivo", eine heiße Spur könnte zu Bayer Leverkusen führen. Wenn der Prellbock weiter den Ersatztorjäger mimt, heften sich noch ganze andere Kaliber an seine Fersen. Klubs aus der Premier League schauen im Duell gegen England ganz zwangsläufig genau hin. Mina kann bei solchen Fragen übrigens lächelnd auf die Zeit nach dem Turnier verweisen. Er werde irgendwann in Ruhe darüber nachdenken, was für seine Zukunft das Beste sei. Da kann einer offenbar nicht nur die Mücken gut von sich fernhalten.

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