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Eisschnellläuferin am Bundesgerichtshof : Keine Sport-Revolution: Claudia Pechstein scheitert am BGH

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Eisschnellläuferin Claudia Pechstein muss einen juristischen Rückschlag hinnehmen. Was das für Sportler bedeutet.

shz.de von
erstellt am 07.Jun.2016 | 08:11 Uhr

Karlsruhe | Niederlage für Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein: Der Bundesgerichtshof (BGH) wies am Dienstag die Schadenersatzklage der Berlinerin wegen ihrer Doping-Sperre gegen den Eislauf-Verband ISU als unzulässig zurück. Das Oberlandesgericht München hatte Pechsteins Klage zugelassen, die ISU war dagegen in Revision gegangen.

Das Urteil bedeutet, dass es auch künftig für Sportler keine Wahlmöglichkeit zwischen Sportschieds- und Zivilgerichten gibt. Ein Sieg Pechsteins wäre eine Entscheidung von weltweiter Trageweite für den Sport gewesen.

„Schließlich ist der Klägerin im Anschluss an das Schiedsgerichtsverfahren Zugang zu den nach internationalem Recht zuständigen schweizerischen Gerichten möglich. Ein Anspruch gerade auf Zugang zu den deutschen Gerichten besteht danach nicht“, teilte der Bundesgerichtshof in Karlsruhe am Dienstag nach der Urteilsverkündung mit.

Pechstein kündigte an, sich nun an das Bundesverfassungsgericht zu wenden.

Worum ging es bei dem Prozess?

Beantwortet werden musste die Frage: Darf ein Sportler auch vor ein Zivilgericht ziehen? Es ging streng rechtlich gesehen „nur“ um Zuständigkeiten. Sportler müssen sich bislang der Sportgerichtsbarkeit unterwerfen. Das OLG München sprach von mangelnder Entscheidungsmöglichkeit für Sportler.

Warum hat sich das höchste deutsche Zivilgericht überhaupt mit dem Fall befasst?

Die ISU vertritt in ihrer Revision die Auffassung, dass sich Sportler mit ihrer Unterschrift unter die Athletenvereinbarung ausschließlich der Sportschiedsgerichtsbarkeit unterwerfen und so vom Gang vor ein Zivilgericht ausgeschlossen sind.

Was wären die Konsequenzen gewesen?

Wäre der BGH Pechstein gefolgt, hätte das Urteil eine Revolution für die Sportschiedsgerichtsbarkeit ausgelöst. Der US-Amerikaner Mike Morgan, Mitbegründer der von Morgan Sports Law, sprach schon vor Wochen von „Schockwellen“, die ein solches Urteil senden würde. Das Prinzip allein zuständiger Sportschiedsgerichte wäre erschüttert gewesen. Der Sport hättesein Monopol auf seine juristischen Verfahren verloren.

Geht es in Karlsruhe auch um Millionen?

Nein. Vor dem BGH spielten die fünf Millionen Euro Schadenersatz, die Pechstein von der ISU fordert, noch keine Rolle. Weist der BGH die Revision der ISU zurück, wird das Oberlandesgericht München den Fall neu aufrollen und möglicherweise auch über Schadenersatz entscheiden.

Warum unterzieht sich Pechstein so einem solchen Prozess-Marathon?

„Wir werden erst aufhören, wenn wir tot sind oder wenn wir gewonnen haben“, sagte ihr Lebensgefährte Matthias Große vergangene Woche. Pechstein selbst betont, dass es ihr um Gerechtigkeit gehe. 2009 war sie ohne positiven Befund durch die ISU zu einer Doping-Sperre von zwei Jahren verurteilt worden. Einziges Indiz waren schwankende Retikulozytenwerte. Inzwischen ermittelten Hämatologen eine vom Vater geerbte Blutanomalie als Grund ihrer Werte. Nach eigener Aussage investierte sie schon 750.000 Euro in die Prozesse.

Wie konnte es im Fall Pechstein so weit kommen?

Im Sport wurde in zurückliegenden Jahren vieles falsch gemacht. Die Prozesse von Pechstein und anderen Sportlern vor Sportgerichten wurden zu wenig kritisch beäugt. Kaum jemand stellte die Frage nach der Unabhängigkeit der Gerichte, speziell des CAS. Erst in den vergangenen Jahren hinterfragen immer mehr Sportrechtler die Zusammensetzung des CAS. Trotzdem nahmen Verbände weiter Einfluss auf die Wahl der Richter.

Pechstein war 2009 von der ISU aufgrund auffälliger Blutwerte ohne positiven Befund zu einer zweijährigen Sperre verurteilt worden und hatte unter anderem die Olympischen Winterspiele 2010 in Vancouver verpasst. Da ihr dadurch nicht nur zahlreiche Sponsoren verloren gingen und sie mehrere Hunderttausende Euro in medizinische Gutachten und juristische Prozesse investieren musste, stellte sie die Schadenersatzklage vor zivilen Gerichten. Zuvor hatte sie auf Sportgerichtsebene alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Pechstein hatte Doping immer bestritten.

 

 

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