Vom Olympiabecken in den Kibbuz

Olympia-Taufe: Trainer Hlinak  mit Regina Nissen.
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Olympia-Taufe: Trainer Hlinak mit Regina Nissen.

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27. Dezember 2010, 03:59 Uhr

Flesnburg | Regina Nissen - nie gehört? So geht es wohl den meisten. Selbst im Flensburger Schwimmklub (FSK) kennt heute kaum noch jemand ihren Namen. Dabei war Regina Nissen eines der größten Talente im deutschen Schwimmsport. Und sie ist bis heute die erfolgreichste Schwimmerin, die die Fördestadt je hatte. Die heute 49-Jährige war Deutsche Jahrgangsmeisterin und Olympia-Teilnehmerin - als erste Schwimmerin aus Schleswig-Holstein überhaupt. 34 Jahre ist das jetzt her.

Rückblende: 1976 startete bei den olympischen Schwimmwettbewerben in Montreal auch eine junge Schwimmerin aus dem hohen Norden: Regina Nissen vom Flensburger Schwimmklub war mit ihren 15 Jahren das "Küken" im deutschen Olympiateam. "Nesthäkchen aus Flensburg" titelte die Bild-Zeitung. Die Medien rissen sich um das Wunderkind.

Gleich drei Mal ging die FSK-Schwimmerin an den Start, obwohl sie eigentlich nur für die 4 x 100 m Kraulstaffel mit nach Kanada gefahren war. Über 100 m Freistil schwamm sie im Vorlauf 1:00,60 Minuten, verpasste aber den Endlauf, den die DDR-Schwimmerin Kornelia Ender in 0:55,81 gewann. Für Regina Nissen blieb in ihrer Paradedisziplin ein passabler 27. Platz unter 46 Teilnehmerinnen. Auch über 200 m Freistil reichte es in 2:14,66 nicht für das Finale. Den ersehnten Endlauf erreichte sie dafür mit der 4 x 100 m Freistilstaffel. Am Ende belegte das deutsche Frauen-Quartett mit Jutta Weber, Marion Platten, Regina Nissen und Beate Jasch in 3:58,33 Minuten Platz acht, wobei die Flensburgerin 1:00,59 schwamm. Teamkollegin Jutta Weber, mehrfache Deutsche Meisterin, prophezeite der Flensburgerin eine große Zukunft: "Regina Nissen ist ein großes Talent, das schon recht bald in die europäische Spitzenklasse kommen kann, wenn sie weiterhin so systematisch trainiert wie bisher."

Dass die Flensburgerin es überhaupt bis zu Olympia geschafft hatte, war eine Sensation. Regina Nissen, geboren am 24. Januar 1961, wuchs in Engelsby auf. Im Alter von sechs Jahren begann sie gemeinsam mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester Ingrid den Schwimmunterricht bei Gudrun Meißner (heute Spartenleiterin im TSB Flensburg). Am 1. September 1969 wurde sie Mitglied im Flensburger Schwimmklub. "Von da an hatte sie nur noch Schwimmen im Kopf", erinnert sich ihre Mutter Käthe Nissen. Die 81-jährige Glücksburgerin hat neben Zeitungsartikeln, Medaillen und Auszeichnungen sogar den alten Mitgliedsausweis aufbewahrt.

Dem damaligen Trainer Bernd Dühnforth war es zu verdanken, dass Reginas Talent früh erkannt und gefördert wurde. "Er und die Familie Hans Dethleffsen ermöglichten es, dass Regina zusätzliche Trainingsstunden in der privaten Schwimmhalle der Familie erhielt", erinnert sich Käthe Nissen. Denn sonst hätte ihre Tochter nur ein oder zweimal pro Woche Training gehabt - und das mit 30 Kindern auf der Bahn. Schon bald stellen sich die ersten Erfolge auch auf Landesebene ein und 1971, mit gerade einmal zehn Jahren, fuhr Regina gemeinsam mit zwei Schwimmkameraden und ihrem Trainer Bernd Dühnforth zu ihrem ersten Auslandswettkampf nach Trient (Italien) und belegte dort Plätze im Mittelfeld.

Den entscheidenden Schub bekam die sportliche Karriere der Flensburgerin dann 1972 mit dem Wechsel auf das neu gegründete Schwimminternat in Malente. Da war Regina gerade einmal elf Jahre alt. "Eigentlich wollten wir das gar nicht so gerne", erzählt Käthe Nissen. Doch schließlich folgten die Eltern dem Vorschlag des damaligen FSK-Vorsitzenden Harry G. Schmidt und der Trainerin des TSV Sterup, Agnes Bauer. Auch deshalb, weil nach dem plötzlichen Weggang von Trainer Bernd Dühnforth eine Bezugsperson fehlte. Aus dem angedachten einen Jahr Übergangszeit wurden sechs erfolgreiche Jahre im Internat. "Als sie anfing, war sie dort eine der Schwächsten, am Ende hat sie alle überholt", sagt die stolze Mutter.

Landestrainer Dr. Andelin Hlinak, ehemaliger Cheftrainer von Dukla Prag, setzte entgegen dem allgemeinen Trend vorrangig auf Techniktraining und weniger auf "Kilometerfressen". So schwammen seine Schützlinge im Internat nicht mehr als vier Kilometer pro Tag. "Seine Trainingsmethoden sind derart aufgebaut, dass es auch noch Spaß bringt", erzählte Regina Nissen einem Zeitungsreporter. An wettkampffreien Wochenenden blieb ihr zuhause in Flensburg sogar noch etwas Zeit für ihr zweites Hobby, das Reiten.

Sportlich ging es unter Dr. Hlinaks Fittichen steil nach oben: In den nächsten Wochen und Monaten stellte Regina Nissen alleine fünf Landesrekorde auf. Mit 14 Jahren gehörte sie zum deutschen Jugend-C-Kader und schaffte die Qualifikation zur Deutschen Sporthilfe. 1974 schließlich wurde sie deutsche Vizemeisterin auf ihrer Spezialstrecke 800 m Freistil in 10:31 Minuten. Auch auf den kürzeren Krauldistanzen "explodierte" die junge Flensburgerin förmlich: Bei 1:20 hatte ihre Bestzeit über 100 m Kraul gelegen, als sie ins Internat wechselte. Mit neuem Landesrekord von 1:04,3 holte sie sich nun die Silbermedaille bei den Deutschen Jahrgangsmeisterschaften und gewann über 200 m Kraul gleich noch Bronze. Mit dem zweiten Platz über 100 m Kraul 1975 beim Jugendchampionat in Genf ließ sie erstmals auch international aufhorchen. Ihre Zeit von 1:02,14 über 100 m Freistil bedeutete zugleich einen neuen deutschen Jahrgangsrekord. "Regina Nissen schwimmt sich nach vorn", titelte das Flensburger Tageblatt. Beim Jugendländerkampf in Tula (UdSSR) schwamm sie über 200 m Freistil in 2:16,4 einen weiteren deutschen Jahrgangsrekord und wurde schließlich bei der DM in Bonn über 100 m Kraul in Rekordzeit von 1:01,6 deutsche Jahrgangsmeisterin.

1976 dann der Karriere-Höhepunkt mit der Olympia-Teilnahme in Montreal. "Im Anschluss ist sie gleich weiter zur Jugend-EM nach Oslo gefahren, ich glaube, das hat ihr einen Knacks gegeben", sagt ihre Mutter im Rückblick. "Sie hat die muskelbepackten DDR-Schwimerinnen gesehen und wusste, dass sie noch viel mehr trainieren musste, um besser zu werden." Schließlich verließ Regina Nissen das Internat in Malente, blieb aber dem Schwimmsport noch einige Jahre treu.

Heute existiert der Name Regina Nissen nur noch in der ewigen Bestenliste des schleswig-holsteinischen Schwimmverbandes (SHSV), im wirklichen Leben heißt sie inzwischen ganz anders: Sara Malka (hebräisch für Regina) Rimon. Gleich nach dem Abitur war Regina Nissen nach Israel in einen Kibbuz gegangen. Später lernte sie dort ihren Mann kennen, der 100 Kilometer von der ägyptischen Grenze entfernt eine Autobahnraststätte ("Desert Oasis") betreibt. Die Flensburgerin trat zum jüdischen Glauben über und ist mittlerweile elffache Mutter. An ihre Schwimmkarriere denkt sie gerne zurück: "Ich habe meine Jugendzeit sehr genossen", sagt Sara Malka Rimon. Und manchmal, wenn sie sich unbeobachtet fühlt, dreht sie abends noch ein paar Runden im hauseigenen Pool.

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