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Alles zum DHB-Pokal 2017 : Stefan Kretzschmar über das Final Four: „Ich bin absolut parteiisch“

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Der Handball-Experte spricht im Interview über das Final Four am Wochenende in Hamburg und die Belastung der Handballer.

Hamburg | Am Wochenende ist Hamburg wieder das Epizentrum im deutschen Handballsport. Die Endrunde um den DHB-Pokal steht auf dem Programm – und feiert mit dem 25. Final Four in diesem Modus ein Jubiläum. Mit Spitzenreiter SG Flensburg-Handewitt, Meister Rhein-Neckar Löwen und Rekordmeister THW Kiel treten die drei besten Mannschaften der Handball-Bundesliga an; dazu kommt noch „Shootingstar“ SC DHfK Leipzig, von Bundestrainer Christian Prokop betreut. shz.de berichtet im Liveticker vom Final Four.

Die vier Teams im Überblick:

SG Flensburg-Handewitt – der Tabellenführer

Szene aus dem Heimspiel in der Flens-Arena: Flensburgs Spielmacher Thomas Mogensen im Zweikampf mit Veszpréms Laszlo Nagy.

Foto:dpa

 

Die SG Flensburg-Handewitt ist Dauergast beim Handball-Event des Jahres. Schon zum 13. Mal insgesamt und seit 2011 in ununterbrochener Reihenfolge ist der aktuelle Bundesliga-Spitzenreiter dabei. Und er hat auch einen Dauer-Gegner im Halbfinale: Zum fünften Mal trifft die SG auf die Rhein-Neckar Löwen – und hat bislang alle Duelle für sich entschieden. Was soll da schon schief gehen?

Doch die Flensburger sind realistisch. „Auch wenn wir gegen die Löwen gute Erfahrungen gesammelt haben, wird es schwer“, sagt Spielmacher Thomas Mogensen. „Wir werden alles investieren müssen.“

Das Ziel von Spielern und Trainer Ljubomir Vranjes ist der fünfte Pokaltriumph. Doch der Schwede weiß, „dass beim Final Four alles passieren kann“. So wie im vergangenen Jahr, als sich müde Flensburger im Endspiel dem SC Magdeburg beugen mussten. „Am Ende wird die Kraft entscheiden“, sagt der Flensburger Trainer, der bis auf Ivan Horvat alle Mann an Bord hat.

Der Weg nach Hamburg:

  • 35:20 gegen HC Elbflorenz
  • 38:17 gegen HC Empor Rostock
  • 36:34 gegen Füchse Berlin
  • 32:28 gegen MT Melsungen
Rhein-Neckar Löwen – der Meister
Nikolaj Jacobsen wird neuer Coach der Rhein-Neckar Löwen. Foto:Uli Deck

 

Die Löwen und das Final-Four-Turnier – ein delikates Thema. Zwar sind die Mannheimer regelmäßig bei diesem großen Fest des Handballs dabei, doch noch nie waren sie der strahlende Sieger. Nun startet der amtierende Deutsche Meister seinen zehnten (!) Versuch, um den begehrten Pott zu holen und gleichzeitig sein eigenes Trauma zu überwinden.

Kurios: Wie bei den vergangenen drei Teilnahmen heißt im Halbfinale der Gegner SG Flensburg-Handewitt – und jedes Mal zogen die Löwen den Kürzeren. „Es war ja irgendwie klar, dass wir es mit Flensburg zu tun bekommen“, sagt Trainer Nikolaj Jacobsen. „Wenn man sich die Matches in den vergangenen Jahren anschaut, waren das ja immer nur Kleinigkeiten, die entschieden haben. Ich hoffe, dass die Waage diesmal in unsere Richtung ausschlägt.“

Man darf gespannt sein, wie die Truppe um Schlüsselspieler Andy Schmid die bittere Pille – das Aus im Champions-League-Achtelfinale gegen den THW Kiel – verdaut hat. 

Der Weg nach Hamburg:

  • 42:19 gegen TV Hochdorf
  • 31:22 gegen TuS Ferndorf
  • 29:23 gegen HC Erlangen
  • 32:25 gegen HBW Balingen
THW Kiel – der Rekordsieger

Kiels Torwart Andreas Wolff feiert einen gehaltenen Ball gegen Flensburg-Handewitt.

Foto:dpa

 

Endlich wieder in Hamburg! Nach drei Jahren Abstinenz – für die erfolgsverwöhnten Zebras eine endlos lange Zeit – greift der THW wieder zum Pokal. Es wäre für den Rekordsieger der zehnte Triumph in diesem Wettbewerb. Da der Meistertitel in weite Ferne gerückt ist und die Trauben in der Champions League  ganz hoch hängen, ist der DHB-Pokal wohl die aussichtsreichste Gelegenheit für Torhüter Andreas Wolff und Co., endlich wieder die Trophäensammlung zu erweitern.  

Doch zuerst einmal müssen die favorisierten Kieler am Debütanten aus Leipzig vorbei. Der Respekt vor dem Außenseiter ist groß: „Wir haben uns im Liga-Heimspiel gegen Leipzig schwer getan und müssen richtig gut spielen, um das Finale zu erreichen“, sagt Trainer Alfred Gislason, der den DHfK Leipzig keinesfalls als Glückslos bezeichnet. 

Christian Zeitz fällt mit einem Muskelfaserriss aus, Domagoj Duvnjak, Steffen Weinhold und Rene Toft Hansen sind angeschlagen.

Der Weg nach Hamburg:

  • 29:20 gegen VfL Fredenbeck
  • 35:25 gegen ASV Hamm-Westfalen
  • 23:22 gegen SC Magdeburg
  • 29:23 gegen TSG L.-Friesenheim
DHfK Leipzig – der Debütant
Bundestrainer und DHfK-Coach Christian Prokop.

Bundestrainer und DHfK-Coach Christian Prokop.

Foto:dpa

 

DHfK Leipzig feiert am Wochenende die Premiere auf der großen Pokalbühne in der Hansestadt. Das Erreichen der Endrunde ist neben dem Aufstieg in die erste Bundesliga im Sommer 2015 der größte Erfolg in der Vereinsgeschichte – und ein weiterer Meilenstein des ambitionierten Projekts „Handball in Leipzig“.

„Wir wollen zeigen, was wir können“, sagt Trainer Christian Prokop, neuerdings auch Bundestrainer der Männer. „Wir wissen jedoch, dass wir in der Gesellschaft dieser drei Topteams klarer Außenseiter sind.“

Aber: Die Leipziger als Bundesliga-Sechster wollen beim Final Four mehr als nur schmückendes Beiwerk sein. „Es ist jeweils nur ein Spiel, und in dem kann alles passieren“, bemüht Kapitän Lukas Binder das Phrasenschwein. Personell kann Prokop nicht aus dem Vollen schöpfen. Tobias Rivesjö (Rückraum) fällt verletzt aus. Peter Strosack (Rechtsaußen), Milos Putera (Torhüter) und Franz Semper (Rückraum) sind angeschlagen.

Der Weg nach Hamburg:

  • 30:17 gegen SV Anhalt Bernburg
  • 36:23 gegen SG Langenfeld
  • 27:25 gegen HSG Wetzlar
  • 28:24 gegen TSV Hannover-Burgdorf
 

Mit dabei ist auch Handball-Legende Stefan Kretzschmar (44), der an beiden Tagen für übertragenden TV-Sender SPORT1 als Experte die Spiele live kommentieren und analysieren wird. Mit dem ehemaligen Weltklasse-Linksaußen, der auch im Leipziger Aufsichtsrat sitzt, sprach unser Redaktionsmitglied Holger Petersen.

Hamburg ruft. Herr Kretzschmar, was denken Sie  über das Final Four?

Es ist DAS Handballevent des Jahres in Deutschland und großartig organisiert. Dort kommen alle Faktoren zusammen, die Handball ausmachen und die diese Sportart so faszinierend machen: die geile Stimmung in der Halle, das Teilnehmerfeld, die Aktivitäten drumherum, die Stadt Hamburg. Es ist einfach ein tolles Wochenende.

Drei Weltklasse-Teams, dazu der aufstrebende Debütant. Das Teilnehmerfeld ist exzellent und hochattraktiv – wie immer. Wie kommt es eigentlich, dass das Final Four fast in jedem Jahr mit einer Topbesetzung aufwartet? Werden bei den vorherigen Auslosungen etwa die Loskugeln der Favoriten angewärmt, damit sie nicht im direkten Duell aufeinander treffen?

Da setzt sich halt Qualität durch. Man muss ehrlich sagen: Die drei Topteams aus Flensburg, Kiel und Mannheim sind den anderen Teams eben um einiges voraus. Sie haben ein paar Nasenlängen Vorsprung, was die Qualität des Kaders angeht. Im Pokal kann man mal eine Überraschung schaffen, aber im Grunde genommen ist dieses Trio zu stark für die Konkurrenz.

Kommen wir zu den Halbfinals. Was bevorzugen Sie? Flensburger Bier oder badischen Wein?

Ich trinke Cola Whisky.

Und wer setzt sich durch – Flensburg oder die Löwen?

Schwer zu sagen. Man muss bei den Löwen ja beinahe schon von einem Pokal-Fluch sprechen. Zum zehnten Mal dabei und noch nie den Pokal in der Hand gehabt. Das ist schon fast tragisch. Ich bin fast geneigt, den Löwen zu wünschen, dass es endlich klappt. Die SG ist sicherlich die dominanteste und stabilste Mannschaft in dieser Saison, das zeigt sich besonders in der Liga. Sie wird mit breiter Brust nach Hamburg fahren, weil sie – im Gegensatz zu den Löwen – viele gute Erinnerungen an das Turnier hat. In einem solchen Spiel wird der psychologische Aspekt eine wichtige Rolle spielen. Es ist ein Unterschied, ob man anreist mit dem Gedanken „Hoffentlich verlieren wir nicht schon wieder“ oder mit „Wir wollen den Pokal unbedingt noch mal holen“.

Zum zweiten Halbfinale: Lieber Kieler Sprotten oder Leipziger Allerlei?

Ich gestehe: Zum ersten Mal in meiner TV-Experten-Karriere bin ich in Hamburg absolut parteiisch. Bei diesem Halbfinale bin ich übrigens nicht als Co-Kommentator eingeteilt (schmunzelt). Für uns als DHfK Leipzig ist es eine super Sache dabei zu sein. Ich werde mit den Leipzigern mitfiebern, um die Sensation zu schaffen. Natürlich sind wir Außenseiter und der THW der Favorit. Das kann man überhaupt nicht in Frage stellen. Aber wir haben am Wochenende bei den Löwen ein gutes Spiel gemacht und waren lange Zeit die bessere Mannschaft. Wir haben gesehen, dass es geht. Und die Kieler haben sich zuletzt einige Male schwer getan, siehe Hannover und Stuttgart – aber auch die Löwen in der Champions League verputzt. 

Aber Domagoj Duvnjak ist...

Stop! Ich möchte diese Woche nix hören, von wegen, dass der Spieler verletzt ist und dass der Spieler angeschlagen ist. Am Sonnabend werden alle Kieler, die ansatzweise spielen können, auf der Platte stehen. Nachdem der Meisterschaftszug ohne den THW abgefahren ist und in der Champions League mit Barcelona ein ganz schwerer Viertelfinal-Brocken wartet, ist der Pokal der vermeintlich am leichtesten zu erringende Titel für den THW. 

Am Ende entscheidet aber sicherlich die Tagesform...

Ja, klar. Alle drei großen Teams haben große Anstrengungen durch die Champions League hinter sich. Die Frage lautet nun: Wer kann diese Strapazen am besten wegstecken? Das Programm ist brutal, was der THW, die SG und die Löwen dort abreißen müssen. Das kann eigentlich kein normaler Mensch durchstehen. Deswegen geht es jetzt beim Final Four und auch im Bundesliga-Endspurt darum, wer am stärksten auf die Zähne beißen und wer noch mal das Beste aus sich herausholen kann.

Es könnte gut sein, dass sich im Finale am Sonntag zwei Teams aus Schleswig-Holstein gegenüberstehen. Wenn ja, wer gewinnt? Das Flensburger Kollektiv oder die Kieler Individual-Power?

Nach dem bisherigen Saisonverlauf würde ich sagen: die SG. Aufgrund ihrer mannschaftlichen Geschlossenheit und aufgrund der Tatsache, dass diese Mannschaft seit Jahren zusammenspielt und gewachsen ist. Die Spieler kennen sich aus dem Effeff. Sie wissen, worum es geht.

Aber der THW ist der THW...

Richtig. Der Achtelfinal-Sieg in der Champions League bei den Löwen hat gezeigt: Die Kieler können sich auf den Punkt konzentrieren und dann das Maximale abrufen. Ihr Kader ist immer noch Weltklasse, hat eine hohe Qualität. Von daher lasse ich das nicht immer gelten, von einem Jahr des Umbruchs und der Neuorientierung zu sprechen. Der THW ist immer noch einer der erfolgreichsten, mächtigsten und besten Handball-Clubs der Welt.

Ein Wort von Ihnen noch zur Entscheidung der SG, Maik Machulla im Sommer zum Cheftrainer zu befördern.

Ich finde den Schritt mutig – und sehr gut. Maik kennt das System und die Mannschaft bestens. Warum sollte man so jemandem nicht einmal die Chance  geben? Warum guckt man immer auf den großen internationalen Markt, wenn die Lösung vielleicht im eigenen Haus zu finden ist. Für mich ist das die viel sympathischere Variante als jetzt auf die vermeintliche Nummer sicher zu gehen, indem man einen Startrainer holt. Ich glaube, die SG hat einen Plan, das sieht man auch an den Spielerverpflichtungen für nächste Saison. Und Maik ist jemand, der den SG-Geist sehr verinnerlicht hat und der viel von Ljubomir Vranjes gelernt hat. Er verdient die Chance.

Sie sprachen die Belastungen der Spieler, besonders durch die Champions League, bereits an: Was halten Sie vom Modus in der Königsklasse?

Mir gefällt der Modus überhaupt nicht. Viel zu viele Spiele. Ich bin ein Freund der alten Zeit. Ich weiß gar nicht, warum der Zweite oder sogar der Dritte einer nationalen Liga in diesem Wettbewerb mitspielen darf. Früher hieß es Pokal der Landesmeister. Das fand ich gut. Wenn nur noch die Meister starten dürften, würde es auch den wenig attraktiven EHF-Cup aufwerten. Die Champions League überragt alles. Aber am Ende geht es um finanzielle Interessen.

Vergleichen wir mal die beiden Endrunden-Turniere in Hamburg (Pokal) und Köln (Champions League). Welches gefällt Ihnen besser?

Dadurch, dass ich aus beruflicher Sicht dort stark eingebunden bin, bin ich ein großer Fan des Hamburger Final Four. In Köln ist vieles anders. Das Turnier hat einen wahnsinnig hohen Standard, was etwa die Technik betrifft. Die Show ist gigantisch. Das Manko dort: Bei manchen Mannschaften, wie etwa den Topclubs Paris oder Barcelona, lässt die Fan-Flut zu wünschen übrig. In Hamburg hingegen bringen alle Teams ungefähr gleich viele Anhänger mit, da kann man von einem riesigen Handballfest sprechen.  Es ist ein Final Four im ursprünglichen Sinne: vier Teams, vier Fangruppen, die Ränge in vier Farben unterteilt – einfach faszinierend.

Vermissen Sie den Handball-Standort Hamburg?

Ganz ehrlich: Ja! Was der HSV geleistet hat, das war beachtlich. Er hatte ein echtes Standing im Welthandball. Der Standort fehlt. Der Club aus dieser Großstadt hat dem Handball eine ganz andere mediale Aufmerksamkeit verschafft. Ich hoffe, dass Hamburg der sportliche Sprung zurück in die 1. Liga gelingt – mit einer seriösen Wirtschaftlichkeit.

Sind Sie ein Freund oder Feind der neuen Regeln, die seit dieser Saison gelten?

Letzteres. Ich weiß nicht, wo der Mehrwert liegt. Positiv ist, dass es nicht mehr so viele endlose Behandlungspausen gibt. Weil die Physios sich lange überlegen, ob sie zwecks Behandlung auf das Spielfeld laufen, was ein Aussetzen von drei Angriffen für den behandelten Spieler zur Folge hat. Die Blaue Karte habe ich so gut wie nie gesehen. Was ich vom siebten Feldspieler halte, ist bekannt.

Was denn?

Ich glaube nicht, dass diese Regel die Attraktivität unserer Sportart steigert. Ich bin Traditionalist, ich mag klare Strukturen – sechs Feldspieler gegen sechs Feldspieler. Zwei Minuten sind heutzutage keine große Bestrafung mehr, zumindest was den Angriff betrifft. Und Sieben gegen Sechs hat nicht mehr viel mit dem Handball im eigentlichen Sinne zu tun. Das ist ja nur noch Überzahlspiel. Und das Schlimmste: Ich kann diesen langen Wurf ins leere Tor nicht mehr sehen. Das ist so erniedrigend, so desillusionierend für mich als Zuschauer.

Der Spielplan am Wochenende

1. Halbfinale:

SC DHfK Leipzig – THW Kiel (Sonnabend, 14.30 Uhr)

2. Halbfinale:

SG Flensburg – R.-N. Löwen (Sonnabend, 17.30 Uhr)

 

Amateur-Finale:

TuS Spenge – B. Blankenburg (Sonntag,  11.15 Uhr)

 

DHB-Pokal-Finale

(Sonntag, 14.30 Uhr)

 
Pokalsieger der letzten Jahre

2005 SG Flensburg-Handewitt

2006 HSV Hamburg

2007 THW Kiel

2008 THW Kiel

2009 THW Kiel

2010 HSV Hamburg

2011 THW Kiel

2012 THW Kiel

2013 THW Kiel

2014 Füchse  Berlin

2015 SG Flensburg-Handewitt

2016 SC Magdeburg

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erstellt am 06.Apr.2017 | 14:43 Uhr

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