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Interview vor Handball-Pokalfinale : Stefan Kretzschmar: „Die SG weiß, wie man Pokalsieger wird“

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Handball-Ikone Stefan Kretzschmar über das Final Four in Hamburg, unterbezahlte Fußballer und seine Beziehung zu Schleswig-Holstein.

Flensburg | Es ist das Premiumprodukt des deutschen Handballs: An diesem Wochenende steigt in der seit Monaten ausverkauften Barclaycard-Arena in Hamburg das schon legendäre Final Four. Gesucht wird der Pokalsieger 2016. Über dieses Event sprach unser Redakteur Holger Petersen mit Stefan Kretzschmar (43), der auch neun Jahre nach dem Ende seiner aktiven Karriere immer noch zu den bekanntesten Gesichtern in der deutschen Handballszene zählt. Der 218-fache Nationalspieler wird das erste Halbfinale am Sonnabend zwischen der SG Flensburg-Handewitt und den Rhein-Neckar Löwen sowie das Finale am Sonntag (beide 15 Uhr) als TV-Experte für Sport1 begleiten. Die Spiele der SG gibt es in einem Liveticker von shz.de.

Herr Kretzschmar, die Pokal-Endrunde in Hamburg ruft. Zwei Festtage für alle Handballfans stehen auf dem Programm. Kribbelt es auch bei einem „alten Hasen“ wie Ihnen noch, wenn Sie an das Final Four denken?

Klar. Das Turnier in Hamburg ist die Mutter aller Final-Four-Turniere. Es ist auf Vereinsebene das großartigste Handballevent der Welt. Atmosphäre super, Halle super, Sport super. Es ist ein großes Familientreffen. Man sieht Freunde, Bekannte und ehemalige Gegenspieler aus ganz Deutschland und auch aus Teilen Europas. Das Event ist einfach top.

Der sensationelle Titelgewinn der deutschen Nationalmannschaft bei der EM in Polen liegt nun knapp drei Monate zurück. Spüren sie noch Handball-Euphorie? Hat sich seitdem etwas verändert?

Übrig geblieben ist das Image. Die Handballer werden wahrgenommen als eine Truppe, die eng beisammen steht, einen tollen Kampfgeist hat und nie aufgibt. Natürlich ist der Alltag nun langsam wieder eingekehrt, das Tagesgeschäft. Wir sollten keine Luftschlösser bauen und uns in irgendeiner Form mit dem Fußball vergleichen. Handball ist und bleibt eine Sportart mit regionaler Verankerung. In München kennen lange nicht so viele Menschen die SG Flensburg-Handewitt wie im Norden. Ich bin ganz froh, dass die Sommerspiele in Rio vor der Tür stehen und der Handball bei den deutschen Olympia-Fans etwas in den Fokus rückt.

Stellen Sie sich vor, Sie hätten 100 Euro zum Wetten auf den kommenden Pokalsieger. Auf welche Mannschaft würden Sie das Geld setzen?

Ganz schwierig. Ich würde die Wette splitten. Ein Drittel auf Flensburg, ein Drittel auf die Löwen, ein Drittel auf Magdeburg. Alle drei Teams haben aus meiner Sicht die gleiche Chance, den Titel zu holen. Die Löwen spielen derzeit konstant auf einem hohen Niveau, aber die Flensburger und Magdeburger bringen die lautesten und euphorischsten Fans der ganzen Liga mit nach Hamburg. Ein wichtiger Aspekt.

Das erste Halbfinale wird hier und da schon mal als vorweggenommenes Finale bezeichnet. Was spricht für die Löwen, was für Flensburg?

Die Löwen haben die beste Abwehr in Deutschland, das ist ein tolles Fundament. Dazu mit Gensheimer und Groetzki super Konter- und Außenspieler und mit Schmid den alles überragenden Mittelmann. Zudem hatten sie eine Woche Zeit, sich in Ruhe auf das Final Four vorzubereiten. Aber die SG mit ihrem äußerst kreativen Trainer lässt sich immer etwas Überraschendes einfallen. So wie im vergangenen Jahr, als sie diese unglaublich offensive Deckung aufs Parkett zauberte. So etwas Laufintensives habe ich noch nie erlebt. Aber: Wird die SG etwas Ähnliches in diesem Jahr mit dem Kielce-Spiel in den Knochen wieder hinbekommen? Ich denke nicht.

Also Vorteil Löwen?

Nein, die Partie ist völlig offen. Die SG ist eine sehr gefestigte Einheit und das Team in der Bundesliga, das am besten das Wort Mannschaft lebt und ausfüllt. Und: Die Flensburger wissen, wie man Pokalsieger wird, die Löwen nicht.

Themawechsel: Darmstadts Sandro Wagner hat jüngst für viel Wirbel gesorgt mit seiner Aussage, die Bundesliga-Fußballer seien unterbezahlt. Was sagt ein Handballer dazu?

Ich blicke nie neidvoll zu König Fußball.  Jeder hat selbst die Entscheidung getroffen, was er aus seinem Leben macht. Es gibt halt das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Durch die unglaublich hohen Einnahmen aus den TV-Rechten ist im Fußball unfassbar viel Kohle im Umlauf. Natürlich sollen die Spieler ein großes Stück vom Kuchen abbekommen, aber unterbezahlt? Naja...  Ich hätte mir gewünscht, dass Sandro Wagner seine Thesen etwas fundierter begründet.  Das war nicht der Fall. So geht mir seine Aussage viel zu weit. Wie willst du das etwa einer Krankenschwester erklären? Geht nicht. 

Apropos Berufswahl. Was macht ein Stefan Kretzschmar eigentlich alles?

In erster Linie bin ich TV-Experte bei Sport1. Daneben kümmere ich mich noch um meine Sponsoren. Spielerberater bin ich nicht mehr.

Und Sie sind Aufsichtsratsmitglied bei der DHfK Leipzig, dem starken Aufsteiger in der Handball-Bundesliga. Wer holt denn schneller einen nationalen Titel nach Leipzig? Die Fußballer von RB oder Ihre Handballer?

Das ist wohl eine ökonomische Frage. Geld spielt bei RB eine untergeordnete Rolle. Sie haben es einfach. Ich will es einmal so ausdrücken: Erfolg ist für RB unvermeidbar.

Wie sieht Ihre weitere Karriereplanung aus? Bundestrainer im Handball, Profi-Golfer, Manager eines NBA-Stars?

Es gibt keine Karriereplanung. Natürlich muss man die Augen offen halten nach neuen Dingen. Aber derzeit führe ich aus meiner Sicht das perfekte Leben. Ich lebe meinen Traum. Mir fällt nichts ein, was meine Lebensqualität spürbar verbessern würde. Bei vielen Sachen würde der Freiheitsverlust zu groß sein. Das will ich nicht.

Welche Beziehung haben Sie eigentlich zu Schleswig-Holstein?

Ich wäre ein paar Mal fast dort gelandet. 1993 hieß es für mich Gummersbach oder Flensburg. Ich habe mich für den VfL entschieden, was allerdings für die SG auch nicht schlecht war, denn wenig später tauchte dort ein gewisser Lars Christiansen auf Linksaußen auf. Und als ich 31 Jahre alt war, wollte mich Noka Serdarusic zum THW locken. Aber ich fühlte mich dafür schon zu alt. Und mehrfach hat mich Andreas Rudolph als Sportdirektor des HSV ködern wollen, auch wenn das nicht ganz Schleswig-Holstein ist (schmunzelt). Ansonsten ist mir der hohe Norden nicht in allerbester Erinnerung geblieben. In der Hölle Nord wurde ich zusammen mit Joel Abati in aller Regelmäßigkeit lautstark ausgepfiffen, und in der Ostseehalle bekam ich mit Magdeburg mal 54 Gegentore – Negativrekord in der Bundesliga – eingeschenkt. Also sind der Norden und ich keine besten Freunde geworden. Deshalb habe ich auch noch nie dort Urlaub gemacht (lacht).

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erstellt am 29.Apr.2016 | 12:24 Uhr

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