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Scheidender SG-Trainer : Ljubomir Vranjes: „Am Ende ist es Pfosten rein, Pfosten raus“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vranjes zieht im Interview Bilanz und spricht über knappe Entscheidungen, Personalien, Fehler und seinen Wechsel nach Ungarn.

Flensburg | Es ist ein emotionaler Abschied. Nach elf Jahren in Flensburg fallen Ljubomir Vranjes die letzten Tage vor dem Umzug nach Ungarn, wo er Telekom Veszprem und die Nationalmannschaft trainieren wird, nicht leicht. Im Gespräch mit unseren Redaktionsmitgliedern Hans-Werner Klünner und Jan Wrege zieht der 43 Jahre alte Schwede in ungewöhnlicher Offenheit eine Bilanz seiner Ära bei der SG Flensburg-Handewitt.

Was bleibt nach elf Jahren in Flensburg in Erinnerung, was nehmen Sie mit aus dieser Zeit?

Dass Vieles möglich ist – das nehme ich mit. Als ich die Mannschaft als Trainer übernommen habe, hatte man akzeptiert, dass die SG seit zwei Jahren kein Topverein mehr war. In der Zeit von Kent-Harry Andersson, Viggo Sigurdsson und Per Carlén ereigneten sich viele Dinge hinter den Kulissen, die nicht gut waren. Plötzlich stand ich da. Für mich ist nichts unmöglich. Wir haben immer um Titel gespielt. Die Mannschaft ist eine Erfolgsmaschine, aber es sind auch fantastische Menschen – das nehme ich mit.

Hatten Sie von Beginn an einen Masterplan im Kopf?

Ich habe Charaktere gesucht, die passen. Masterplan? Ich weiß nicht. Ich wollte eine Mischung mit skandinavischen und deutschen Spielern, dazu einige aus Balkanländern, um etwas Feuer ’reinzubringen. Es gab neue Regeln, oder besser Vereinbarungen: Wie man zum Training kommt, was man nach dem Training macht, was man am Wochenende tut. Ich habe die Professionalität erhöht. Ich habe gesagt, wir wollen Nummer eins werden. Nicht Champions-League-Plätze, sondern Nummer eins. Die Mannschaften waren dann gut genug, um um Titel mitzuspielen, aber nicht auf dem Niveau, dass man damit sicher mit Titeln rechnen konnte.

Außer in den letzten beiden Jahren. 2015 wurden namhafte Spieler geholt...

Jetzt kann ich etwas deutlicher werden: Rasmus Lauge wollte Kiel nicht mehr haben. Kentin Mahé saß in Hamburg oft auf der Bank, Henrik Toft Hansen oft hinter der Bank, Petar Djordjic war lange verletzt. Wir haben verpflichtet, was wir konnten. Vielleicht hätte ich einen Duvnjak haben wollen, aber das war nicht drin. Wenn man einen Masterplan nennen will, dann ist es Kontinuität. Spieler, die Charakter, Willen und Herz für den Verein haben, solange wie möglich behalten.

Welche Eindrücke hinterlässt diese Saison, in der in den vergangenen acht Wochen alle Titelchancen verspielt wurden?

Nach dem Spiel gegen die Rhein-Neckar Löwen war ich sehr sehr enttäuscht. Gegen Vardar Skopje hatten wir keine Chance. Die waren zu gut. Wir hatten in dieser Phase Torwartleistungen, die nicht auf dem Niveau waren, um Titel zu gewinnen. Ich werde noch lange enttäuscht sein. Trotzdem darf man nicht vergessen, woher wir kommen. Ein zweiter Platz und sieben Jahre hintereinander im Final Four sind nicht selbstverständlich. Wir haben 17 Medaillenplätze belegt in den sechseinhalb Jahren, in denen ich Trainer bin. Dabei waren vier Titel. In diesem Jahr ist es bei dem Verletzungspech, das wir seit Januar hatten – nicht alles ist öffentlich bekannt – ein Hammer, was wir trotzdem geleistet haben. Ich bin unheimlich stolz auf meine Jungs.

Wie schwer wird da der Abschied?

Ich habe mich schon am Donnerstag von der Mannschaft verabschiedet, weil ich wusste, dass ich es beim letzten Spiel nicht schaffen würde – zu emotional. Ich habe Fotos aus den letzten Jahren vorbereitet, die zeigen, was wir alles tun, um in diesen 60 Minuten zu gewinnen. Da sind nicht nur lachende Gesichter. Sie liegen im Bus, sitzen auf dem Flughafen, kommen um fünf Uhr morgens zurück. Die Bilder erzählen so viel, es ist schwer, beim Betrachten nicht zu weinen. Das sind nicht nur Spieler, das sind meine Freunde.

Haben sie schon gegrübelt, was Sie im Spiel gegen die Löwen anders hätten machen können?

Ich überlege jedes Mal – egal ob gewonnen oder verloren –, was ich falsch gemacht habe. Aber es gibt Grenzen. Wenn wir zum Torwurf kommen, und der Ball geht ans Bein des Torhüters, dann kann ich nichts mehr machen. Keiner ist selbstkritischer als ich. Ich arbeite 13, 14 Stunden am Tag, um keine Fehler zu machen. Aber dann gibt es die Impulsentscheidungen im Spiel: Wann Time-Out, wann Spielerwechsel? Dafür muss man ein Gefühl haben, aber auch vieles bedenken: Was ist im Training passiert, was am Tag vor dem Spiel oder in der Nacht davor. Publikum und Journalisten sehen nur die 60 Minuten und fragen, warum ein Spieler auf der Bank bleibt? Weil er Fieber hatte, eine gebrochene Hand, einen kaputten Fuß, eine schlaflose Nacht oder er hat eine Woche schlecht trainiert. Natürlich habe ich seit 2010 Fehler gemacht – aber nicht viele.

Viele haben die Entscheidungen auf der Torhüterposition nicht verstanden.

Einmal ist der eine gut, einmal der andere. Dann hast du zwei, drei Spiele und beide sind schlecht. Soll ich dann ständig hin- und herwechseln? Oder einem Torhüter das Vertrauen geben?

Hätten Sie im Pokalfinale gegen Kiel nicht vielleicht doch mit Kevin Möller anfangen sollen?

Nein, dann hätte ich im Champions-League-Finale 2014 mit Sören Rasmussen anfangen müssen, der in den letzten 20 Minuten im Halbfinale gegen Barcelona großartig gehalten hat. Wenn man in die Statistik schaut, sieht man, dass Mattias Andersson eine fantastische Quote gegen Kiel hat. Ich entscheide nach Wissen. Wer alles wusste, hätte sofort Mattias ins Tor gestellt.

Ging trotzdem daneben...

Es war nicht sein Tag. Ich musste entscheiden, wann der richtige Zeitpunkt zum Wechsel ist. Wenn er nach zehn Minuten keine einzige Parade hat, geht es schnell. Es ist nicht so, dass wir auf der Bank nicht wissen, was wir tun sollen. Wir haben über jeden Wurf die Kontrolle: Musste er ihn halten oder nicht? Einige Würfe dürfen reingehen und einige nicht. Wenn es zu viele sind, die nicht reingehen dürfen, dann tauschen wir. So einfach ist das.

Der große Kader hat Ihnen viele Möglichkeiten gegeben. Gab es Probleme bei der Steuerung mit Blick auf die Spieler, die wenig Einsatzzeit bekommen haben?

Ich habe das unterschätzt. Ich habe gedacht, dass Spieler, die nicht die große Rolle in der Mannschaft haben, es besser akzeptieren. Vier Spieler hinter der Bank zu haben, ist nicht optimal. Ich habe viel gekämpft nebenbei. Es ist gut, einen breiten Kader zu haben, aber vielleicht waren da zu viele Stars.

Allerdings kein Weltstar...

Einen Weltspieler haben wir nicht bei der SG und werden wir nie haben. So einer kostet 40.000 Euro netto im Monat.

Man hat Andy Schmid oder Domagoj Duvnjak vor Augen, Typen, die alles an sich reißen, wenn sonst nichts geht. Hätte sich so einer nicht bei der SG entwickeln können? Haben Sie zu viel rotiert im Rückraum?

Der Einzige, der es hier individuell machen kann, ist Kentin Mahé. Und Rasmus Lauge ab und zu. Warum kaufen Top-Vereine solche Typen wie Nikola Karabatic oder Mikkel Hansen? Weil sie es am Ende entscheiden. In unserem Rückraum waren die vielen Wechsel notwendig. Jetzt kann ich es ja sagen: Einige Spieler sind fast tot nach ein paar Spielen. Sie schaffen es nicht mehr, die Rotation muss sein. Die Belastung durch Bundesliga, Champions League und Pokal, dazu die Nationalmannschaft – das ist der Hammer. Sie brauchen Pausen.

Die Löwen sind mit zehn Spielern durchgekommen.

Sogar mit acht. Aber sie haben auch jedes Mal die Champions League verkackt. Ich will die Champions League gewinnen. Das ist das Größte, was man erreichen kann. Das wollen die Spieler auch.

Hätte man nicht für ein Jahr sagen können: Wir vergessen die Champions League, wir legen alles in die Meisterschaft?

Was glaubt ihr, was die Fans dann sagen? Dann kriege ich auch Kritik. Es ist egal, wie wir es machen. Die Champions League war in den vergangenen Jahren sehr wichtig für die Entwicklung der Mannschaft. Es gab die Möglichkeit, Spieler so einzusetzen, wie ich es in der Bundesliga nicht konnte. Ich bin sehr stolz darauf, wie sich hier Spieler entwickelt haben. Es gibt mehr als Titel.

Eine Frage zum siebten Feldspieler, eine Regel, die Sie bekanntlich nicht mögen: Hätten Sie sich da offener zeigen müssen?

Vielleicht. Mein Problem war in dieser Saison die linke Abwehrseite, am Ende auch noch die andere, als ich dort ohne Glandorf und Jakobsson keine Abwehrspieler mehr hatte. Wenn ich dann mit Sieben gegen Sechs hätte spielen wollen, hätte ich drei Spieler zwischen Abwehr und Angriff wechseln müssen – das ist fatal bei Gegnern, die stark im Gegenstoß sind. Keine Frage: Die Löwen haben sich gegen uns mit Sieben gegen Sechs gerettet. Wenn es die Regel nicht geben würden, hätten wir einige Spiele mehr gewonnen.

Werden Sie in Zukunft etwas anders machen nach der Erfahrung aus elf Jahren Flensburg?

Es gibt ja keinen Tag, an dem man nicht etwas lernt. Im Spiel, bei der Vorbereitung und der Taktik bin ich gut. Aber es gibt andere Sachen. Den Druck, den ich mir selbst mache, übe ich ab und zu auch auf die Mannschaft aus. Ich habe gelernt, dass die Menschen sehr unterschiedlich mit Druck umgehen. Darauf werde ich noch mehr achten.

Bei den Time-Outs sah man immer die Taktiktafel. Hat nicht manchmal die lautere Ansage gefehlt, sich zusammenzureißen?

So ein Quatsch. Das ist die deutsche Schule. Schreien bringt selten etwas, meistens geht es fünf Schritte zurück. Bei den Spielern geht es da rein und dort raus. Ich nehme Time-Out, wenn meine Spieler vor einer Wand stehen und nicht durchkommen. Dann sage ich ihnen ein, zwei Lösungen. Ich führe Statistik über meine Time-Outs: Nach acht von zehn gibt es ein Tor. Warum soll ich etwas ändern? Nimm das Spiel gegen die Löwen. Nach dem Time-Out kommt Jakobsson im Kempa frei zum Wurf, danach kriegt Svan sechs Meter Lücke – aber beide Male hält der Torwart. Am Ende musst du Glück haben: Geht der Ball vom Pfosten rein oder vom Pfosten raus? Bekommst du die entscheidende Parade, die richtige Schiedsrichter-Entscheidung? Wirft Mahé den Ball ins leere Tor, wirst du vielleicht deutscher Meister. So eng ist das. Im Final  4 der Champions League gerade werden drei Spiele mit einem Tor entschieden – das ist Pfosten rein, Pfosten raus.

Ist das Kapitel Flensburg endgültig abgeschlossen, oder sind Sie jemand, der niemals nie sagt?

Ich sage niemals nie. Aber es gibt ja auch Gründe, warum ich wechsele. Man redet viel über Belastung, darüber, dass ich einen Supervertrag und eine Supermannschaft bekomme – alles das stimmt. Ich werde in Ungarn mehr Zeit für mich haben und weniger mentale Belastung. Aber es gibt auch Gründe – von Anfang an –, warum man sich trennt. Man redet nur über mich. Aber die SG Flensburg-Handewitt hat eine Rekordablöse bekommen – für einen Trainer. Dazu muss man als SG stehen: Wir haben diese Entscheidung getroffen, nicht nur Ljubo.

Eine letzte Frage: Wo spielt Kentin Mahé nächste Saison?

In Flensburg.

Ganz sicher?

Ja. Außer Flensburg entscheidet etwas anderes. Ich habe damit nichts zu tun. Manchmal will man vorzeitig einen Bruch machen, wenn ein Spieler schon einen Vertrag woanders hat. Aber das entscheidet allein die SG. Eine Ablöse wird nicht bezahlt – so viel kann ich sagen.

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erstellt am 12.Jun.2017 | 12:01 Uhr

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