Handball WM 2015 : Porträt: Feuertaufe für Trainer Dagur Sigurdsson

Er soll die deutschen Handballer zurück in die Weltspitze führen. Was ihn von seinen Vorgängern unterscheidet.

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15. Januar 2015, 10:22 Uhr

Doha | Pokalheld, Perfektionist, Handball-Professor: Der Isländer Dagur Sigurdsson soll das trudelnde Flaggschiff des Deutschen Handballbundes (DHB) bei der Weltmeisterschaft in Katar zurück in die Weltspitze führen. In der Szene genießt der 41-Jährige einen ausgezeichneten Ruf, er gilt als gewiefter Taktiker – und als kompletter Gegenentwurf zu seinem Vorgänger Martin Heuberger. „So sehr ich Martin Heuberger auch schätze: Die Mannschaft hat unter Dagur einen neuen Geist bekommen“, lobte Verbandspräsident Bernhard Bauer nach der vielversprechenden WM-Vorbereitung. Seit dem 1. September ist Sigurdsson im Amt und gewann sechs seiner acht Partien (ein Remis) – die Formkurve der deutschen Mannschaft zeigte zuletzt deutlich nach oben.

Sigurdsson ist anders als seine Vorgänger, er beschreitet in der Turnier-Vorbereitung schon mal neue Wege. Bei den Testspielen zu Jahresbeginn in seinem Heimatland hatte er seine Spieler in einem einfachen Hostel untergebracht. Gemeinschaftsküche und Mehrbettzimmer in einer alten Keksfabrik statt Luxusleben im Prunkhotel – das Herbergswesen schweißte die Spieler offenbar zusammen. „Die Island-Reise hat uns da sehr gut getan“, sagte Kapitän Uwe Gensheimer.

Der Teamgeist ist hervorragend. Sigurdssons größter Trumpf auf seiner kniffligen Mission könnte aber seine innere Ruhe werden. Mit isländischer Akribie und Gelassenheit bastelt der 215-malige Nationalspieler, der in seiner Jugend auch einige Nachwuchs-Länderspiele im Fußball bestritten hat, an einem zukunftsfähigen Team, das spätestens bei der Heim-WM 2019 und den Olympischen Spielen 2020 um Gold spielen soll. Seine unaufgeregte Art kommt bei den Spielern an. „Man sieht, dass er sehr genau und sehr präzise arbeitet. Er gibt uns eine gewisse Ruhe, auch in brenzligen Situationen“, sagte Linkshänder Steffen Weinhold (THW Kiel): „Allein mit seiner Ausstrahlung gibt er uns eine gewisse Sicherheit.“

Seine ganze Klasse bewies Sigurdsson in den vergangenen Jahren bei den Füchsen Berlin, für die er noch bis Saisonende in Doppelfunktion tätig ist. Er formte die Füchse seit 2009 zu einem europäischen Spitzenclub, erreichte mit diesem 2012 das Final Four in der Champions League und führte ihn in der vergangenen Saison zum Pokalsieg, dem ersten Titel der Vereinsgeschichte – nur sieben Jahre nach dem Bundesliga-Aufstieg. „Dagur legt viel Wert auf Disziplin und Emotionalität“, sagt der erst 19 Jahre alte Youngster Paul Drux, der in Berlin unter Sigurdsson seinen Durchbruch schaffte und inzwischen als neuer Hoffnungsträger des deutschen Handballs gilt.

Bei den Spielern genießt Sigurdsson auch deshalb einen ausgezeichneten Ruf, weil er sie nach schlechteren Spielen nicht öffentlich kritisiert und sich stets vor die Mannschaft stellt. In Auszeiten macht er klare, kurze Ansagen, anstatt sich wie manch anderer Trainerkollege lautstark selbst zu produzieren. „Dagur ist im Reden ein Minimalist. Aber das, was er sagt, hat Hand und Fuß. Er hat einen klaren Plan“, sagte DHB-Präsident Bauer: „Ich bin beeindruckt von seiner Persönlichkeit und der Art und Weise, wie er mit der Mannschaft umgeht.“ Sigurdsson habe ein „sehr gutes Händchen für die richtige Mischung, das Gefüge der Mannschaft.“

Auch in Sachen Erfahrung auf internationalem Terrain braucht sich der Familienvater, der etliche Sprachen spricht und als Ausgleich zum Sport gerne Gitarre spielt, nicht zu verstecken: Schon zu Beginn seiner Zeit in Berlin übte er als österreichischer Nationaltrainer von 2008 bis 2010 eine Doppelfunktion aus und führte das Nachbarland bei der EM 2010 in die Hauptrunde. Doch bei all der Ruhe, die Sigurdsson auf den ersten Blick ausstrahlt – er kann auch anders. Wenn es auf dem Feld mal nicht nach seinem Geschmack läuft, gleicht er eher einem isländischen Vulkan kurz vor dem Ausbruch. Dann tigert er die Seitenlinie auf und ab, rauft sich die Haare und legt sich mit den Schiedsrichtern an. Sigurdsson hasst nichts mehr als zu verlieren.

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