Sg Flensburg gewinnt DHB-Pokal : Nie, niemals wieder fahre ich zum Final Four!

Eindrucksvolle Choreografie: Flensburger Fans halten Plakate mit den Konterfeis der SG-Spieler und der Trainer hoch.
Eindrucksvolle Choreografie: Flensburger Fans halten Plakate mit den Konterfeis der SG-Spieler und der Trainer hoch.

Fluchen, weinen, trauern – und jubeln: Wie ein langjähriger Fan mit der SG Flensburg-Handewitt leidet.

shz.de von
12. Mai 2015, 09:48 Uhr

Flensburg/Hamburg | Wer glaubt, man könne so locker nebenbei Fan der SG Flensburg-Handewitt sein, der irrt. Unbedingte Voraussetzung ist eine gespaltene Persönlichkeit: Man benötigt eine nicht zu kleine Portion Masochismus, gepaart mit dem tiefen Glauben, dass irgendwann doch der Tag kommt, an dem es mal wieder klappt. Wer schon in der Wikinghalle mit der SG um den Aufstieg in die erste Liga gebangt hat, weiß, wovon ich rede.

Gefühlt ist keine andere Mannschaft der Welt so oft Zweiter geworden, gefühlt hat keine andere Mannschaft der Welt so oft entscheidende Spiele im Griff gehabt – um am Ende dann doch zu fluchen, zu weinen, zu trauern. Legendäre Niederlagen – die Liste ist verdammt lang. Kann sich noch jemand an 2005 erinnern? Sekunden-Tod im Viertelfinale der Champions League gegen Montpellier HB, damals mit einem talentierten jungen Mann: Nikola Karabatic. 14 Tore – in Worten vierzehn – mussten wir aufholen. Das geht einfach nicht!

30 Sekunden vor Schluss hatten wir's geschafft und hatten sogar den Ball. Alles war geritzt. Denkste! Ein (natürlich völlig zu Unrecht gepfiffenes) Stürmerfoul gegen Christian Berge brachte die Franzosen noch einmal in Ballbesitz. Noch zehn Sekunden, noch fünf – der Linksaußen geht durch, wird nur ein ganz klein wenig gestört, weil „Traktor“ Boldsen plötzlich mitten im Kreis vor ihm auftaucht – und die Schiedsrichter machten uns ein Geschenk: statt Siebenmeter gibt es Neunmeter. Eigentlich war es ebenso unmöglich diesen Freiwurf zu verwandeln, wie 14 Tore aufzuholen. Doch Grégory Anquetil hat es geschafft. Zack, an der Mauer vorbei und Jan Holpert durch die Hosenträger! Unfassbar.

Eine Ewigkeit habe ich erstarrt auf der Tribüne gesessen, zu keiner Reaktion fähig. Meine Tochter weinte. Und doch pilgern wir immer wieder zur SG. Masochismus und tiefer Glaube. Naja, das Siebenmeter-Drama in Köln gegen Barcelona war dann natürlich eine mehr als angemessene Entschädigung für den Sekunden-Tod. Und Karabatic darf man wohl inzwischen zu Recht als Wettbetrüger beschimpfen.

Nur zu diesem elendigen Final Four in Hamburg – da wollten wir einfach nicht mehr hin. Seit mehr als einer Dekade sind wir mit einer Alte-Handball-Kumpel-Truppe Stammgast in Hamburg – und ertrugen tapfer die letzten drei Final-Schlappen gegen Kiel. Aber nach dem grottigen Debakel gegen die Füchse im vergangenen Jahr war Schluss: Auf der Rückfahrt, A7, Höhe Neumünster, haben wir einen heiligen Eid geleistet: Nie, niemals wieder fahren wir zu einem Final Four, wenn die SG dabei ist! Ganz ernsthaft. Sooo groß ist der Hang zum Masochismus dann doch nicht.

Am ersten Weihnachtstag haben wir die Karten bestellt. In der bangen Hoffnung, die SG überlebt das Viertelfinale in Gummersbach. Jo! Hat sie dann ja auch. Hatte irgendjemand etwa Bedenken? Nö, das Hotel in Hamburg war schon gebucht. Tiefer Glaube halt.

Und dann die Rhein-Neckar-Blöden. War doch irgendwie klar, dass die ihrem Spitznamen gerecht werden. Die können wir, zumindest in Hamburg. Ljubo wird schon was einfallen. Okay, hat zwar bis zwei Sekunden vor Schluss gedauert - aber Jims Rakete kam ja gerade noch rechtzeitig.

Und das Siebenmeter-Werfen? Keine Panik, können wir auch, frag mal Barcelona! Wer ist Weber? Wir haben Hampus! Hatte irgendjemand Bedenken?

Ich freu mich schon aufs nächste Jahr!

* 1978 scheiterte die SG als Regionalligist im Halbfinale des DHB-Pokals sauknapp mit 13:16 gegen den großen VfL Gummersbach. Da waren viele der Jungs und Mädels auf der jetzigen Nordtribühne noch gar nicht auf der Welt. Uns trennt fast ein ganzes Handball-Leben – doch eines haben wir gemeinsam: Einmal Flensburg! Immer Flensburg!

* P.S.: Gegen wen spielen wir eigentlich am Wochenende? Die werden doch wohl nicht den dritten Platz noch vergeigen – oder  .  .  .?

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