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Handball : Krise als Chance: Ein deutscher Keeper in Spanien

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Felix Schmidl hat einen anderen Weg gewählt. Während viele Handball-Profis Spanien vor dieser Saison verlassen haben, hat sich der Ex-Keeper des Zweitligisten TV Bittenfeld für einen Wechsel in die Liga Asobal entschieden.

shz.de von
erstellt am 16.Okt.2013 | 09:53 Uhr

Der 24-Jährige ignorierte die Warnungen aus seinem Umfeld und das Wissen über die finanziellen Schwierigkeiten, in denen viele Clubs der Liga stecken. «Vor meinem Entschluss habe ich mir sehr oft das Wort Krise anhören müssen, aber nach über zwei Monaten hier bereue ich den Wechsel nicht», sagt er. «Zumal es auch sportlich überragend läuft.» Schmidl ist der einzige deutsche Profi-Handballer im Land des aktuellen Weltmeisters.

Dort macht sich die finanzielle Krise auch im Sport bemerkbar. «Nach dem Zusammenbruch von Atlético Madrid spielt der FC Barcelona in der Liga praktisch ohne Konkurrenz», erzählt Gedeon Guardiola. Der spanische Nationalspieler kehrte der heimischen Liga den Rücken und trägt seit der vergangenen Saison in der Bundesliga das Trikot der Rhein-Neckar Löwen. Auch zur HSG Wetzlar flüchteten drei Profis aus der Insolvenzmasse von Atlético, darunter Ex-Welthandballer Ivano Balic aus Kroatien und Spaniens Keeper-Legende Jose Hombrados.

Dennoch hofft Weltmeister Guardiola, dass seine Sportart von der Krise profitieren kann: «Die finanziellen Probleme sind auch eine Chance. Viele Vereine sind gezwungen auf billigere Nachwuchskräfte zu setzen. Das kann in ein paar Jahren ein Plus für den spanischen Handball sein.»

Schmidl hat genau diese Chance erkannt. «Vor drei Jahren hätten sie mich nicht geholt, sondern vielleicht einen erfahrenen teueren Kroaten. Das ist jetzt nicht mehr möglich», sagt der Torhüter. Natürlich habe er sich über Cangas informiert. Rückmeldungen und Gespräche seien positiv ausgefallen. «Die haben zwar nicht viel Geld, aber sind sehr herzlich. Das Gesamtpaket stimmt. Ich hatte auch mit Granollers geredet, aber die waren vergangenes Jahr schon klamm. Das war mir zu heiß.»

Sein Risiko sei gering. «Ich habe keinen Knebelvertrag. Wenn was schief läuft, sitze ich schnell im Flugzeug. Außerdem zahlt der Verein Wohnung, Auto und Essen.» Schmidl hat tatsächlich in seinem Vertrag fixiert, dass er zweimal pro Tag in einem Restaurant einkehren kann - drei Gänge. «Das ist hier üblich und gar nicht dumm. Ich ernähre mich besser. Salat, Fisch und Gemüse würde ich mir selbst nicht kochen.» Ein «Viertele Wein» dürfe beim Mittagessen nicht fehlen. Das gehöre dazu. Auch vor einem Auswärtsspiel säßen die Spieler abends im Hotel zusammen und würden ein Gläschen trinken. «Das kannte ich so nicht. Aber nicht falsch verstehen: Wir arbeiten nicht weniger professionell als in Deutschland.»

Der Schwabe hütet das Tor von Frigoríficos Morrazo aus Cangas. Ein 20000-Einwohner-Städtchen direkt am Meer. Aus seinem Fenster blickt er auf den Strand. In einer Minute ist er dort. Der Verein hatte Höhen und Tiefen zwischen Europapokalteilnahme und Abstieg. Seit drei Jahren sind die Galizier zurück im Oberhaus, mehr als Abstiegskampf war bisher aber nicht drin. Dann kam Schmidl. In den ersten sechs Partien holte der Club neun Punkte und steht überraschend auf Rang vier. Die Zeitung «La Voz de la Galicia» beschrieb den Keeper als «das deutsche Wunder».

In den ersten Duellen hielt Schmidl zwischen 40 und 50 Prozent aller Würfe, die auf sein Tor kamen. «Ich habe nicht damit gerechnet, dass es so gut läuft. Die spanische Liga ist die zweitbeste nach der Bundesliga, daher war es für mich ein großer Schritt. Es war nicht damit zu rechnen, dass ich hier gleich ein so wichtiger Spieler werde», sagt der Keeper, dessen vergangenes Jahr in Deutschland «ein Seuchenjahr» gewesen sei. Nach einer längeren Verletzungspause half er per Doppelspielrecht beim Drittligisten TV Neuhausen/Filder aus. Am Ende stand der Abstieg - und Schmidl war ohne Vertrag. Das Angebot aus Spanien kam gerade recht - offensichtlich für beide Seiten.

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