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Fragen und Antworten zum Lizenz-Entzug : HSV Handball: Entscheidung über Spielbetrieb offen, drohende Klagen

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Anfang nächster Woche soll die entgültige Entscheidung fallen: Spielt der HSV die Saison zu Ende oder nicht? Die Handball-Bundesliga und mehrere Vereine erwägen unterdessen eine Klage.

shz.de von
erstellt am 21.Jan.2016 | 13:09 Uhr

Hamburg | Nach dem Entzug der Spiellizenz entscheidet der insolvente Handball-Bundesligist HSV Hamburg in den nächsten Tagen über den Spielbetrieb in der Bundesliga bis zum Saisonende. Anfang nächster Woche will Insolvenzverwalter Gideon Böhm mitteilen, ob der HSV die verbleibenden 14 Spiele in der Rückrunde mit einer neu formierten Mannschaft fortsetzt oder den Spielbetrieb einstellt. Das teilte sein Büro am Donnerstag mit.

Das Hoffen war vergebens. Was sich bereits andeutete ist nun Gewissheit. Die HSV-Handballer bekommen keine Lizenz mehr für die erste Liga. Die ersten Spieler haben bereits neue Vereine gefunden.

In den nächsten Tagen sollen Gespräche mit Spielern und Mitarbeitern geführt werden. Die Profis und Mitarbeiter in der Geschäftsstelle sind seit Freitag vergangener Woche freigestellt. Einige Profis wechselten bereits zu neuen Vereinen, andere wären für ein neues Team verfügbar. Laut Statuten des Liga-Verbandes HBL darf ein Verein, dem die Lizenz in der laufenden Saison aberkannt worden ist, das Spieljahr regulär beenden.

Derweil erwägt die Handball-Bundesliga eine Klage gegen den insolventen Bundesligisten wegen der Täuschung bei der Lizenzierung. „Es ist meine Pflicht zu prüfen, ob wir unsere Rechte durchsetzen können“, sagte HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann am Donnerstag. „Das ist kompliziert: Wie wollen wir den Schaden an unserer Marke feststellen und beziffern?“. Bei einer Klage muss der mögliche Schaden angegeben werden.

Bohmann sieht in einem Rückzug des HSV Hamburg „rein sportlich die gerechtere Lösung“. In dem Fall müssten alle absolvierten Spiele des HSV mit null Punkten und 0:0 Toren gewertet werden. Eine Fortsetzung der Rückrunde mit veränderter, schwächerer Mannschaft ist aber möglich. „Mann kann es drehen und wenden, wie man will: Wettbewerbsverzerrung ist es in jedem Fall. Die Sache hat nur Verlierer“, sagte der Geschäftsführer.

Torwart Johannes Bitter hat den insolventen Bundesligisten „sehr traurig“ verlassen. „Ich wollte dort meine Karriere beenden. Wir hatten einen wunderbaren Stamm von Leuten, mit denen ich sehr eng befreundet bin. Das war meine handballerische Heimat“, sagte der 33 Jahre alte Weltmeister von 2007 anlässlich der Vorstellung bei seinem neuen Arbeitgeber TVB Stuttgart. Zudem sei er enttäuscht, da die Spieler viel dafür getan hätten, damit es in der nächsten Saison weiter geht. „Wir wollten dann etwas hinstellen, das auch langfristig funktioniert hätte“, sagte Bitter am Donnerstag.

Er hatte seit 2007 bei den Hanseaten gespielt. Es habe ihn vergangene Woche überrascht, dass „das Kartenhaus im letzten Moment zusammengebrochen ist“. Der ehemalige Nationalspieler gewann mit dem HSV 2011 die deutsche Meisterschaft und zwei Jahre später die Champions League. An die Aufgabe bei den abstiegsbedrohten Schwaben geht er aber dennoch mit Ehrgeiz: „Ich will sportlich etwas erreichen. Den Abstieg zu verhindern, ist hier vielleicht gleichzusetzen mit einer Meisterschaft“, sagte Bitter.

Ex-HSVer Bob Hanning sagte am Donnerstag, es tue ihm persönlich weh, dass der HSV vor dem endgültigen Aus steht. Dennoch hält er den Lizenzentzug für „eine konsequent richtige Entscheidung und nicht zu diskutieren“. Hanning, der von 2002 bis 2005 die Hanseaten trainiert hatte, glaubt, dass der Verein in der Vergangenheit nicht konsequent Nachwuchsarbeit betrieben zu haben. „Es schmerzt, dass man diese Chance nicht genutzt hat, und in den Jahren unter Martin Schwalb nur den sportlichen Erfolg aber nicht die Entwicklung von jungen Spielern gesehen hat“, sagte der 47-Jährige.

Fragen und Antworten zum Lizenz-Entzug:

Warum bedeutet der Entzug der Lizenz nicht das sofortige Aus des HSV in der Handball-Bundesliga?

Er wurde zwar die Spielberechtigung für die Laufende Saison entzogen. Doch der Liga-Verband HBL hat in seinen Statuten festgelegt, dass ein Verein die Saison beenden darf, um negative wirtschaftliche Folgen für die Konkurrenten durch ausfallende Spiele und Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden.

Wollen die Hamburger das überhaupt?

Das klärt Insolvenzverwalter Gideon Böhm in den nächsten Tagen. Er will mit verbliebenen Spielern und Mitarbeitern über die Zukunft sprechen. Ginge es weiter, müssten Sponsoren und eine preiswertere Spielstätte her. Danach wird er entscheiden, ob die Fortsetzung des Spielbetriebes sinnvoll ist.

Hat der HSV denn überhaupt eine Mannschaft, die die Saison beenden könnte?

Derzeit nicht. Einige Profis sind schon weg: Adrian Pfahl (Frisch Auf Göppingen), Jens Vortmann (SC DHfK Leipzig), Ilija Brozovic (THW Kiel), Johannes Bitter (TVB 1898 Stuttgart). Den dänischen Torjäger Hans Lindberg wollen die Füchse Berlin haben, Allan Damgaard will in seine dänische Heimat zu Bjerringbro-Silkeborg zurück, die Nationalspieler Casper Mortensen und Piotr Grabarczyk sind international begehrt. Wer bleibt, ist unklar. Alle sind freigestellt. Möglich wäre es, die gesamte U23-Mannschaft spielen zu lassen oder das Rest-Team mit einigen Nachwuchsakteuren aufzufüllen. Wahrscheinlich ist das aber nicht.

Bedeutet eine nicht konkurrenzfähige U23-Mannschaft in der Bundesliga nicht Wettbewerbsverzerrung?

In der Tat. Aber auch die Alternative, nämlich ein Rückzug und das Herausrechnen aller Hamburger Spiele wäre Wettbewerbsverzerrung. Die Teams DHfK Leipzig, SG Flensburg-Handewitt, SC Magdeburg, Rhein-Neckar Löwen und THW Kiel haben gegen den HSV gewonnen und würden auf ihre Punkte verzichten müssen. Die 14 Verlierer aber würden sich naturgemäß freuen. Außerdem: Die in der Rückrunde festgesetzten Heimspiele von sieben Vereinen gegen den HSV fallen aus, die Einnahmen gehen verloren.

Wo wird der HSV in der nächsten Saison spielen?

In der 3. Liga. Die U23 ist derzeit Tabellenführer in der Oberliga und peilt den Aufstieg an. Dahin würde der HSV ohnehin wegen des Lizenzvergehens zurückgestuft. Die Teilnahme an der 3. Liga ist folglich sicher.

Muss der HSV juristische Konsequenzen befürchten?

Ja. Vor allem Zweitligist GWD Minden, der wegen des Lizenzvergehens des HSV eigentlich nicht hätte absteigen dürfen, erwägt eine Klage. Laut „Hamburger Abendblatt“ beziffern die Ostwestfalen den Verlust durch den Abstieg auf mehr als eine halbe Million Euro. Die HBL prüft ein juristisches Vorgehen wegen der erst gegebenen und dann wieder ausgehebelten Sicherheitserklärung von Mäzen Andreas Rudolph, auf deren Grundlage die Lizenz erteilt worden war.

Außerdem sind Klagen jener Vereine möglich, die nun ohne Heimspiel gegen den HSV und ohne Einnahmen bleiben. Darunter der Bundesligist Füchse Berlin. Der Verein prüft im Falle eines Rückzuges des HSV eine rechtliche Klage wegen fehlender Einnahmen aus dem Ticketverkauf. Im Bundesliga-Spielplan ist die Partie der Füchse gegen den HSV am 20. März vorgesehen. „Wir haben das unseren Anwälten übergeben. Uns würde ein Verlust im sechsstelligen Bereich entstehen“, sagte Füchse-Manager und DHB-Vizepräsident Bob Hanning am Donnerstag.

Es solle nun nachgeprüft werden, ob die Vereinsgremien im Zuge der Lizenzvergabe durch den Ligaverband HBL ihren Pflichten nachgekommen sind „und eventuell haftend gemacht werden können“, erklärte Hanning: „Wir haben das bei der HBL angezeigt, und wir gehen davon aus, dass die Liga das im Sinne der Vereine prüft.“ Laut Hanning würden auch andere Clubs eine Klagemöglichkeit in Betracht ziehen.

 

 

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