Nach dem Island-Spiel : Das Selbstvertrauen ist zurück

Jubel in schwarz-rot-gold: Die deutsche Mannschaft um Trainer Heiner Brand (M.) freut sich über ihren Coup gegen Island. Foto: getty
Jubel in schwarz-rot-gold: Die deutsche Mannschaft um Trainer Heiner Brand (M.) freut sich über ihren Coup gegen Island. Foto: getty

Die DHB-Auswahl kann mit breiter Brust nach dem 27:24-Erfolg gegen Island dem heutigen "Endspiel" um die Olympiaqualifikation gegen Ungarn entgegen sehen.

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24. Januar 2011, 11:29 Uhr

Jönköping | Teutonisches Triumphgeheul war am Sonntag nicht zu vernehmen im Hotel Elite Stora in Jönköping, wo die deutsche Handball-Nationalmannschaft derzeit logiert. Von Euphorie keine Spur. Zwar hatte Linksaußen Dominik Klein (THW Kiel) nach dem 27:24-Sieg gegen Island am Sonnabendabend noch geschwärmt von "geilem Handballsport", und auch Bundestrainer Heiner Brand hatte die "sensationelle Einstellung" seines Teams gegen den Olympia-Zweiten gepriesen. "Wenn wir immer so spielen, bin ich zufrieden." Doch der 58-jährige Gummersbacher weiß um die Schnelllebigkeit während eines solchen Championats. "Es wäre verfrüht, jetzt schon eine Bilanz zu ziehen", warnte Brand vor dem eminent wichtigen zweiten Hauptrundenspiel heute gegen Ungarn (18.15 Uhr, live ARD).
Manch einer hatte noch im Mannschaftsbus den Taschenrechner hervorgeholt, worüber sich Kapitän Pascal Hens mokierte. Das Ergebnis: Das Halbfinale bei der 22. WM in Schweden ist trotz 2:4-Punkten immer noch rechnerisch möglich. Zwei deutsche Siege gegen Ungarn und Norwegen vorausgesetzt, müsste Spanien gegen Ungarn und Island verlieren, und außerdem Island den Franzosen unterliegen. Es müsste also viel passieren, weshalb Brand diese mathematischen Modelle nicht durchkalkuliert. "Es bringt einfach nichts, diese Konstellationen durchzurechnen."
Die Konzentration hoch halten
Der Bundestrainer hatte schon direkt nach dem unerwarteten Erfolg gegen die Skandinavier gemahnt, dass man noch nicht wisse, was dieser Sieg bringe. Damit meinte er, dass nun Wohl und Wehe von der nächsten Partie gegen die Magyaren abhängt. Diese 60 Minuten sind wie ein Endspiel um die Olympiaqualifikation. "Für beide Teams ist diese Partie unglaublich wichtig", erklärt Tamas Mocsai, der ungarische Profi in Diensten der SG Flensburg-Handewitt. Setzten die deutschen Handballer den Aufwärtstrend fort, dann ist das Spiel um Platz fünf in Griffweite, denn der letzte Gegner am Dienstag, die punktlosen Norweger, scheint bereits jetzt mit den Kräften am Ende zu sein. Bei einer Niederlage wäre indes Platz sieben, der für ein Olympia-Qualifikationsturnier berechtigt, kaum noch machbar.
Brand forderte sein Team daher auf, die Konzentration hoch zu halten. "Es geht jetzt einfach darum, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen", sagte er. Es spricht jedoch einiges dafür, dass die letzte Strecke dieser WM erfolgreich bewältigt wird. Schließlich hat das Team erstmals seit zwei Jahren, als es die Polen in der WM-Vorrunde klar bezwang, wieder eine Mannschaft mit Weltformat geschlagen. Dieses Gefühl, in der obersten Liga mitspielen zu können, hatte vorher gefehlt. "Wenn wir gewusst hätten, dass wir eine solche Leistung abrufen können, dann hätten wir auch gegen Spanien gewonnen", sagte Michael Haaß (Göppingen).
Die Floskel vom Selbstvertrauen, von ihr war oft die Rede im Mannschaftshotel, auch der Bundestrainer verwies noch einmal auf die Bedeutung der mentalen Stärke in seinem Sport. "Ich habe schon vor dem Turnier gesagt, dass wir nicht so weit weg sind von der Weltspitze", sagte Brand. "Aber es fehlte dieser Klickmoment, dass jeder Spieler weiß, dass es geht. So etwas braucht man schon mal als Sportler." Wenn man sich immer in der Rolle des Underdogs fühle, so wie in der Vorrunde, dann wirke sich das zwangsläufig aus im Spiel.
Die Mannschaft hat sich in Jönköping wiederbelebt
Der Profi, der dieses mentale Manko in der Vorrunde am eindrucksvollsten illustrierte, war Holger Glandorf. Der Lemgoer hatte wie ein Gespenst seiner selbst gewirkt, wie ein Handball-Zombie, der sich immer wieder in den Abwehrreihen festgerannt hatte. Gegen die kampfstarken Isländer aber zeigte er wieder diese Aktionen, für die ihn die Fachwelt bei der WM 2007 als einen der besten Rückraum-Linkshänder der Welt gefeiert hatte: Der 27-Jährige, perfekt eingesetzt von Haaß, demonstrierte wieder diesen famos hohen Luftstand, der ihm beim Wurf alle Möglichkeiten offen lässt.
Vier spektakuläre Treffer erzielte er auf diese Weise gegen Island, in der kritischen Phase Mitte der Halbzeit, damit verkörperte der stille Niedersachse eindrucksvoll den Widerstandswillen des deutschen Teams. "Das Selbstvertrauen, das in uns steckt und uns schon abgesprochen wurde, ist wieder da", sagte er. Die deutsche Mannschaft hat sich in Jönköping wiederbelebt. Die WM in Schweden könnte doch noch ein versöhnliches Ende für den deutschen Handball nehmen.

Statistik

Deutschland: Heinevetter, Bitter - Preiß (5), Sprenger (5), Kraus (4/2), Glandorf (4), Klein (3), Pfahl (3), Hens (2), Haaß (1), Groetzki, Heinl, Gensheimer, Kaufmann, Christopherse, Roggisch.

Island: Gustavsson, Gudmundsson - Petersson (7), Gunnarsson (5), Atlason (4), Stefansson (4/2), Palmarsson (2), Sigurdsson (2), Svavarsson, Ingimundarson, Hallgrimsson, Olafsson, Gudjonsson, Jakobsson, Sveinsson, Krist Jansson.

Schiedsrichter: Nikolic/Stojkovic (Serbien).
Zeitstrafen: 3:2. - Siebenmeter: 3/2:2/2.
Zuschauer: 5500.

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