Handball-EM 2018 : Nach Aus gegen Spanien: Die Mannschaft steht am Scheideweg

Während die spanischen Spieler im Hintergund feiern, verlassen die deutschen Handballer Finn Lemke (l) und Kai Häfner enttäuscht das Feld nach der Niederlage bei der EM in Kroatien.
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Während die spanischen Spieler im Hintergund feiern, verlassen die deutschen Handballer Finn Lemke (l.) und Kai Häfner enttäuscht das Feld nach der Niederlage bei der EM in Kroatien.

Nach der missratenen EM kündigt der DHB eine knallharte Analyse an. Hanning: „Der Trainer steht nicht zur Disposition.“

shz.de von
26. Januar 2018, 09:51 Uhr

Das Bild hatte Symbolcharakter. Als die deutschen Handballer Donnerstagmorgen, einen Tag nach dem 27:31-Debakel gegen Spanien und dem Aus bei der EM in Kroatien, ihr Quartier in Sveti Martin verließen und die Heimreise antraten, war der Trainer wieder einmal außen vor. Christian Prokop stand bei der Abfahrt des Busses noch im Hoteleingang, wartete auf den Führungsstab des DHB um Präsident Andreas Michelmann und fuhr dann im Taxi der Mannschaft hinterher. Schon in den Tagen zuvor hatten Trainer und Team selten eine Einheit gebildet, auch wenn Prokop von atmosphärischen Störungen nichts wissen wollte.

„Die Chemie war nicht so, wie es desöfteren nach Außen dargestellt wurde. Wir hatten ein stimmiges Verhältnis.“ Wirklich überzeugend klang der 39-Jährige auf der abschließenden Pressekonferenz des DHB allerdings nicht. Es schien manchmal so, als würden zwei verschiedene Welten aufeinander prallen. Es gab hitzige Diskussionen, Indiskretionen und eine latente Unzufriedenheit. „Das, was hier passiert ist oder nicht passiert ist, werden wir auswerten und dann mehr dazu sagen“, meinte Michelmann kryptisch.

„Viele Dinge haben nicht so funktioniert, wie wir es uns vorgestellt haben“, sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning, der ankündigte, „alles auf den Prüfstand“ stellen zu wollen. „Es ist bereits das zweite Mal, dass wir die Zielvorgabe nicht erreicht haben. Wir werden alles hinterfragen, ehrlich, hart und ernst. Mich, den Trainerstab, die Spieler.“ Die genaue Analyse soll spätestens in sechs Wochen abgeschlossen sein. Trotz des enttäuschenden Abschneidens werde man aber an Prokop festhalten, betonte Hanning. „Der Trainer steht nicht zur Disposition.“

Eine vorzeitige Trennung vom Coach, der einen Vertrag bis 2022 besitzt, käme allerdings auch einem Eingeständnis gleich, bei der Besetzung des Postens einen Fehler gemacht zu haben. Hanning hatte nach dem Rücktritt von Dagur Sigurdsson quasi im Alleingang den international unerfahrenen Prokop als Nachfolger durchgedrückt. Nach wie vor ist er von den Qualitäten des Trainers überzeugt. „Das Ziel ist es, mit ihm weiterzumachen.“

Einen Rücktritt schloss Prokop gleichfalls aus. „Das ist für mich überhaupt kein Gedanke. Bei allem Respekt, wir haben eine ganz tolle Qualifikation gespielt. Und auch die Zeitungen, die hier sitzen, haben mich als den Messias oder den Julian Nagelsmann des Handballs betitelt. Wir sollten schon irgendwo realistisch bleiben. Ich konnte hier wichtige Erkenntnisse sammeln und denke, dass man sie in Zukunft sehen wird.“

Spannend wird sein, auf welche Akteure Prokop mit Blick auf die Heim-WM im kommenden Jahr setzen wird. Zu viele hatten ihn in Kroatien enttäuscht, waren weit hinter ihren Leistungen zurückgeblieben. „Ich habe eine klare Vorstellung von einer Spielphilosophie. Ich möchte eine Mannschaft, die mit viel Tempo spielt und nicht ausrechenbar ist – so wie Norwegen.“ Eine Andeutung, welchen Typ Spieler er denn präferiert, machte der Coach schon einmal. „Wir brauchen flexible Spieler.“

Finn Lemke könnte ein Opfer der neuen Spielphilosophie werden. Bereits vor der EM hatte Prokop den Abwehrboss aussortiert, ihn im Laufe des Turniers, auch auf Druck der Mannschaft, aber zurück geholt. „Ich habe ihn mit Blick auf das Mazedonien-Spiel geholt, weil ich der Abwehr mehr Körperlichkeit geben wollte. Das war eine wichtige Korrektur“, sagte Prokop, schob dann aber sogleich nach: „Wir können nicht immer nur Abwehrspieler und Spezialisten tauschen.“ Und wer Prokop kennt, weiß, dass er seine Vorstellungen auch gegen Widerstände durchdrückt. Ziel bleibt eine WM-Medaille 2019 und Olympia-Gold 2020. „Das ist eine unverhandelbare Vision“, stellte Hanning klar. „Das werden wir ab heute angehen.“

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