Handball-EM in Kroatien : Finn Lemke nachnominiert: Der Abwehrboss ist wieder da

Finn Lemke bei der Ankunft im DHB-Mannschaftshotel in Zagreb.
Finn Lemke bei der Ankunft im DHB-Mannschaftshotel in Zagreb.

Rolle rückwärts von Bundestrainer Christian Prokop: Erst aussortiert, soll der Melsunger nun die Abwehr stabilisieren.

shz.de von
17. Januar 2018, 10:00 Uhr

Zagreb | Der Anruf mitten in der Nacht dürfte Finn Lemke ziemlich überrascht haben. Der 25-Jährige von der MT Melsungen lag in seinem Bett im Hotel auf Fuerteventura, wo er sich mit seinem Team auf die restlichen Spiele in der Bundesliga vorbereitet, als ihn das Klingeln seines Handys kurz nach 2 Uhr aus dem Schlaf riss. Am anderen Ende der Leitung war Christian Prokop. Der Trainer der deutschen Handball-Nationalmannschaft bat Lemke, am Dienstagmorgen die Koffer zu packen und umgehend nach Zagreb zu reisen. Lemke soll helfen, den Titel der DHB-Auswahl bei der Europameisterschaft in Kroatien zu verteidigen.

Das Pikante daran: Prokop hatte den 2,10 Meter großen Abwehrspezialisten sieben Tage vor dem Turnierstart überraschend aus dem 16er-Kader gestrichen und stattdessen den wesentlich kleineren, aber wendigeren Bastian Roscheck mit der Begründung nominiert, der Leipziger passe besser zur Prokops Philosophie von einer höchstmöglichen Variabilität in Abwehr und Angriff bei hoher Systemtreue.

Es war die meist diskutierte Personalie. Der Bundestrainer hatte viel Kritik einstecken müssen. Auch innerhalb der Mannschaft gab es nicht nur Befürworter für die Entscheidung. „Christian hat viel mit uns gesprochen, gefragt, mit wem wir am besten harmonieren. Deshalb war ich schon ein bisschen geschockt, als Finn nicht im Kader war“, räumte Hendrik Pekeler ein. Der Kreisläufer von den Rhein-Neckar Löwen bildete mit Lemke beim überraschenden Titelgewinn vor zwei Jahren in Polen das Herzstück der starken deutschen Defensive, an der die Gegner reihenweise zerschellten. „Ich verstehe mich blind mit Finn. Deshalb freue ich mich, dass er kommt. Er bringt neue Qualität in die Abwehr.“

Der Defensiv-Verbund offenbarte beim gleichermaßen dramatischen wie glücklichen 25:25 (10:15)-Unentschieden gegen Slowenien im zweiten Gruppenspiel am Montag große Schwächen. „Wir hatten vor allem in der ersten Halbzeit in der Abwehr nicht die Sicherheit, waren gegen Miha Zarabec und Borut Mackovsek viel zu passiv“, musste Prokop konstatieren. Der Coach versuchte viel, der Ertrag war gering. Keine der sechs verschiedenen Formationen im Innenblock bekam Zugriff auf den Gegner, es fehlte eine ordnende Hand. In der zweiten Halbzeit wurde es dann besser, auch weil sich Pekeler und Patrick Wiencek der Vorgabe ihres Trainers widersetzten. „Ich habe mit Bam-Bam (Wienceks Spitzname, d. Red.) abgesprochen, dass wir kompakt bleiben. Das wollte Christian anders haben in der ersten Halbzeit“, verriet Pekeler nach Spielschluss. „Ich glaube, das hat den Erfolg gebracht.“

Das hat wohl auch der Trainer begriffen, denn bereits nach dem zweiten Vorrundenspiel entschloss sich Prokop zur Abkehr von seinem Konzept mit der „beweglichen Abwehr“. EM-Debütant Roscheck, der zunächst beim Team in Zagreb bleiben wird, muss seinen Platz für Lemke räumen. Der alte und neue Abwehrchef ist damit als Gewinner aus dem Unentschieden gegen Slowenien hervorgegangen. „Ich möchte der Abwehr mehr Körperlichkeit und mehr Sicherheit und Block-Arme geben“, begründete der Coach nach einer umfassenden Videoanalyse der Spiele seine Personal-Rochade. „Man muss sagen, dass er Eier hat, seine Entscheidung zu revidieren“, meinte Torhüter Andreas Wolff.

Zwar stieß Lemke am Dienstag erst am späten Abend zur Mannschaft und verpasste das Training, dennoch soll er heute der DHB-Auswahl im abschließenden Vorrundenspiel und Showdown um den Gruppensieg gegen Mazedonien um Superstar Kiril Lazarov (18.15 Uhr/live in der ARD, Liveticker auf shz.de) zu der nötigen Stabilität in der Abwehr verhelfen. „Kiril hat jetzt wohl schon schwitzige Hände. Mit Finn kommt der nicht zurecht. Das ist die richtige Personalie“, sagte Ex-Nationalspieler Dominik Klein, der mit Lazarov beim französischen Topclub HBC Nantes spielt und für die ARD als TV-Experte vor Ort ist.

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