Interview mit Michael Wiederer : Deutschland hat „sehr gute“ Chancen, die Handball-EM 2024 auszurichten

Für die deutschen Handball-Fans wäre eine EM im eigenen Land ein Highlight.

Für die deutschen Handball-Fans wäre eine EM im eigenen Land ein Highlight.

Eine Europameisterschaft der Männer gab es in Deutschland noch nie. Eine Entscheidung fällt aber erst im Sommer.

shz.de von
15. Januar 2018, 13:49 Uhr

Zagreb | Deutschland hat laut der Europäischen Handballföderation (EHF) sehr gute Chancen auf die Ausrichtung der Europameisterschaft 2024. Der Deutsche Handballbund (DHB) hatte sich um die Ausrichtung beworben und steht hier in Konkurrenz zu Dänemark/Schweiz und Ungarn/Slowakei. Entscheiden wird darüber aber der EHF-Kongress im Sommer in Glasgow. Gute Chancen räumt EHF-Präsident Michael Wiederer der deutschen Bewerbung ein. Der Österreicher erlebt in diesen Tagen seine 25. Europameisterschaft (Männer und Frauen). In verschiedenen Ämtern hat der Österreicher dabei als hochrangiger Funktionär der EHF teilgenommen. Nun ist Wiederer Präsident des europäischen Dachverbandes. Die Handballwoche traf den 61-Jährigen zu einem Interview am Rande der EM-Spiele in Zagreb.

Michael Wiederer.
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Michael Wiederer.

Herr Wiederer, in sechs Jahren, also 2024, hat der Deutsche Handballbund vor, sich für die Ausrichtung einer EM zu bewerben. Wie sehen Sie die Chancen, dass der DHB den Zuschlag bekommt?

Ich sehe die Chancen sehr gut. Deutschland ist mit Frankreich eine der Nationen, die eine EM auch mit 24 Teilnehmern auf Grund des Zuschauerinteresses und auf Grund der Hallensituation alleine ausrichten kann. Aber es  gibt auch andere Bewerber für dieses Turnier im Jahr 2024. Wir sind derzeit in der Analysephase und sichten die Bewerbungen. Wir haben aber noch nie eine Europameisterschaft der Männer in Deutschland veranstaltet – es ist und bleibt aber eine Entscheidung des EHF-Kongresses in Glasgow. Für den europäischen Handball wäre es aber ohne Frage sehr interessant.

Welche Eindrücke haben Sie von den ersten Tagen bei der EM in Kroatien gewonnen?

Wir erleben eine typische Europameisterschaft, in der es harte, knappe und spannende Spiele von Anfang an gibt. Schon das Eröffnungsspiel zwischen Kroatien und Serbien hat viele Emotionen entfacht. Mich hat dabei schon ein wenig überrascht, dass Kroatien so deutlich gewonnen hat. Wir sehen bei diesem Turnier grundsätzlich die besten Spieler der Welt, die einander von vielen Veranstaltungen und Wettbewerben wie der Velux EHF Champions League kennen und schätzen. Für mich ist es auch typisch, dass wir relativ wenig junge Spieler sehen – das ist ein Zeichen dafür, dass die arrivierten Handballer für ihre jeweilige Nation spielen wollen und damit der fortwährenden Diskussion um zu hohe Belastung entgegentreten.

Welche Neuerungen können die Fans bei der EM 2018 erleben? Gibt es auch technische Innovationen von Seiten der EHF?

Wir greifen erneut auf das Instant Replay (eine Weiterentwicklung des Videobeweises; Anm. d. Red.) zurück und arbeiten auch wieder mit der Goal-Line Technology (ein technisches Hilfsmittel, um zu prüfen, ob der Ball im Tor ist; Anm. d. Red.). Das heißt: Die Dinge, die im Fußball eingesetzt, diskutiert und wieder abgesetzt werden, finden bei unseren Großereignissen ihre Anwendung. Auch mit Blick auf die neuen Spielregeln ist festzuhalten, dass die Spieler diese Regeländerungen verinnerlicht, akzeptiert und umgesetzt haben. Für die Zuschauer bringen diese neuen Regeln sicher viele neue Aspekte im Handball mit.

Nach dem Jahr 2000 ist Kroatien nun zum zweiten Mal Ausrichter einer Männer-Europameisterschaft und sorgt damit für ein Novum im internationalen Handball. Was sagt das über das Land und auch den Stellenwert des Handballs hier aus?

Ich erlebe derzeit meine 25. Europameisterschaft, wenn man die Turniere bei den Männern und Frauen zusammen nimmt. Auch 2000 war ich bei der EM in Kroatien dabei, so schließt sich 18 Jahre später der Kreis wieder. Kroatien ist ein traditionelles Handball-Land mit einer großen Begeisterung für Sport allgemein und eben Handball im Besonderen. Blickt man auf die Historie, dann ist die Leistungsfähigkeit der ehemaligen Länder Jugoslawiens wirklich beeindruckend – ich denke hier an Montenegro bei den Frauen oder an Kroatien oder Slowenien bei den Männern. Zudem ist die geografische Lage in Europa gut – viele benachbarte Länder erreichen Kroatien schnell. Eine Europameisterschaft hier in diesem Land ist daher zweifellos attraktiv.

Das Turnier 2018 wird letztmalig nach dem bewährten Modus und mit der bewährten Anzahl an Teams, nämlich 16, ausgetragen. Schon in zwei Jahren werden Sie die Teilnehmerzahl auf 24 erhöhen. Was versprechen Sie sich davon?

Dieser Aspekt ist durchaus interessant: Denn die letzte Europameisterschaft mit zwölf Teilnehmern hat im Jahre 2000 in Kroatien stattgefunden, die letzte mit 16 findet 2018 ebenfalls in Kroatien statt. Wir stocken nun auf 24 auf, weil Europa mittlerweile genug Qualität hat. Es gibt genügend Mannschaften und Nationen, die in diesem Jahr nicht dabei sind – denken Sie an Polen oder Russland. Der Schritt soll zudem die Nationen aus dem mittleren Ranking wie die Schweiz, Bulgarien oder Portugal motivieren, an der Qualifikation erfolgreich teilzunehmen. Bei einem 16er-Feld waren zuletzt immer die gleichen Teams vertreten und es wechselten im Schnitt nur vier Mannschaften durch. Das hat dazu geführt, dass der Kampf der Mannschaften um die EM-Startplätze 13 bis 16 sich zwischen den Teams von Ranking-Position 13 bis 24 abgespielt hat. Das wiederum hat die Mannschaften jenseits der Position 24 im europäischen Ranking nicht besonders motiviert, sich auf die Qualifikation einzulassen. Sie waren zu weit weg von einer Europameisterschaft. Durch das neue EM-System wollen wir 48 Nationen als Starter in der Qualifikation haben. Das heißt: Mit Ausnahme von Lichtenstein und Monaco nehmen wir alle unter dem Dach der EHF vereinigten Föderationen mit. Und das ist für den Handball in Europa ein Riesenschritt vorwärts.

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