Handball-EM 2018 Mannschafts-Zeugnis: Wo das DHB-Team die größten Schwächen hatte

Von Joachim Hobke | 26.01.2018, 09:51 Uhr

Woran hat das miese Abschneiden der Handballer gelegen? Eine Analyse der einzelnen Positionen.

Als Titelverteidiger war die DHB-Auswahl nach Kroatien gekommen, als Neunter musste man die Heimreise antreten. „Im gesamten Turnier sind viele Dinge nicht am Optimum gelaufen“, bilanzierte Bundestrainer Christian Prokop. Was war gut? Was war schlecht? Eine Analyse:

Die Torhüter

Auf der Position des letzten Mannes hat die deutsche Mannschaft von je her die geringsten Probleme. Prokop setzte auf die erfahrenen Andreas Wolff und Silvio Heinevetter. Eine klare Nummer 1 gab es nicht, auch wenn Wolff mehr Spielanteile hatte als Heinevetter. Beide hielten gut bis sehr gut, mehr nicht. Um in einem Turnier weit zu kommen, bedarf es aber einer überragenden Leistung eines Keepers.

Die Abwehr

Die Abwehr war beim EM-Triumph vor zwei Jahren das Prunkstück. An der deutschen Defensive zerschellten die Gegner reihenweise. Prokop versuchte es in Kroatien zunächst mit einem neuen System, dem Finn Lemke, einer der tragenden Säulen 2016, vor dem Turnier zum Opfer gefallen war. Nach dem zweiten Vorrundenspiel kehrte der Coach von seiner Philosophie ab, nominierte Lemke nach. Mit dem „Boss“ im Zentrum wurde die Deckung der „Bad Boys“ wieder stabiler, doch ausgerechnet im entscheidenden Spiel gegen Spanien bröckelte das Abwehrbollwerk.

Der Rückraum

Die DHB-Auswahl hat mit Julius Kühn, Steffen Fäth oder Kai Häfner überragende Shooter in ihren Reihen. Doch der Rückraum war die größte Problemzone. Einfachste Bälle gingen nicht ins Tor. Passgeschwindigkeit und Passgenauigkeit fehlten. Zudem stimmten oft die Laufwege nicht, Abläufe misslangen. Weder EM-Debütant Philipp Weber noch Paul Drux konnten dem Angriffsspiel eine Struktur geben. Und es fehlte eine Hierarchie. Keiner traute sich, Verantwortung zu übernehmen. So wurde dem Gegner das Verteidigen leicht gemacht.

Die Außen



Uwe Gensheimer gilt als einer der besten Linksaußen der Welt. In Kroatien wurde er diesen Ansprüchen nicht gerecht. Wohl auch deshalb nominierte Prokop Kiels Rune Dahmke nach. Doch sowohl Gensheimer und Dahmke als auch Patrick Groetzki und Tobias Reichmann auf der anderen Seite litten unter dem schwachen Angriffsspiel, wurden kaum in Szene gesetzt. Und das Tempospiel fand fast gar nicht statt.

Der Kreis

Hendrik Pekeler ist in der Bundesliga einer der besten Kreisspieler, doch er ist abhängig von seinem kongenialen Partner bei den Rhein-Neckar Löwen, dem Schweizer Andy Schmid. Der DHB-Auswahl fehlt ein Spielmacher wie Schmid, so dass Pekeler seine Qualitäten nicht ausspielen konnte. Auch Patrick Wiencek oder Jannick Kohlbacher wurden von ihren Mitspielern zu selten gesucht.

Die Mentalität

Der Mannschaft merkte man die Last des Titelverteidigers an. Die Unbekümmertheit, die das Team vor zwei Jahren zum EM-Titel trug, fehlte. Wenn man den Spielern aber eines nicht vorwerfen kann, dann, dass sie kämpferisch nicht alles gegeben haben. Das Team versuchte, spielerische Defizite durch Kampf auszugleichen. Das gelang nur bedingt.

Der Trainer

Die EM galt als große Bewährungsprobe für Christian Prokop – er hat sie nicht bestanden. Zu viele Fehler vor und während des Turniers säumten seinen Weg. Bereits mit seiner umstrittenen Nominierung hatte er seinen Kritikern, die sich nun bestätigt sehen, Munition gegeben. Der 39-Jährige wirkte bei seinem EM-Debüt oft überfordert, was sich in hektischen Wechseln und vielen Auszeiten, in denen er seine Spieler mit Anweisungen überfrachtete, zeigte. Zudem fand Prokop nie so richtig den Draht zu seinen Spielern, die von der Detailbesessenheit ihres Trainers genervt waren. Auch wenn das öffentlich niemand zugeben wollte.