Handball-EM 2018 Glücklose DHB-Spieler: Die Patienten aus dem Rückraum

Von Joachim Hobke | 19.01.2018, 10:21 Uhr

Viele Spieler in der deutschen Handball-Nationalmannschaft haben bei der EM noch erhebliches Steigerungspotenzial.

An der Dartscheibe hat Julius Kühn zu seiner Treffsicherheit zurückgefunden. Musste sich der Rückraumkanonier beim Spiel mit den kleinen Pfeilen in den Anfangstagen der Handball-EM Torhüter Silvio Heinevetter oft geschlagen geben, so durfte er zuletzt den einen oder anderen Sieg feiern. In den wenigen freien Momenten während der Titelkämpfe steht Darts bei den deutschen Handballern hoch im Kurs. „Es läuft wieder“, freut sich Kühn. Diese Erfolgserlebnisse hätte der 24-Jährige von der MT Melsungen auch gerne auf dem Spielfeld. Doch in Kroatien agiert er weit unter seinen Möglichkeiten.

Nur vier Tore in den drei Vorrundenspielen sind eine magere Ausbeute für den wurfgewaltigen Kühn, mit 119 Treffern viertbester Schütze der laufenden Bundesliga-Saison. Während der 1,98 Meter große Hüne im Verein eine starke Saison spielt, kommen seine Qualitäten im Dress der Nationalmannschaft bei der EM (noch) nicht zum Tragen. „Julius steht bei acht Metern in der Luft und versucht dann einen Pass auf den Kreisläufer zu spielen, anstatt aufs Tor zu werfen“, kritisiert DHB-Vizepräsident Bob Hanning. „Ich bin es von mir auch nicht gewohnt, dass ich so beklemmt spiele“, gibt Kühn offen zu.

Wie ihm ergeht es auch anderen. Steffen Fäth von den Füchsen Berlin, Kai Häfner von der TSV Hannover-Burgdorf oder Maximilian Janke vom SC DHfK Leipzig – in ihren Clubs sind sie unverzichtbar, in der DHB-Auswahl derzeit allenfalls Mitläufer. Von Janke darf man noch keine Führungsrolle erwarten, der 24-Jährige ist EM-Debütant, hatte vor Kroatien erst zwei Spiele für den DHB absolviert. Fäth und Häfner hatten hingegen großen Anteil am überraschenden Titelgewinn der deutschen Mannschaft vor zwei Jahren in Polen. In Kroatien können sie keine großen Impulse setzen.

„Bei vielen ist noch Luft nach oben“, sagt Bundestrainer Christian Prokop vor Beginn der Hauptrunde mit dem heutigen Spiel gegen Tschechien (18.15 Uhr/live im ZDF, Liveticker shz.de), ohne Namen zu nennen. Kühn, Häfner und Fäth dürften sich aber ganz sicher angesprochen fühlen.

Dabei ist der Coach nicht ganz schuldlos, dass die drei noch nicht so funktionieren, wie er es sich wünscht. Prokop brachte Fäth im Auftaktspiel gegen Montenegro erst nach 58 Minuten und 47 Sekunden, gegen Slowenien ließ er den Berliner ganz draußen. „Steffen ist jemand, der das Vertrauen braucht, der gestreichelt werden muss“, sagt Hanning. Der DHB-Vize ist seit zwölf Jahren Manager der Füchse Berlin. Gegen Mazedonien stand Fäth immerhin etwas mehr als 18 Minuten auf dem Feld, erzielte zwei Tore. „Dass ich endlich einmal länger spielen durfte, hat mir gut getan. Ich brauche das Vertrauen des Trainers“, sagt der 27-Jährige.

Etwas mehr Rückhalt wünschen sich auch Häfner und Kühn. Während der Hannoveraner nicht am starken Steffen Weinhold vorbeikommt, ist der Melsunger für Prokop so etwas wie der „Mann für Spezialaufträge“. Der Coach bringt Kühn oft nur in den Überzahlsituationen. Im Spiel sechs gegen sechs setzt Prokop eher auf die Qualitäten von Paul Drux (Berlin) oder Philipp Weber (Leipzig).

Und wenn Kühn dann endlich einmal ran darf – gegen Mazedonien waren es ganze vier Minuten und 17 Sekunden – wirkt er überdreht, will in der wenigen Zeit zu viel. „Klar bekommt man mehr Sicherheit, wenn man häufig spielt.“ Noch gibt sich Kühn gelassen. Doch wer den ehrgeizigen Rückraumspieler kennt, weiß, dass er sich auf Dauer mit einer Jokerrolle ungern zufrieden gibt. Kühn will Erfolge feiern. Auf dem Spielfeld. Nicht nur an der Dartscheibe.