Hamburger Zweitligist : Trainer und Entertainer: Kauczinski will von St. Pauli begeisternden Fußball sehen

Paulis Trainer Markus Kauczinski. /Archiv
Paulis Trainer Markus Kauczinski. /Archiv

Eine klare Handschrift und guten Fußball: Die Ziele des neuen Trainers haben erstmal nichts mit Aufstieg zu tun. Obgleich er die Relegation ja schon kennt.

shz.de von
24. Januar 2018, 10:24 Uhr

Hamburg | Markus Kauczinski bereitet das einst mit dem Karlsruher SC erlittene Relegationsdrama gegen den HSV längst keine schlaflosen Nächte mehr. „Ich konnte das schnell abhaken, aber andere nicht“, berichtet der heutige Trainer des Zweitligisten FC St. Pauli in einem Interview. „Wenn man ein normales Leben führen und nicht durchdrehen will, muss man auch loslassen können und sich nicht immer noch mehr Gedanken machen“, lautet sein Credo als Fußball-Lehrer.

Rückblick: 2014/15 fehlten dem Coach mit Außenseiter Karlsruher SC wenige Minuten, um den großen Hamburger SV in dessen Vereinshistorie erstmals in die 2. Fußball-Liga zu stürzen. Dann aber trafen Marcelo Diaz kurz vor Schluss mit einem umstrittenen Freistoß und in der damit nötig gewordenen Verlängerung Nicolai Müller zum 2:1 und zum Happy End für den HSV.

„Auch wenn der letzte Schlag natürlich heftig war, war es ein denkwürdiges Spiel, von dem man in zehn Jahren noch spricht“, sagt Kauczinski. „Auch wenn es am Ende nicht gut für uns ausgegangen ist, war es trotzdem ein Riesenerfolg. Wir haben als KSC drei Minuten davor gestanden, ein Bundesligist zu sein“, erklärt er. Während der Club kurz darauf den Gang in die 3. Liga antreten musste, stieg Kauczinski in der Trainer-Zunft nach oben auf. Dass er den KSC fast aus der Versenkung dicht ans Tor zum Oberhaus geführt hat, blieb auch den Erstligisten nicht verborgen. So ging er zum FC Ingolstadt.

Dort hatte er aber Pech: Nach dem beeindruckenden Aufstiegsjahr unter Ralph Hasenhüttl geriet in der meist schwierigeren zweiten Saison in Liga 1 der FCI wie so viele Clubs sofort ins Hintertreffen. Nach zehn sieglosen Ligaspielen wurde Kauczinski im November 2016 entlassen.

Der 47-Jährige blieb sich und seinem Weg aber treu. Er sieht sich in seinem Job als „Psychologe, Pädagoge und Fußball-Fachmann, und eine Art Lehrer. Gleichzeitig bin ich Entertainer.“ Wichtig sei, „dass man bei der Arbeit ein Konzept hat und dieses erkennt“. Im Umgang mit den Spielern ist er „emotional, wenn es angebracht ist, rational, wenn es Sinn macht, hart, wenn es sein muss, und menschlich, wenn ich es sein kann. Auf jeden Fall tue ich Dinge, von denen ich überzeugt bin.“ Negatives aus dem Umfeld des Vereins lässt ihn mittlerweile kalt.

„Es hat etwas gedauert, aber ich habe gelernt, das ganze Drumherum richtig einschätzen und damit umgehen zu können“, berichtet der gebürtige Gelsenkirchener. Ohnehin dürfe man das, was Leute von außen sagen, nicht zu sehr an sich heranlassen. „Es freut mich aber natürlich, wenn einen die Leute positiv wahrnehmen.“ So wie beim FC St. Pauli, wo er am 7. Dezember Nachfolger von Olaf Janßen wurde. Kauczinskis Einstand mit den Heimspielen gegen den MSV Duisburg (2:2) und den VfL Bochum (2:1) verlief verheißungsvoll: Der Kiezclub rangiert vor dem Start in die zweite Saisonhälfte am Donnerstag (20.30 Uhr) bei Dynamo Dresden im Tabellen-Mittelfeld.

Zu hohe Erwartungen will der erfahrene Coach nicht wecken, es bringe nichts, jetzt irgendetwas hinauszuposaunen. „Sich in großen Zielen zu ergehen, wäre falsch. Ich glaube, dass wir in der Lage sind, jeden zu schlagen, aber ich weiß auch, dass ganz viele enge Spiele dabei sein werden. Man muss immer am Limit spielen.“ Ziel sei es, „als Team gut aufzutreten, guten Fußball zu spielen und die Leute zu begeistern.“ Vom Aufstieg will er jedoch nichts hören: „Das geziemt sich nicht.“

Hier das gesamte Interview:
 

Sie sind jetzt gut sechs Wochen Trainer des FC St. Pauli. Wie beurteilen Sie die jüngste Entwicklung Ihrer Mannschaft?
Ich glaube schon, dass wir uns schon Stück für Stück weiterentwickelt haben und das noch ausbauen werden. Das geht nicht auf Knopfdruck. Aber meine Mannschaft ist sehr aufnahmefähig und lernwillig.

In der Tabelle ist alles eng beieinander, es geht schnell rauf oder runter. Was ist in dieser Saison für den FC St. Pauli drin?
Sich in großen Zielen zu ergehen, wäre falsch. Die 2. Liga ist enger zusammengerückt, auch die Aufsteiger sind stark. Ich glaube, dass wir in der Lage sind, jeden zu schlagen, aber ich weiß auch, dass ganz viele enge Spiele dabei sein werden. Man muss immer am Limit spielen. Daher bringt es nichts, jetzt irgendetwas hinauszuposaunen. Es gibt auch intern bei uns keine Zielsetzung. Ziel ist es, als Mannschaft gut aufzutreten, guten Fußball zu spielen und die Leute zu begeistern.

Der Aufstieg in die 1. Liga ist für Sie also kein Thema?
Es wäre vermessen, an dem Punkt, an dem wir jetzt stehen, vom Aufstieg zu reden. Das geziemt sich nicht.

Größtes Problem war in dieser Saison St. Paulis Offensive mit nur 18 Toren in 18 Spielen. Wie wollen Sie dieses Manko beheben?
Das sind für mich mannschaftliche Dinge, für die immer alle zusammen verantwortlich sind. Man verteidigt zusammen, man greift zusammen an. Tore mache ich nach Flanken, Tore mache ich nach Zuspielen aus dem Mittelfeld. Das heißt, ich muss die Stürmer auch bedienen. Das sind Abläufe, die alle angehen. Einzelne herauszupicken, das mag ich nicht.

Sie haben in Jan-Marc Schneider den Torjäger aus der U23 hochgezogen. Setzen Sie künftig auf diesen talentierten Stürmer oder geben Sie weiter dem bisher torlosen Aziz Bouhaddouz den Verzug?
Jan-Marc hat schon gezeigt, dass er eine vollwertige Alternative ist. Man konnte sehen, dass er sich nicht wie ein Nachwuchs-, sondern wie ein richtiger Zweitliga-Stürmer bewegt hat. Aber auch Aziz hat in der Vergangenheit wiederholt bewiesen, dass er einer der besten Stürmer der 2. Liga ist.

Sie waren lange beim KSC, dann in Ingolstadt und sind jetzt in Hamburg. Was macht den FC St. Pauli als den etwas anderen Verein aus?
Der Kern meiner Arbeit liegt auf dem Platz, ist die Beschäftigung mit den Spielern. Das ist erstmal überall gleich. Was anderes ist das Drumherum: die Identifikation der Fans, das Engagement des Vereins auch in anderen Bereichen, die Historie. Das ist hier mit Sicherheit anders.

Wie schätzen Sie sich selbst ein? Sind Sie eher ein etwas ruhigerer Trainer-Typ, oder können Sie auch mal aus der Haut fahren?
Das ist unterschiedlich. Im Umgang mit den Spielern bin ich emotional, wenn es angebracht ist. Ich bin rational, wenn es Sinn macht, ich bin hart, wenn es sein muss, und ich bin menschlich, wenn ich es sein kann. Ein Mensch hat viele Facetten. Auf jeden Fall tue ich Dinge, von denen ich überzeugt bin.

Schleppen Sie negative Ergebnisse mit in Ihr Privatleben?
Wenn man ein normales Leben führen und nicht durchdrehen will, muss man auch loslassen können und sich nicht immer noch mehr Gedanken machen. Es hat etwas gedauert, aber ich habe gelernt, das ganze Drumherum richtig einschätzen und damit umgehen zu können. Ich bin auch froh, wenn ich zu Hause mal 'nen ganz normalen Alltag habe.

Hat das Relegations-Pech mit dem KSC gegen den HSV lange an Ihnen genagt?
Ich konnte das schnell abhaken, aber andere nicht. Für mich war schnell klar, dass das -–auch wenn es am Ende nicht gut für uns ausgegangen ist – trotzdem ein Riesenerfolg war. Für den Verein, für die Mannschaft. Wir haben als KSC drei Minuten davor gestanden, ein Bundesligist zu sein. Das ist doch ein Riesenerfolg. Auch wenn der letzte Schlag natürlich heftig war, war es ein denkwürdiges Spiel, von dem man in zehn Jahren noch spricht.

Sie gelten als Charakterkopf. Ist Ihnen wichtig, was andere über Sie sagen?
Man darf das, was Leute von außen sagen, nicht so an sich heranlassen. Wie viel Prozent sieht man von außen, um genau beurteilen zu können: Was ist das für ein Mensch, was für einen Charakter hat er? Entscheidender ist, was drinnen passiert. Was Leute im Verein, was die Spieler sagen, ist mir viel wichtiger. Aber natürlich freut es mich, wenn einen die Leute positiv wahrnehmen.

Was denken Sie, wenn Sie den Begriff Konzept-Trainer hören?
Ich tue mich mit diesem Schubladendenken schwer. Weil ich ein Charakterkopf bin, heißt das, dass ich kein Konzept habe? Und hat der, der ein Konzept hat, keinen Charakter? Das eine schließt das andere nicht aus. Jeder sucht sich etwas aus, damit er ein Etikett draufpappen kann. Aber das ist es nicht! Es gehört so viel zum Job dazu: Ich bin Psychologe, Pädagoge und Fußball-Fachmann, ich bin eine Art Lehrer. Gleichzeitig bin ich Entertainer. Wenn ich das eine habe, heißt es, das andere habe ich nicht. Wichtig ist, dass man bei der Arbeit ein Konzept hat und dieses erkennt.

Holen Sie sich eigentlich Ratschläge bei Trainerkollegen? Oder etwa von Ihrem erfolgreichen Vorvorgänger Ewald Lienen, der nun als Technischer Direktor für den FC St. Pauli tätig ist?
Ewald schneit immer mal wieder hier im Trainingszentrum rein, wenn sein Job es zulässt. Er war zwischendurch auch in Spanien im Trainingslager. Natürlich fachsimpelt man da über Fußball oder ist auch interessiert an unterschiedlichen Sichtweisen. Mit Ewald kann man über alles sprechen. Und mit mir auch - von daher passt das.

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