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Sicherheit im Stadion : Wie viel Polizei braucht der Fußball?

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Politiker, Sicherheitskräfte, Sportfunktionäre und Fanforscher streiten um die Sicherheit in den Stadien.

Kiel | Die Sicherheit in den Fußballstadien erhitzt weiter die Gemüter. Der Vorstoß aus Nordrhein-Westfalen für eine Kostenbremse bei Polizeieinsätzen rund um die Stadien offenbart erneut die Uneinigkeit in allen Lagern. Von einer sachlichen Diskussion über Sicherheit, Kostenverteilung und Verantwortungspartnerschaft ist gut zwei Wochen vor dem Bundesliga-Start nicht mehr viel übrig.

Für den Höhepunkt der alten, neuen Debatte sorgten am Dienstag die beiden Polizeigewerkschaften, die sich selbst offenbar nicht einig sind, wie sie das Pilotprojekt Nordrhein-Westfalens bewerten sollen. Weniger Polizisten bei Spielen der Fußball-Bundesliga? Ein „Spiel mit dem Feuer, denn es geht letztlich, wie allen bekannt, um reisende Gewalttäter“, sagt Oliver Malchow von der Gewerkschaft der Polizei (GdP). „Mutig und richtig“ findet das Konzept dagegen die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG). Die gießt zusätzliches Öl ins Feuer und greift Verband und Liga an. DPolG-Bundeschef Rainer Wendt sagte der „Neuen Presse Passau“: „Beim DFB und der DFL herrscht ein mangelhaftes Demokratieverständnis. Offenbar hat man dort das Gefühl, ein Staat im Staate zu sein.“

Vor allem prangert er die Verlegung eines Länderspiels von Bremen nach Nürnberg an, weil die Regierung an der Weser laut über Gebührenbescheide für Polizeieinsätze nachdenkt. „Das war ein dreistes Stück, auf diesem Wege zu versuchen, ein frei gewähltes Parlament unter Druck setzen zu wollen“, so Wendt. Die DFL habe in der letzten Saison 2,17 Milliarden Euro Umsatz gemacht und 383 Millionen Euro Gewinn – sie sei also durchaus in der Lage, etwas zu zahlen und nicht alle Kosten den Steuerzahlen aufzubürden. Schließlich müsse jeder Bürger, der seinen Ausweis vom Bürgeramt abholt, dafür auch eine Gebühr bezahlen, obwohl er Steuerzahler ist.

Unterdessen erntet NRW-Innenminister Ralf Jäger mit dem Vorschlag, an den ersten vier Spieltagen bei ausgewählten Partien weniger Beamte einzusetzen, weiter Kritik. Obwohl zum Beispiel Schleswig-Holstein mit dem Konzept der anlassbezogenen Polizeistärke gute Erfahrungen gemacht hat. „Die Problemfans werden über diese Pläne ganz gewiss nicht traurig sein“, sagte Wolfgang Bosbach (CDU), Vorsitzender des Innenausschusses im Deutschen Bundestag. „Es könnten am Ende diejenigen die Gewinner sein, die das Sicherheitsvakuum ausnutzen – nämlich die Gewalttäter“, meinte Ligapräsident Reinhard Rauball. Schützenhilfe erhielt der Liga-Boss von Bayer Leverkusen. „Die Polizeipräsenz war abschreckend. Jetzt hat man den Ultras eine Flanke geöffnet“, meinte Geschäftsführer Michael Schade.

Auch die polizeipolitische Sprecherin der CDU-Fraktion im Kieler Landtag, Astrid Damerow, ist skeptisch: „Ein Mangel an Polizeikräften kann sehr schnell zu Eskalationen führen, bei denen am Ende Menschen verletzt werden.“ Sie halte von den Plänen aus Nordrhein-Westfalen genau so wenig wie von den Plänen aus Bremen. „Für die CDU gilt deshalb allerdings auch: Die von SPD, Grünen und SSW beschlossenen weiteren Stellenkürzungen bei der Polizei sind verantwortungslos“, betonte Damerow.

Für FDP-Mann Wolfgang Kubicki steht fest, „dass der Schutz von Großveranstaltungen – wozu eben auch Fußballspiele gehören – eine Kernaufgabe des Staates ist“. Die vom NRW-Innenminister angeführten Kostengründe könnten in diesem Zusammenhang „kein Argument sein, wenn es um die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger geht.“

In der Kieler SPD sieht man das anders „Es ist gut, dass NRW diese Diskussion wieder angestoßen hat, und wir greifen sie im Rahmen der Stellenabbau- und Einspar-Debatte gern auf“, erklärte Simone Lange. Es sei längst überfällig, dass man alle Möglichkeiten prüft – also Rückzug der Polizei oder Kostenbeteiligung. „Auch bei Kosten für Polizeieinsätze zur Sicherung von Fußballspielen sollte das Verursacherprinzip gelten“, so Lange. Man müsse natürlich unterscheiden, um welche Liga es sich handelt, denn zum Teil sei „Fußball ja ein Millionengeschäft und geht weit über den Breitensport hinaus. Da sollte man dann schon über Kostenbeteiligung reden.“

Wie die Diskussion über den Jäger-Plan bei den Fans ankommt, darüber gibt es noch keine Rückmeldung. Allerdings hat sich der renommierte Fanforscher Gunter A. Pilz zu Wort gemeldet: „Die Gleichung, dass mehr Polizei ein höheres Maß an Sicherheit ergibt, geht nicht auf“, sagte er gestern. „Im Gegenteil, das ist eine fatale Botschaft. Ein massives Polizeiaufkommen führt in der Fanszene zu Solidarisierungs-Effekten gegen diese Machtdemonstration und in der Regel zu mehr Konfrontation.“ Er wisse nicht, warum das Thema nach dem Vorstoß aus Nordrhein-Westfalen „jetzt so hochgekocht wird“, sagte der Sportsoziologe.

Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS), begrüßte die Initiative. „Wir haben immer gefordert, dass mehr Verantwortung auf die Fanszene übergeht, und ich bin mir auch sicher, dass die Fans dieser Verantwortung gerecht werden“, meint er. Den NRW-Vorstoß mit dem Bremer Entschluss für eine Kostenbeteiligung der Deutschen Fußball Liga (DFL) an Polizeieinsätzen in einen Topf zu werfen, „halten wir für falsch“, sagt Gabriel: „Das Eine ist eine Frage der polizeilichen Einsatzstrategie, das Andere eine verfassungsrechtliche Frage, ob Sicherheit im öffentlichen Raum in der Zukunft gekauft werden muss.“

Das baden-württembergische Innenministerium kündigte laut „Fokus“ inzwischen an, der „NRW-Linie zu folgen“. Während in Nordrhein-Westfalen bis zum 27. September im Pilotprojekt geprüft wird, ob sich das neue Konzept bewähren könnte, will man in Baden-Württemberg den reduzierten Polizeieinsatz ohne Testphase in der laufenden Bundesliga-Saison starten.

Die Drittliga-Partie am Dienstag zwischen Holstein Kiel und Hansa Rostock scheint auf jeden Fall nicht als harmloses Spiel, sondern als Hochrisikoduell eingestuft zu werden. 1000 Beamte sollen rund um das Holstein-Stadion für Sicherheit sorgen – im Vorjahr waren es bei eben jener Paarung „nur“ 600.

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erstellt am 05.Aug.2014 | 20:12 Uhr

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