Wie Heide und Itzehoe zweitklassig blieben

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09. Mai 2011, 09:05 Uhr

Zittern zum Saisonende - das gehörte sowohl für den Itzehoer SV als auch für den Heider SV in den späten 1960er und frühen 1970er Jahre zum Alltag. Wenn die Saison auf die Zielgerade bog, begann im hohen Norden mit schöner Regelmäßigkeit das große Rechnen.

So eng wie im Mai 1971 war es jedoch selten gewesen. Selbst in Itzehoe, wo man am vorletzten Spieltag auf einem scheinbar sorgenfreien zwölften Tabellenplatz rangierte und durchaus üppige 28 Punkte aufwies, musste tüchtig gezittert werden. Das wiederum war nachgerade dem Heider SV geschuldet, der sich mit einem 3:0-Derbysieg die letzte Chance auf den Klassenerhalt bewahrt hatte.

Die Situation vor dem letzten Spieltag war einigermaßen komplex. Nur Schlusslicht Meppen war mit 16 Punkten bereits abgestiegen. Der Heider SV, der VfB Oldenburg und Arminia Hannover wiesen jeweils 26 Zähler auf. Sperber Hamburg belegte mit 27 Punkten Platz 14, und neben dem ISV hatten auch Phönix Lübeck sowie Leu Braunschweig jeweils 28 Punkte angehäuft. Aus diesem Kreise musste sich der zweite Absteiger finden.

Die Brisanz wurde erhöht durch eine besondere Konstellation. Sperber Hamburg stand bei Schlusslicht Meppen vor einem Selbstgänger. Arminia Hannover musste zum jenseits von Gut und Böse rangierenden VfL Wolfsburg, Leu Braunschweig trat gegen den bereits als Aufstiegsrundenteilnehmer feststehenden VfL Osnabrück an. Und dann waren da noch zwei direkte Duelle mit schleswig-holsteinischer Beteiligung: Phönix Lübeck gegen Heider SV sowie Itzehoer SV gegen VfB Oldenburg.

Der 16. Mai 1971 wurde zu einem der dramatischsten Tage in der Geschichte des Fußballs in Schleswig-Holstein.

Über 700 Fans begleiteten den Heider SV zu seinem Schicksalsspiel an den Lübecker Flugplatz, wo die Heider Fraktion fast die Hälfte des Publikums stellte. In Itzehoe waren derweil nahezu 1.000 Oldenburger unter den 3.200 Zahlenden an der Lehmwohldstraße. Den Fanlagern stand ein Wechselbad der Gefühle bevor.

Sieben Minuten waren gespielt, da wurde der erste Treffer im Abstiegskampf gemeldet. Klaus Wunder war es, der Arminia Hannover in Wolfsburg in Führung brachte. Keine 60 Sekunden später legte auch Sperber Hamburg in Meppen vor, und als Leu Braunschweig in der 14. Minute im Duell mit dem designierten Meister Osnabrück ebenfalls in Führung ging, während weder in Lübeck noch in Itzehoe Tore gefallen waren, drohte aus dem Abstiegssiebenkampf einem Vierkampf zu werden.

Kurz darauf war wieder alles offen. Wolfsburg hatte gegen Arminia ebenso egalisiert wie Meppen gegen Sperber. Dramatik pur auf allen Plätzen. Leu Braunschweig machte als Erster den berühmten "Sack" zu. Bis zum Halbzeitpfiff arbeiteten die Niedersachsen eine beruhigende 3:0-Führung heraus. Und auch Arminia Hannover beruhigte die Nerven seiner Fans mit der erneuten Führung, während sich in Meppen frühzeitig ein 1:1 und damit die Rettung für Sperber abzeichnete. In Itzehoe gelang Klinge derweil in der 31. Minute der Führungstreffer für die Heimelf und damit die psychologisch wichtige Halbzeitführung.

Beim Duell zwischen Phönix Lübeck und Heide waren zwar keine Tore gefallen, doch die 2.000 Fans gingen dennoch schweißgebadet in die Pause. Erbittert hatten beide Teams miteinander gerungen, wobei Heide optisch dominierte, Phönix jedoch die klareren Chancen verbuchte.

45 Minuten vor dem Saisonende waren jedenfalls alle drei Schleswig-Holstein-Vertreter gerettet, musste der VfB Oldenburg als Vorletzter den Gang in de Drittklassigkeit antreten.

Nach dem Wechsel konzentrierte sich die Aufmerksamkeit auf die Begegnungen in Lübeck und Itzehoe. Leu Braunschweig (4:2 gegen Osnabrück), Arminia Hannover (3:2 in Wolfsburg) und Sperber Hamburg (1:1 in Meppen) konnten frühzeitig Entwarnung geben. Nicht so der Heider SV und der Itzehoer SV. Als Oldenburg in der 67. Minute der Ausgleich gelang und Heide keine 60 Sekunden später in Rückstand geriet, standen plötzlich die Dithmarscher auf Abstiegsrang 17. Verzweifelt peitschten die 700 HSV-Fans ihre Elf nach vorne und schickten zugleich Stoßgebete zum ungeliebten Rivalen Itzehoe, dessen Sieg plötzlich notwendig für die Rettung ihres HSV war. Itzehoe spielte mit und sicherte sich in der 72. Minute durch einen Tiede-Treffer endgültig den Klassenerhalt. Damit waren der HSV und Oldenburg nun zwar punktgleich, drohte dem HSV aufgrund seines schlechteren Torverhältnisses jedoch noch immer der Abstieg. Ein Punkt in Lübeck musste her, sonst drohte der Gang in die Landesliga.

Voller Leidenschaft drängte die Banasch-Elf den Phönix in der Schlussviertelstunde in die eigene Hälfte. Angriff auf Angriff rollte auf das Lübecker Gehäuse zu, doch die Phönix-Abwehr um Keeper Stars und Vorstopper Iden hielt. Schiedsrichter Könnecke hatte bereits auf die Uhr geschaut, als Heide einen letzten Verzweiflungsangriff vortrug und Raddatz tatsächlich noch zum Heider Ausgleich ins Schwarze traf! Sekunden später ertönte der Schlusspfiff, und nachdem Oldenburgs Niederlage in Itzehoe bestätigt worden war, bildeten Heide und Itzehoe eine ungewohnte Allianz der gemeinsamen Freude.

Ein dramatischer Tag für den Fußball in Schleswig-Holstein hatte sein glückliches Ende gefunden.

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