Weltpokalsieger-Besieger für immer

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18. März 2013, 08:05 Uhr

Stünde er noch im Tor, würde man wohl vom besten Torwartalter sprechen. Doch Simon Henzler, 36 Jahre alt, ist seit zwei Jahren im fußballerischen Ruhestand. Die Entscheidung, die Schuhe schon mit 34 an den Nagel zu hängen, bereut der ehemalige Bundesliga-Keeper nicht. "Der Einschnitt war schon heftig", sagt er zwar. "Nach 16 Jahren als Profi auf einmal morgens um 6 Uhr aufstehen, war schon eine Umstellung." Bei Citti in Kiel, im Unternehmen von Holsteins Förderer Gerhard Lütje, bekam Henzler jedoch die Chance zum sofortigen beruflichen Einstieg. "Und umziehen wollte ich nicht mehr." Gut ein halbes Jahr lang durchlief der gelernte Industriekaufmann alle Abteilungen. Inzwischen ist er in der Verkaufsabteilung im Innendienst tätig, bereitet die Verkäufe der Außendienstler vor und nach. "Ja, Spaß macht die Arbeit schon. Und ich genieße jetzt das, was man als Fußballer nie hatte: freie Wochenenden oder eine langfristige Freizeit-Planung."

Die Frage, ob er den Rest seines Lebens im neuen Job verbringen möchte, mag er trotz der Freude an der neuen Tätigkeit nicht uneingeschränkt bejahen. Dazu lockt der Fußball dann doch noch genug. Als Torwart-Trainer für den Holstein-Nachwuchs bastelt er an der zweiten Karriere. "Drei Mal in der Woche bin ich da und trainiere die Keeper von der U16 bis zur U23. Da sind einige talentierte Jungs dabei." An der Tätigkeit hat er Gefallen gefunden. Torwart-Trainer - das könnte er sich auch im Profibereich vorstellen. "Der DFB hat dafür spezielle Lizenzen eingeführt. Die erste habe ich gemacht, für die zweite bin ich angemeldet." Die nötigen Erfahrungen hat Henzler ohnehin. "Und mit einer kleinen Ausnahme hatte ich auch immer gute Torwart-Trainer", erzählt er und nennt nicht nur Klaus Thomforde, mit dem er die längste Zeit zusammenarbeitete, sondern auch Eberhard Trautner im Nachwuchs des VfB Stuttgart oder vor allem Thomas Schlieck bei Arminia Bielefeld. "Schlieck, der danach bei Schalke und Red Bull arbeitete, hatte sich in Holland ausgebildet und setzte andere Schwerpunkte."

Groß geworden ist Henzler noch in einem anderen Torwartzeitalter. "In meiner Jugend gab es die Rückpassregel noch nicht", erinnert sich der gebürtige Ravensburger, der nach einem Jahr beim SSV Ulm, wo er mit 16 Jahren das A-Jugend-Tor hütete, ins Stuttgarter Jugend-Internat wechselte. "Auch für junge Profis war das eine ganz andere Zeit. Wenn ich mal bei den Profis mit Eike Immel, Thomas Berthold oder Thomas Strunz mitmachen durfte, hatte man als junger Spieler nichts zu melden. Der Gedanke, selbst Profi werden zu können, war da noch recht weit weg." Nach einem Jahr in der Oberliga-Elf des VfB und Abschluss der Lehre kam die Chance dann mit 19 Jahren - im Ausland. "Der FC Tirol hatte mich einmal beobachtet", berichtet er. "Und von meiner Heimat nach Innsbruck war es auch nicht so weit." Der angebotene Drei-Jahres-Vertrag beim damaligen Dauergast in europäischen Wettbewerben war folglich schnell unterschrieben. Zum Einsatz kam Henzler jedoch selten. "Stanislaw Tschertschessow war die Nummer eins. Der war nie verletzt. Ich durfte nur ran, wenn er mal bei der Nationalelf war." Das Karriereende des Routiniers erlebte der Oberschwabe nicht mehr in Tirol. Schuld daran war die Bundeswehr. "Ich hatte mich zurückstellen lassen, wurde dann aber einberufen. Ich musste den Vertrag auflösen, sonst wäre ich bei einem Grenzübertritt nach Deutschland als Fahnenflüchtiger verhaftet worden", erinnert er sich. "So etwas ist heute kaum noch vorstellbar."

Die Versetzung in die Provinz, die er als Strafe empfand ("Das hätte ein Karriereknick sein können"), bot bald eine neue Chance. Zweitligist SV Meppen suchte einen Keeper. Henzler spielte in der damaligen Nachwuchsrunde vor und sicherte einen Sieg gegen Borussia Dortmund. Er bekam einen Vertrag und wurde nach dem Abstieg in die Regionalliga Stammspieler. Der richtig große Fußball rief zwei Jahre später. Beim FC St. Pauli duellierte er sich in den folgenden Jahren um die Nummer eins. Zunächst nicht erfolgreich gegen Heinz Weber. Nach dessen Abschied löste er aber bald den Kroaten Tihomir Bulat im Tor ab. Noch als Nummer zwei hatte er den Bundesliga-Aufstieg gefeiert. "Bulat hatte dann eigentlich wenig falsch gemacht. Aber im Training war ich schon in den Monaten zuvor der Bessere. Als es dann nicht lief, habe ich meine Chance bekommen." Der damals 25-Jährige nutzte sie: "In meinem ersten Bundesliga-Spiel in Nürnberg habe ich gleich zu Null gespielt und bin dann auch als Nummer eins in die Rückrunde gegangen."

Es folgte das Spiel der Spiele. "Das wird mich wohl noch mein Leben lang verfolgen", schmunzelt Henzler, als die Rede auf die "Weltpokalsiegerbesieger"-Partie kommt. St. Pauli schlug den großen FC Bayern im Februar 2002 mit 2:1. Henzler hielt, was zu halten war. "Natürlich war das etwas Besonderes. Aber die Dimension, die dann daraus gemacht wurde, nimmt man als Spieler gar nicht wahr", betont Henzler. "Auch heute würde ich noch sagen, dass Spiele wie in Dortmund oder in Schalke für mich die größeren Erlebnisse waren." Trotz des Bayern-Sieges stieg St. Pauli am Saisonende ab. Und in der 2. Liga lief gar nichts. "Das ist die Phase meiner Karriere, die ich gern rückgängig machen würde", sagt der 1,88 Meter große Ex-Torwart. "Ich habe mich drei Wochen nach einem Innenbandriss zum Saisonauftakt mit Schiene ins Tor gestellt, um meinen Stammplatz nicht zu verlieren." Das Team war schlecht, Henzler ließ sich anstecken. "Ich habe zwei, drei Böcke geschossen. Und irgendwann wollte ich eigentlich, dass mich der Trainer rausnimmt. Aber sagen durfte man das damals nicht." Und so war der Keeper schließlich "unten durch", als er schließlich abgelöst wurde. "Dass ich im Winter gegen Heinz Müller getauscht wurde, war dann ein Glück für mich." Arminia spielte noch in der Bundesliga. Und auch wenn Mathias Hain als Nummer eins unumstritten war, passte vieles - bis am letzten Spieltag Bayer Leverkusen die Bielefelder in die 2. Liga schickte. "Mein Vertrag galt nicht mehr. Der Verein musste sparen", erinnert sich Henzler heute. Die alten Weggefährten Mirko Votava (Henzlers Ex-Coach in Meppen) und Thomforde holten den Keeper zu Union Berlin. "Da habe ich wohl mein bestes Spiel der Karriere gemacht", blickt Henzler zurück. "Bei einem Sieg in Trier lief wirklich alles. Ich war Mann des Tages im kicker und bei Premiere. Aber Robert Wulnikowski, der da krank gefehlt hatte, hatte vorher gut gehalten. Und ich war nun mal nie ein Typ, der gequengelt hätte."

Um zu spielen, musste also 2004 wieder ein Wechsel folgen. "Nach Kiel wollte ich eigentlich gar nicht. Die erste Anfrage habe ich gleich abgelehnt", erzählt Henzler über den ersten Kontakt zu Holstein. Die Regionalliga war kein Problem - aber ihn zog es eigentlich wieder näher Richtung Heimat. "Doch das hat sich irgendwie nie ergeben." So ging es doch an die Förde - ein Schritt, den er nie bereute. "Obwohl wir sportlich unsere Ziele nie erreicht haben, habe ich mich hier schnell wohlgefühlt", sagt er. Nur nach dem Abstieg in die Oberliga 2007 musste er überlegen. "Ich hätte in Magdeburg das Doppelte verdienen können. Aber wir fühlten damals auch die Verpflichtung, den Abstieg auch wieder auszubügeln. Mein Berater hat mich damals für verrückt erklärt", lacht Henzler. Die Entscheidung war jedoch richtig. "Magdeburg hat damals die 3. Liga verpasst, wir sind zwei Mal aufgestiegen und 2007 habe ich in Kiel auch meine Frau kennengelernt." Mit Friederike ist er heute glücklich verheiratet - und nicht nur deshalb zufrieden im ursprünglich mal fremden hohen Norden.

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